Rezension über:

Stefan Siemer: Geselligkeit und Methode. Naturgeschichtliches Sammeln im 18. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Abt. für Universalgeschichte; Bd. 192), Mainz: Philipp von Zabern 2004, IX + 402 S., 31 Abb., 3 Karten, ISBN 978-3-8053-2995-8, EUR 45,00
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Rezension von:
Thomas Nutz
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Nutz: Rezension von: Stefan Siemer: Geselligkeit und Methode. Naturgeschichtliches Sammeln im 18. Jahrhundert, Mainz: Philipp von Zabern 2004, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/11545.html


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Stefan Siemer: Geselligkeit und Methode

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Endlich liegt mit Stefan Siemers Züricher Dissertation ein Buch zum naturgeschichtlichen Sammeln im 18. Jahrhundert vor. Die historische Wissenschaftsforschung hat ja seit Anfang der 1990er Jahre das Sammeln als Thema entdeckt. Im Rückgriff auf die Verfahren der Laborstudien hatten vor allem Paula Findlen, Emma Spary und Anke te Heesen in ihren Arbeiten Sammlungen und Museen des 17. und 18. Jahrhunderts als die Laboratorien der Naturgeschichte ins Zentrum gerückt. [1] Doch ist trotz dieser ersten Ansätze sowohl das Thema der Naturgeschichte im Allgemeinen, immerhin eines der größten naturwissenschaftlichen Wissensgebiete des 18. Jahrhunderts, wie das des Sammelns naturgeschichtlicher Objekte im Besonderen nach wie vor eine Tabula rasa der Forschung. Und so ist der Versuch von Stefan Siemer, mit seiner Studie diese klaffende Lücke zu schließen, besonders zu begrüßen.

In der naturgeschichtlichen Forschungspraxis spielten Sammlungen eine zentrale Rolle als Zentren eines großangelegten Projekts zur Erfassung der Natur. Hier fand die Ordnung, Klassifizierung und Beschreibung der Mineralien, Pflanzen und Tiere statt, hier wurde letztendlich das naturgeschichtliche Wissen produziert. Siemer behandelt das Thema nicht in seiner Gesamtheit. So geht es ihm nicht um naturgeschichtliche Ordnungssysteme, sondern er will Sammeln als kommunikative Praxis begreifen, die er bislang von der Sammlungsgeschichte als zu wenig beachtet sieht. Sein Ziel ist es, die Einheit der Praktiken des "Sprechens, Schreibens, Tauschens und Forschens" in den Blick zu rücken (5). Das Stichwort ist für ihn in diesem Zusammenhang "Geselligkeit", wodurch der Anschluss an die Forschung zu den Aufklärungsgesellschaften hergestellt wird. Insbesondere sieht er die Korrespondenznetzwerke und das Medium des Gelehrtenbriefs als das Feld an, über das sich ein Zugang zum Thema des naturgeschichtlichen Sammelns finden lässt. Was die Arbeit Siemers vor allem auszeichnet, ist das benutzte Quellenmaterial: die Nachlässe von Sir Hans Sloane (1660-1753), Emmanuel Mendes da Costa (1717-1791) in London und Johann Philipp Breyne (1680-1764) in Gotha. Auswahlkriterium war dabei vor allem die Funktion der genannten Protagonisten als Knotenpunkte von Korrespondenznetzwerken, weniger deren diskursive Stellung in der Naturgeschichte.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil steht die "Gemeinschaft" der Sammler im Vordergrund (14-139), also die geselligen Praktiken im urbanen Raum vornehmlich Londons sowie die Verbindungen zu anderen Orten wie Leiden, Paris oder Oxford: Praktiken, die sich zum einen in Besuchen der Sammlung Sloanes durch Englandreisende wie Breyne oder Uffenbach manifestieren, aber auch in den Korrespondenzbeziehungen zur englischen Provinz oder zum europäischen Kontinent. Siemer untersucht insbesondere den Brief als Medium der gelehrten Kommunikation, wobei er die Ökonomie des Tausches von Informationen, Büchern und Naturalien in den Vordergrund stellt.

Der zweite Teil ist den "Sammlungsräumen" gewidmet (140-216). Hier versucht Siemer die Naturaliensammlung als Ort der wissenschaftlichen Spezialisierung, Professionalisierung und Öffentlichkeit zu begreifen, deren Objekte "weniger dem Vergnügen des neugierigen Besuchers dienten als vielmehr der wissenschaftlichen Beschreibung" (141). Obwohl er die Brücke zur Sammlung als Element eines Lebensstils zu schlagen versucht, bleibt er doch an hergebrachten Dichotomien wie Wissenschaft/Nicht-Wissenschaft, Amateur/Professioneller haften, die für den Untersuchungszeitraum so nicht zutreffend sind. [2] Weiter geht es Siemer darum, die Anfänge öffentlicher Sammlungen wie dem Ashmolean Museum in Oxford oder dem British Museum aufzuzeigen, die er im Gegensatz zu den Privatsammlungen als "Großforschungseinrichtungen" (216) interpretiert, die sich durch einen höheren Grad an Ordnung und klassifikatorischer Systematik auszeichnen würden.

Schließlich stehen im dritten Teil die naturgeschichtlichen Sammlungen als Stätten der "Forschung" im Mittelpunkt (217-340). Siemer sieht im "Katalogisieren" und im publizierten "Katalog" den zentralen Texttyp naturgeschichtlicher Forschung. Nach einem minimal knappen Aufriss naturhistorischer Systembildung analysiert Siemer die Sammlungen von Sloane und Mendes da Costa, wobei er Sloanes Kabinett vom "Prinzip der Enzyklopädie", Mendes da Costas Sammlung hingegen von einer kritischen Haltung gegenüber Linnéscher Systematik geprägt sieht.

Insgesamt wirft die Studie Siemers immer wieder eine Reihe interessanter Fragen auf: zum einen nach der sozialen Praxis des Umgangs mit Naturalien als Teil der Wissensproduktion, die immer an die gegenseitige Kommunikation und den Austausch der Objekte gebunden bleibt, wobei Siemer zugleich die Brücke zur Konsumgeschichte schlägt und die Praktiken des Objekterwerbs studiert. Zum anderen ist es die Frage nach den wissenschaftlichen Kommunikationsnetzwerken, die Siemer in den Vordergrund rückt: die Medien des Briefes, des Fragebogens, der Zeitschrift und des Buches, aber auch der Gelehrtenbesuch, durch den die Sammlung zum Zentrum gelehrter Geselligkeit wird. Leider werden diese Fragen dann allerdings meistens in einer eher episodenhaften Weise beantwortet. Dies ist vermutlich vor allem auf die Quellenauswahl zurückzuführen, die im Wesentlichen aus den genannten Briefwechseln besteht. Auch wenn es Siemer vornehmlich um Kommunikationsprozesse geht, wäre in einem Buch über naturhistorisches Sammeln doch eine Auseinandersetzung mit den gesammelten Objekten - den Naturalien - wünschenswert gewesen. So bleibt die Rolle der Naturgeschichte als Gegenstand von "Geselligkeit und Methode" schemenhaft.


Anmerkungen:

[1] Paula Findlen: Possessing Nature. Museums, Collecting, and Scientific Culture in Early Modern Italy, Berkeley u.a. 1994; Emma C. Spary: Utopia's garden: French natural history from Old Regime to Revolution, Chicago 2000; Anke te Heesen / Emma C. Spary (Hg.): Sammeln als Wissen: das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, Göttingen 2001.

[2] Bettina Dietz: Mobile objects. The space of shells in eighteenth-century France, in: British Journal for the History of Science 39/3 (2006), 1-20; dies.: Exotische Naturalien als Statussymbol. Die Inszenierung von Prestige und Wissen in Pariser Sammlungen des 18. Jahrhunderts, in: Hans-Peter Bayerdörfer / Eckhart Hellmuth (Hg.), Exotica. Konsum und Inszenierung des Fremden, Münster 2003, 25-43.

Thomas Nutz