Rezension über:

Gerhard Schmidt: Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke. Hrsg. von Martin Roland, Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2005, 2 Bde, XII + 468 S., VI + 406 S., zahlr. Abb., ISBN 978-3-201-01846-3, EUR 120,00
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Rezension von:
Iris Grötecke
Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Gerhard Lutz
Empfohlene Zitierweise:
Iris Grötecke: Rezension von: Gerhard Schmidt: Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke. Hrsg. von Martin Roland, Graz: Akademische Druck- und Verlagsanstalt 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/9836.html


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Gerhard Schmidt: Malerei der Gotik

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Das zweibändige Werk bietet eine umfangreiche Auswahl von Texten zur mittelalterlichen Malerei aus den Publikationen des 1924 geborenen österreichischen Kunsthistorikers Gerhard Schmidt. Es reiht sich in eine Folge von Sammelschriften eigener Texte sowie von Festschriften zu seiner Ehrung ein: 1992 erfolgte die Herausgabe seiner Aufsätze zur Skulptur des Mittelalters [1], 1994 erschien die doppelbändige Festschrift zu seinem 70. Geburtstag [2] und 2004 die zu Ehren des 80. Geburtstags des Autors verfassten Beiträge in den Codices Manuscripti. [3] Der vorliegende Sammelband wiederum eigener Schriften hat, wie der Herausgeber Roland Martin im Vorwort betont, ebenfalls den Charakter einer Ehrung des Autors. Er will gleichzeitig wichtige und einflussreiche Texte Gerhard Schmidts in der Hoffnung verfügbar machen, dass sie auch die künftige Forschung anregen werden.

Die beiden Bände vereinen neben dem Vorwort des Herausgebers und den Vorbemerkungen des Autors selbst mit insgesamt 49 Texten Schriften sehr unterschiedlichen Charakters aus einem halben Jahrhundert Forschungstätigkeit: Aufsätze, Beiträge aus Ausstellungskatalogen nebst Katalogeinträgen, Editionskommentare und Rezensionen. Die beiden ältesten Beiträge stammen aus dem Jahr 1959, der jüngste aus dem Jahr 2003, zwei erscheinen neu in deutscher Übersetzung, drei Aufsätze sind Erstpublikationen. Alle Texte sind aus den Gattungsbereichen der Malerei zusammengestellt worden. Dabei spiegelt die Auswahl der Beiträge die Interessenschwerpunkte Gerhard Schmidts in der österreichischen Kunstgeschichte des Mittelalters und hier insbesondere in der Buchmalerei wider; sie umfasst lediglich einige wenige Texte zur englischen, deutschen oder italienischen Buchmalerei sowie zur Tafelmalerei. Die Erwartung, die der Titel hinsichtlich des gattungsspezifischen und des geografischen Umfangs erweckt, kann die Auswahl deshalb nicht erfüllen.

Die Beiträge zur Buchmalerei in Österreich vom 13. bis 15. Jahrhundert bieten das Material in einer objektbezogenen, nah am Detail arbeitenden Perspektive; hier werden auch ältere Katalogeinträge wieder abgedruckt. Neuere Beiträge zur "Malerschule von St. Florian", mit deren Untersuchung der Autor 1962 bekannt geworden war, finden sich hier ebenso wie Arbeiten zum Krumauer Bilderkodex oder zu Johann von Troppau, zur Regensburger oder zur Salzburger Buchmalerei. Vor allem aber breiten diese Aufsätze und Kommentare eine große Objektkenntnis aus, die auch weniger bekannte Handschriften und Fragmente umfasst. Diese Kennerschaft macht im Verein mit den in Anzahl und Qualität weit über die Erstpublikationen hinausgehenden Abbildungen den eigentlichen Nutzen dieser Sammelbände aus. Hier entwickelt sich ein weit verzweigtes Bezugsnetz, welches sowohl stilistische Abfolgen als auch Vorstellungen eines Stilpluralismus umfassen kann. Hinsichtlich der Erkenntnisperspektiven wird allerdings nur ein schmales Spektrum möglicher kunsthistorischer Forschung abgedeckt: Chronologische Einordnung und vor allem die Zuordnung der Werke zu Meistern und Werkstätten sind das vorrangige Ziel der Untersuchungen. Fragestellungen zum kulturellen Umfeld, zum Verständnishorizont potenzieller Buchbenutzer oder zur Narrations- und Funktionsforschung werden nur an wenigen Stellen thematisiert. Die Texte bieten auch im Anmerkungsapparat keinerlei Hinweise auf solche Forschungen. Die geschichtliche Dimension der Malerei präsentiert sich deshalb ausschließlich als eine Abfolge formaler Veränderungen.

Diese Einschränkung des Blicks betrifft auch die Beiträge zur Wand- und Tafelmalerei. Der Autor hat sich mehrfach um die adäquate chronologische und stilistische Einschätzung von in der Forschung strittigen, für die Malereientwicklung aber wichtigen Werken wie den Chorschrankenmalereien im Kölner Dom, dem kleinen Bargello-Diptychon, der Wehrdener Kreuzigung oder der Kaufmannschen Kreuzigung bemüht. Er hat dabei mittlerweile weithin rezipierte Ergebnisse vorgestellt, die in diesen Sammelbänden nachgelesen werden können. Religiöser Kontext, Rezeptionsbedingungen, Gegenstandsentwicklung und Mitteilungsfähigkeit der Darstellungen werden allerdings auch hier nicht berührt. Die Nachträge aus den Jahren 2003 und 2004, die Schmidt einer ganzen Reihe seiner Schriften in dieser Publikation beigibt, rezipieren konsequent nur die Arbeiten zur Einschätzung des Materials, nicht aber die gesamte Forschungsdiskussion. Exemplarisch sei der Nachtrag zu den Kölner Chorschranken genannt (Bd. 2, 185-187), der zu Recht eine nach Schmidts Aufsatz von 1979 publizierte Dissertation [4] für ihre völlige Ignorierung von Stil- und Werkstattfragen kritisiert, deren eigentlichen Wert in der Erforschung ikonographischer und motivischer Zusammenhänge aber nicht einmal erwähnt. Auch Erkenntnisse zur Maltechnik oder zur Einbindung der Chorschrankenmalerei in die zeitgleich entstehende Glasmalerei sowie zur Funktion der Raumteile werden nicht erwähnt. Insgesamt suggerieren diese Nachträge zwar eine bis in die Gegenwart fort gedachte Arbeit an den Themen, sie bieten jedoch keine Darstellung der nach den Publikationen Gerhard Schmidts weiter geführten Forschungen. Eine eigene bibliografische Recherche der zukünftigen Nutzer des Buches bleibt deshalb unerlässlich. Einen ambivalenten Eindruck zwischen einem historischen Diskussionsstand und einer heutigen Erörterung vermittelt auch das ständige Vexierspiel zwischen den unverändert übernommenen, den gekürzten oder erweiterten Texten bzw. den mit neueren Fragmenten zusammengestellten Teilabdrucken älterer Aufsätze. Einerseits sind zwar in editorischer Exaktheit die Seitenumbrüche der Erstpublikationen angegeben worden, andererseits können trotz der Aufschlüsselung im Anmerkungsapparat manchmal der ehemalige und der heutige Zustand der Texte kaum noch nachvollzogen werden (besonders gravierend im Beitrag zum Krumauer Bilderkodex, Bd. 1, 259-303). Dies erschwert die Verfolgung von gewachsenen Forschungskontroversen, die ja auch ein Anliegen eines solchen Sammelwerkes mit Texten aus unterschiedlichen Jahrzehnten sein könnte.

Die drei neu geschriebenen Aufsätze bringen einen kleineren Beitrag zur Wiener Buchmalerei des frühen 15. Jahrhunderts, einen Versuch zu frühen Porträtstudien in der französischen Malerei, der sich weitgehend an bekanntes Material anlehnt, und eine erneute Diskussion der Lokalisierung der zwischen Böhmen und Österreich strittigen Kaufmannschen Kreuzigung. Letzterer Beitrag (Bd. 1, 229-258) rekapituliert die bekannten Thesen und versucht dann unter Hinzuziehung von neuem Bildmaterial die Möglichkeit einer Salzburger Herkunft der Tafel zu erhärten. Interessant ist hier insbesondere die bewusste Reflexion der Grenzen solcher stilvergleichender Untersuchungen und das Bekenntnis zur Unabgeschlossenheit der Diskussionen. Diese Offenheit kennzeichnet auch einige weitere jüngste Beiträge des Autors, etwa den Teilabdruck seines Beitrags zur Malerei aus der Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich von 2000 (Bd. 1, 379-388), ohne dass daraus allerdings Schlussfolgerungen für ein zukünftiges Vorgehen gezogen werden.

Es erscheint durchaus sinnvoll, den Lesern und Leserinnen eine schnelle Verfügbarkeit älterer, oft tatsächlich nur schwer beschaffbarer Aufsätze und Buchbeiträge von Gerhard Schmidt zur Verfügung zu stellen. Einiges wäre unter dieser Perspektive allerdings verzichtbar gewesen, insbesondere diejenigen Texte, die in jüngeren Jahrgängen der Kunstchronik, des Wiener Jahrbuchs für Kunstgeschichte oder in Handbüchern erschienen sind. Unter der Perspektive einer Präsentation der "Essenz" des wissenschaftlichen Schaffens des Autors, die im Vorwort von Roland Martin als Motiv anklingt, wären darüber hinaus die Rezensionen und viele Katalognummern, die heute nicht mehr aktuell sind, verzichtbar gewesen. Nützlich für die eigene Arbeit sind sicherlich die exzellenten Farbaufnahmen einer ganzen Reihe von Werken sowie viele der Schwarzweiß-Abbildungen, die das Buch in großer Fülle bietet. Lesens- und bedenkenswert sind auch viele der Beobachtungen an den Objekten selbst. Ob die dargebotenen Texte aber Ausblicke für zukünftige Forschungen sein können, ist auf Grund ihres engen Ansatzes in einem Fach, welches von den neuen technischen Untersuchungsmöglichkeiten über einen breiten, gesellschaftlich geprägten Kulturbegriff bis zum interdisziplinären Material- und Methodenaustausch einen immensen Zuwachs an Perspektiven erfahren hat, eher fraglich.


Anmerkungen:

[1] Gerhard Schmidt: Gotische Bildwerke und ihre Meister, 2 Bde., Wien, Köln, Weimar 1992.

[2] Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Bd. 46/47, 1993/94: Beiträge zur mittelalterlichen Kunst, Teil I und II.

[3] Codices Manuscripti, Heft 48/49, 2004.

[4] Ute Wachsmann: Die Chorschrankenmalereien im Kölner Dom. Untersuchungen zur Ikonologie, 2 Bde., Bonn 1985.

Iris Grötecke