Rezension über:

Mario Glauert: Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527) (= Prussia Sacra; Vol. 1), Toruń: Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika 2003, 622 S., 1 Karte, ISBN 978-83-231-1681-3, EUR 39,00
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Rezension von:
Maciej Dorna
Collegium Historicum, Uniwersytet im. Adama Mickiewicza, Poznań
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Maciej Dorna: Rezension von: Mario Glauert: Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527), Toruń: Wydawnictwo Uniwersytetu Mikołaja Kopernika 2003, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 6 [15.06.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/06/10158.html


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Mario Glauert: Das Domkapitel von Pomesanien (1284-1527)

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Die Geschichte der vier Domkapitel, die auf dem Gebiet des preußischen Staates des Deutschen Ordens bestanden - des kulmischen, ermländischen, pomesanischen und samländischen - ist ein Thema, das von der Forschung lange Zeit nicht besonders intensiv bearbeitet worden ist. Erst in der letzten Zeit lässt sich auf diesem Feld eine deutliche Wiederbelebung beobachten [1], für die nicht zuletzt die Monographie über das pomesanische Domkapitel von Mario Glauert steht.

Als Mario Glauert seine Untersuchungen zur Geschichte des pomesanischen Domkapitels aufnahm, war dieses ohne Zweifel das am schlechtesten erforschte Kapitel der vier preußischen Einrichtungen dieser Art. Nur einige Aspekte waren damals relativ gut bekannt: seine Unterstellung unter die Regel des Deutschen Ordens (die so genannte Inkorporation in den Orden), sein Besitz sowie die Geschichte seiner Mutterkirche, des Domes zu Marienwerder. Darüber hinaus wusste man wenig von ihm. Die Regeln, die seine Tätigkeit bestimmten, seine innere Organisation, seine Mitglieder waren in weiten Strecken eine Terra incognita. Die Monographie von Mario Glauert hat diese Lücke gefüllt.

In seiner Darstellung strebt Mario Glauert nach möglicher Vollständigkeit, indem er alle in der Überlieferung dokumentierten Aspekte der Geschichte des pomesanischen Domkapitels zu berücksichtigen versucht. Was ihm dabei hilft, ist die vortreffliche Kenntnis des gesamten Quellenmaterials, die beim Lesen seines Buches von der ersten bis zur letzten Seite auffällt.

Mario Glauert hat seine Ausführungen in zehn Abschnitte geteilt, von denen die zwei ersten einführenden Charakter haben. Der Autor bespricht hier u.a. ausführlich die Quellengrundlage seiner Untersuchungen und betrachtet die Geschichte der mit dem pomesanischen Domkapitel verbundenen Denkmäler, wie des Doms zu Marienwerder und der zwei Kapitelsburgen in Marienwerder und Schönburg.

Eine systematische Behandlung der Geschichte des pomesanischen Domkapitels beginnt im dritten Abschnitt, in dem der Autor die Gründung des Domkapitels 1284/1285 behandelt und die weitere Entwicklung des Kapitels bis zu seiner Auflösung 1527 vor dem Hintergrund der gesamten Geschichte Preußens in synthetischer Form verfolgt. Dieser Abschnitt ist gleichsam der Ausgangspunkt für die detaillierten Untersuchungen verschiedener Aspekte der Geschichte des pomesanischen Domkapitels, die den Inhalt der nächsten sieben Abschnitte bilden.

Im vierten und fünften Kapitel befasst sich der Autor mit den stark aufeinander bezogenen Fragen der Verfassung und der Binnenstruktur des pomesanischen Domkapitels. Was ihn hier vor allem interessiert, sind die Voraussetzungen der Aufnahme neuer Mitglieder, die Zahl der Mitglieder, die materiellen Grundlagen der Existenz der Kanoniker und verschiedene Formen ihrer Aktivität, sowohl der individuellen als auch der kollektiven, wie Kapitelversammlungen oder Bischofswahlen. Der Leser findet hier auch die Analyse der Regeln, die die Besetzung der einzelnen Kapitelämter bestimmten, eine Beschreibung der Kompetenzen dieser Ämter, sowie Verzeichnisse ihrer in den Quellen nachweisbaren Träger.

Der sechste Abschnitt ist den Mitgliedern des pomesanischen Domkapitels gewidmet. Der Autor versucht hier, die Ergebnisse seiner - im letzten Abschnitt enthaltenen - detaillierten Untersuchungen zu den Biographien der Domherren auszuwerten. Diese Auswertung zielt auf vier Fragen: aus welchen Gebieten und aus welchen sozialen Schichten rekrutierten sich die Kanoniker, wie waren sie ausgebildet und welchen Platz in ihren Lebensläufen nahm die Zugehörigkeit zum pomesanischen Domkapitel ein? Der Autor konnte in Bezug auf diese Problematik eine Vielzahl von wichtigen Beobachtungen machen, wenn auch Datenlücken in der Überlieferung ihn in vielen Fällen seine Schlussfolgerungen mit großem Vorbehalt formulieren lassen. Es muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Erörterungen des Autors zu den pomesanischen Kanonikern nicht nur das Gesamtbild des pomesanischen Domkapitels erheblich ergänzen, sondern auch im Hinblick auf die Geschichte des Deutschen Ordens wichtig sind, weil sich infolge der oben genannten "Inkorporation" alle pomesanischen Domherren aus dem Deutschen Orden rekrutierten. In dieser Hinsicht ist das Buch von Mario Glauert ein weiterer wichtiger Beitrag zur Personengeschichte des Deutschen Ordens, der die personengeschichtlichen Arbeiten von Dieter Wojtecki (1971), Klaus Scholz (1971), Sonja Neitmann (1993) sowie Klaus Militzer und Lutz Fenske ergänzt (die beide Letzteren haben 1993 einen umfangreichen Katalog der livländischen Deutschordensritterbrüder herausgegeben). Umso wichtiger, weil in diesem Fall der Gegenstand einer solchen Untersuchung zum ersten Mal nicht Ritter-, sondern Klerikerbrüder des Deutschen Ordens sind.

Drei weitere Abschnitte beziehen sich auf die Problematik der Landes- und Grundherrschaft des Kapitels. Im siebten Abschnitt gibt der Autor eine Charakteristik des Personals, mit dessen Hilfe die pomesanischen Domherren ihre Landesherrschaft ausübten und ihre eigenen Güter verwalteten; am meisten Aufmerksamkeit wird hier dem Kapitelvogt gewidmet. Im achten Abschnitt beschäftigt sich der Autor mit den verschiedenen Aspekten der Landesherrschaft des pomesanischen Kapitels. Er verfolgt hier die verschiedenen Etappen seit ihrer Entstehung, versucht die Grenzen des Kapitelterritoriums zu bestimmen und betrachtet die Attribute der Landesherrschaft des Kapitels, wie Jurisdiktion oder Patronatsrecht. Im neunten Abschnitt findet der Leser eine genaue Beschreibung der dem pomesanischen Domkapitel gehörenden Güter.

Den Inhalt des letzten, fast 200 Seiten zählenden Abschnitts bilden die Biogramme aller pomesanischen Kanoniker, die im Quellenmaterial irgendwelche Spuren hinterlassen haben. Der Umfang der nach einem einheitlichen Schema verfassten 150 Biogramme schwankt zwischen einigen Zeilen und einigen Seiten, je nachdem, wie viele Informationen zu den einzelnen Domherren der Autor in den Quellen finden konnte. Wie oben gesagt bildet dieses riesige prosopographische Material die Grundlage für die im sechsten Abschnitt enthaltenen Erörterungen zu Herkunft, Ausbildung und Karrieren der Mitglieder.

Das Buch von Mario Glauert ist ohne Zweifel eine bedeutende Leistung. Sein Wert liegt vor allem in der Ausführlichkeit und Komplexität, mit der der Autor das Thema betrachtet, sowie in der Gründlichkeit, mit der er das gesamte Quellenmaterial erforscht hat. Man kann sich wünschen, dass auch zu anderen preußischen Domkapiteln solch ausführliche Monographien entstehen.

Das Buch erschien als erster Band der neuen Reihe "Prussia Sacra", die ein gemeinsames Unternehmen der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń und des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen ist. Wenn die nächsten Bände sich ebenso reich an neuen Erkenntnissen erweisen, wird diese neue Reihe erheblich zur besseren Kenntnis der Kirchengeschichte Preußens beitragen.


Anmerkung:

[1] Hierbei ist sowohl an die Gesamtheit der seit der Mitte der 1990er Jahre erschienenen Veröffentlichungen des polnischen Historikers Andrzej Radzimiński zu denken, als auch an den Sammelband: Die Domkapitel des Deutschen Ordens in Preußen und Livland, hg. v. Radosław Biskup und Mario Glauert, Münster 2004.

Maciej Dorna