Rezension über:

Gerd Mentgen: Astrologie und Öffentlichkeit im Mittelalter (= Monographien zur Geschichte des Mittelalters; Bd. 53), Stuttgart: Hiersemann 2005, X + 358 S., ISBN 978-3-7772-0512-0, EUR 149,00
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Rezension von:
Gerrit Jasper Schenk
Historisches Institut, Universität Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Christine Reinle
Empfohlene Zitierweise:
Gerrit Jasper Schenk: Rezension von: Gerd Mentgen: Astrologie und Öffentlichkeit im Mittelalter, Stuttgart: Hiersemann 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/10725.html


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Gerd Mentgen: Astrologie und Öffentlichkeit im Mittelalter

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Gerd Mentgen hat ein Buch zu einem Thema geschrieben, das auch für Allgemeinhistoriker von Interesse ist. Auch wenn der Astrologie und dem Glauben an die Macht der Sterne auf den Lauf der Welt heute wie im Mittelalter etwas illegitim "Anrüchiges" und Beängstigendes (275) oder Lächerliches und Verspottetes (143-146) anhaften, so ist eine historische Analyse der Astrologie doch nicht abwegig. Beispielhaft hierfür steht die von Mentgen kritisch diskutierte Frage, ob politische Entscheidungen unter dem Einfluss von Astrologen gefällt wurden (197 f., 212 f., 257, 264). Auch die oft behandelte Debatte über eine astrologisch prognostizierte Sintflut im Jahr 1524, die nach Mentgen (142, 279) mit einer "Kollektivpanik" in weiten Teilen des Reiches und Italiens verbunden war, gewinnt unter astrologiehistorischem Blickwinkel neue Facetten. Mentgen fokussiert so ein riesiges Forschungsfeld auf den Aspekt der öffentlichen Funktionen und Wirkungen von Astrologie, "die zwischen den Polen Alltagsbegleitung, Geheimwissenschaft und Publikumssensation" (14) oszilliere.

Er legt (162) dar, dass die deutschsprachigen Althistoriker [1] den Mediävisten bei der Analyse dieses Forschungsfeldes methodologisch um einiges voraus seien. Das mag auch an der diffizilen Quellenlage liegen. Die schwere Zugänglichkeit der Überlieferung resultiert jedoch weniger aus der gefährlichen Nähe der Astrologie zur Leugnung der Allmacht Gottes und der menschlichen Willensfreiheit (244-248) oder ihrem Charakter als Geheimwissenschaft (270-273) - Mentgen kann im Gegenteil zeigen, dass Kleriker eine prominente Rolle bei der Produktion und Verbreitung astrologischer Prognostiken spielten (25-27, 58 f., 74 f., 195, 215 f. und öfter) und dass deren öffentliche Wahrnehmung im Interesse der Astrologen selber lag (230 f.). Die Schwierigkeit liegt in der Fülle des Materials. Eine Durchsicht der "allein in Deutschland auf ca. sechzigtausend Bände geschätzten mittelalterlichen Handschriften" (5) stellt Mediävisten vor eine unmögliche Aufgabe. Mentgen wertet daher vornehmlich die weit verstreute Literatur zum Thema aus, geht auch versteckten Hinweisen auf Handschriften nach, die er Kollegen, Bibliothekaren und Archivaren, besonders Robert E. Lerner (z. B. 89 A. 345) verdankt. Sein Handschriftenverzeichnis (286 f.) zeugt davon, dass sich diese aufwändige Arbeit gelohnt und einen zwar unvollständigen, aber soliden Grund für die Studie gelegt hat. [2]

Mentgen führt zunächst in einem Forschungsüberblick in die Thematik ein und skizziert seine Fragestellung, verwendete Begrifflichkeit sowie den zeitlichen und geografischen Rahmen seiner Studie: Er nimmt das ganze mittelalterliche Jahrtausend (bis 1524) in den Blick und verfolgt die Problematik europaweit, mit einem Schwerpunkt auf dem Geschehen im Reich und in Mitteleuropa, ohne byzantinische und islamische Einflüsse aus den Augen zu verlieren. In Abgrenzung zum Begriff der Öffentlichkeit bei Jürgen Habermas bevorzugt er ein "allgemeineres Verständnis von Öffentlichkeit im Sinne von Wahrnehmbarkeit außerhalb geschlossener Zirkel und Reaktion eines im einzelnen näher zu bestimmenden 'Publikums'" (14).

In zwei Kapiteln thematisiert er das Verhältnis von Astrologie und Öffentlichkeit. Im ersten ist es die "Astrologie im Fokus 'internationaler' und städtischer Öffentlichkeit" am Beispiel des umfassend kontextualisierten sogenannten Toledobriefes [3] und ähnlicher Prognostiken. Mentgen erläutert die Entstehungsumstände des Toledobriefs, der ein apokalyptisches Szenario (Sonnenfinsternis, Orkan, Erdbeben, Seuchen, Hunger) als Folge einer Saturn-Jupiter-Konjunktion im Jahre 1286 ankündigte. Er vermutet als Verfasser des Textes, der als Prognostik zu Beginn des 12. Jahrhunderts im Nahen Osten (31-36) zirkulierte, den konvertierten Juden Johannes David, der als Mitarbeiter von Dominicus Gundisalvi in der Übersetzerschule von Toledo über Beziehungen zum örtlichen Metropoliten verfügt habe (19-31). Er analysiert die Verbreitung der zahlreichen Prognostik-Varianten vor allem über die klerikale Elite (leider ohne eine Art Stemma zu entwerfen) und schildert zeitgenössische Reaktionen (Bußprozessionen, bauliche Schutzmaßnahmen, Gegengutachten und Spott). Seit dem 13. Jahrhundert zunehmend auch im städtischen Milieu rezipiert, sei die Prognostik mit der seit 1519 zirkulierenden Sintflutprophezeiung für 1524 verschmolzen. Das Kapitel schließt mit einer Analyse der vor allem von Mendikanten verbreiteten Sintflutfurcht der Jahre bis 1524, die offenbar zugleich der Rezeption der Toledobriefe ein Ende setzte (127, 279).

Das zweite Kapitel nimmt sich der Wirkung von Astrologen in der geschlossenen Öffentlichkeit der europäischen Höfe seit der Spätantike an. Mentgen präsentiert einen bislang desideraten Überblick, prosopografisch über das detaillierte Register erschlossen, mit vielen neuen Details und Deutungen. So kann er ein frühes Interesse der Grafen von Blois-Champagne für die Astrologie nachweisen (176-183), diskutiert die Astrologie am Hofe des Staufers Friedrich II. und seiner Parteigänger (191-199), konstatiert einen 'Vorsprung' des Reichs gegenüber Frankreich (213), verliert aber auch Polen und Ungarn (217-223) nicht aus dem Blick. Er behandelt die Stellung der Astrologen bei Hofe, entzaubert z. B. die Stellung Johannes Lichtenbergers als Hofastrologe Kaiser Friedrichs III. als eher randständig (227-235), diskutiert den instrumentalisierenden Einsatz von Astrologie als politische 'Propaganda' und Astrologie als Arkanwissenschaft. Eine konzise Zusammenfassung beschließt die Studie.

Eine große Fülle von Einzelbeobachtungen und neuen Erkenntnissen also, ein verdienstvoller Überblick bei gleichzeitiger Tiefenschärfe im Detail. Doch bleiben auch viele Fragen offen oder stellen sich neu: Der zugrundegelegte Öffentlichkeitsbegriff scheint mir konzeptionell zu vage zu sein, um als analytisches Instrument dienen zu können. Trotz (berechtigter) Kritik am Öffentlichkeitsbegriff von Habermas gewinnt die Studie gerade durch den an Habermas geschärften Blick an Konturen (173, 192), hingegen bleibt der "Evidenzraum der höfischen Öffentlichkeit" (160) konzeptionell unscharf. Zweifellos bieten etwa neuere soziologische oder kommunikationswissenschaftliche Konzepte keine Forschungsanleitung für Mediävisten, aber sie können zur Schärfung des begrifflichen Instrumentariums beitragen [4]. So könnten vielleicht auch Erklärungen für das eingangs konstatierte Oszillieren der Astrologie zwischen Alltag, Arkanum und Sensation gefunden werden. Für die ambivalente Rolle vieler Astrologen am spätmittelalterlichen Hofe - öffentlich verschwiegen - scheint mir etwa der bereits angedeutete Weg eines Vergleichs mit der Rolle und Funktion der Humanisten bei Hofe prospektiv (241, 271 f.): Astrologen könnten als Distinktionsmerkmal zur Produktion des Arkanums um den Herrscher beigetragen, umgekehrt der Habitus des Fürsten als uomo universale einen Umgang mit Astrologen erforderlich gemacht haben. Das große Interesse gerade des Klerus an der Astrologie und ihrer Prognostik scheint mir dagegen unter anderem mit der Vorstellung von der Lesbarkeit der Schöpfung zusammenzuhängen, die das Buch der Natur als anderes Testament verstand, das eine Kommunikation des Höchsten mit den Menschen erlaubte. Eine Überprüfung von Erdbebenberichten auf ihren realgeschichtlichen Hintergrund (52 A.158 f.) zur Beurteilung ihres kommunikativen Charakters zwischen Gott und den Menschen in der Vorstellung von (bisweilen identischen) Chronisten, Astrologen und Klerikern schiene mir daher sinnvoll [5]. Der Begriff der Öffentlichkeit gewönne dadurch auch eine vielleicht eigentümlich 'mittelalterliche' Dimension hinzu. Doch diese ergänzenden Überlegungen sollen nicht verdecken, dass mit Mentgens Habilitationsschrift eine Studie vorliegt, die auf diesem Gebiet Maßstäbe setzt und sicher für längere Zeit eine solide Grundlage der Forschung bilden wird.


Anmerkungen:

[1] Mentgens Forschungsüberblick könnte noch die zeitgleich erschienene Studie von Almuth Lotz: Der Magiekonflikt in der Spätantike, Bonn 2005, angefügt werden.

[2] Da die Beurteilung einer ganzen Reihe von Handschriften offenbar nicht auf Autopsie beruht, sondern z. B. auf der Prüfung von Farbdias (48 A. 141: Admont, Stiftsbibliothek, Cod. 381), Mikrofilmaufnahmen (230 A. 466: Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 12), Fotokopien (50 A. 150: London, British Library, Additional Ms. 16606) und den Angaben der Fachleute vor Ort (201 A. 282: München, Stadtarchiv, Zimelie 45/2), wäre vielleicht neben den erklärenden Fußnoten im Text auch ein entsprechender Vermerk im Handschriftenverzeichnis ratsam gewesen.

[3] Zuletzt gründlich Dorothea Weltecke: Die Konjunktion der Planeten im September 1186. Zum Ursprung einer globalen Katastrophenangst, in: Saeculum. Jahrbuch für Universalgeschichte 54 (2003), 179-212.

[4] Instruktiv z. B. Arié Malz: Der Begriff "Öffentlichkeit" als historisches Analyseinstrument. Eine Annäherung aus kommunikations- und systemtheoretischer Sicht, in: Romy Günthart / Michael Jucker (Hg.): Kommunikation im Spätmittelalter. Spielarten - Wahrnehmungen - Deutungen, Zürich 2005, 13-26.

[5] Die von Mentgen hier (Erdbeben um Brescia 1222) offenbar vermisste Möglichkeit einer Überprüfung chronikalischer Erdbebenberichte besteht mit der Datenbank (CD-ROM-Beilage) bei Enzo Boschi u.a. (Hg.): Catalogo dei forti terremoti in Italia dal 461 a.C. al 1990 (Istituto Nazionale di Geofisica SGA storia geofisica ambiente), Roma 1997, die nach Möglichkeit auch urkundliche und bauhistorische Befunde erfasst.

Gerrit Jasper Schenk