Rezension über:

Wolfgang Schwentker (Hg.): Megastädte im 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, 308 S., ISBN 978-3-525-36296-9, EUR 24,90
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Rezension von:
Markus Raasch
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Markus Raasch: Rezension von: Wolfgang Schwentker (Hg.): Megastädte im 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/12481.html


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Wolfgang Schwentker (Hg.): Megastädte im 20. Jahrhundert

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Die veritable Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die wohl jeder so genannten "Megastadt" eigentümlich ist, veranschaulicht Heinrich Heine am Paris der Juli-Monarchie: Für ihn ist die Stadt einerseits ein "Pantheon der Lebenden", andererseits ein Mausoleum verstorbener Hoffnungen, in der lediglich die Gräber Anspruch auf Wahrheit erheben dürfen (Französische Zustände, 3 und 6). Er erkennt in Paris "das neue Jerusalem" (Englische Fragmente), verweist aber auch auf undeutlich gewordene Erinnerungsorte wie das Elephantenmodell auf dem Bastillenplatz oder den ruhmreichen Place de la Concorde, der aus Sicht des Flaneurs Heine zugleich Hoffnung und Scheitern der Moderne manifest werden lässt (Lutezia, XXXVIII und L).

Dem von der modernen Kulturwissenschaft aufgegriffenen Bemühen Heinrich Heines, urbanen Raum als Konstrukt zu verstehen und Stadt als Text zu lesen, setzt der anzuzeigende Band nüchterne Definition und Zahlen gegenüber: Eine Metropole sieht sich dadurch gekennzeichnet, dass sie mehr als eine Million Einwohner aufweist. In einer Megastadt leben mehr als fünf Millionen Menschen, wobei von einer metropolitanen Agglomeration auszugehen ist, zu der neben der Kernstadt die suburbanen Randzonen und die hochgradig verstädterten Regionen der Umgebung gehören. Im Jahre 2000 waren weltweit 45 Megastädte dieser Art bekannt. Zu zwei Dritteln lagen sie in Entwicklungsländern.

Eine komparative und dabei genuin historische Perspektive ist in der umfangreichen Forschung zum Phänomen der Megastädte bisher weitgehend vernachlässigt worden. Dem sucht der Band, der in Teilen auf eine Sektion des Aachener Historikertages im Jahre 2000 zurückgeht, entgegen zu wirken. Er möchte megapolitane Entwicklungsprozesse jenseits von Zivilisationsgrenzen ins Blickfeld nehmen und versammelt dazu elf Fallstudien, die ein relatives Gleichmaß an geografischer Verteilung gewährleisten und sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht repräsentative Einsichten versprechen. Gegenstand der Betrachtung sind für Europa London und Moskau, für den amerikanischen Kontinent zum einen Chicago und Los Angeles, zum anderen Mexiko City und São Paulo, Asien ist durch Shanghai, Seoul, Tokyo sowie Delhi vertreten, Afrika durch das nigerianische Lagos.

Der Fokus der Beiträge ist vor allem auf vier Problembereiche ausgerichtet: Zum ersten sollen die Gründe für das rasante Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert, zum zweiten seine sozio-ökonomischen Implikationen herausgearbeitet werden. Drittens wird nach Verhaltensweisen und Strategien des politisch-administrativen Apparates gefragt. Schließlich interessiert die Sichtweise der Bewohner auf den urbanen Raum und wie sich ihre Wahrnehmungsmodi durch die Jahre verändert haben.

Insbesondere hinsichtlich der ersten beiden Aspekte können die durchweg überaus faktenreichen und größtenteils gut lesbaren Aufsätze ebenso differenzierte wie tragfähige Ergebnisse liefern: So wird etwa deutlich, dass die explosionsartigen Urbanisierungsschübe nicht allein durch wirtschaftliche Modernisierung erklärt werden können. Statt dessen ist vor allem eine Interdependenz mit politischen Veränderungen zu konstatieren. Der indische Unabhängigkeitskampf führte beispielsweise zu einer Massenflucht von Hindus und Sikhs und einer "demografische[n] Belastung ohnegleichen" für Delhi (185). Shanghai erlebte als Freihandelszone einen "Prozess der Metropolisierung" (100), stagnierte nach Gründung der Volksrepublik und expandierte in nie gekanntem Ausmaß unter den Vorzeichen der in den frühen 1990er Jahren ausgerufenen "sozialistischen Marktwirtschaft". Mexiko City erreichte den Status einer Megastadt nicht zuletzt durch eine aktive staatliche Wirtschaftspolitik, die infolge der "großen Depression" Anfang der 1930er Jahre konsequent auf Autarkie setzte und zwecks nachholender Industrialisierung die finanzielle Ausbeutung des Agrarsektors vorantrieb.

Im Hinblick auf die sozio-ökonomischen Folgeerscheinungen der Megastadt-Genese ist wohl insbesondere von Belang, dass die Herausbildung eines informellen Sektors als urbanes Strukturprinzip anzusehen ist. Er ist dabei freilich nicht nur "Raum der sozial Ausgestoßenen" (21), sondern "gut organisiert, selbst regulierend" (190), bedeutsam unter anderem in Sachen beruflicher Qualifizierung und letzthin der urbanen Ökonomie durchaus förderlich. Nicht minder interessant ist die Erkenntnis, dass sich die korrelierenden Prozesse sozialer und ethnischer Fragmentierung kaum in ein einheitliches Raster pressen lassen. In Bezug auf die Ausprägung spezifischer Wohnmilieus lässt sich beispielsweise für São Paulo ein signifikanter historischer Wandel identifizieren: In den Jahrzehnten zwischen 1940 und 1980 kam es zu einer örtlichen Trennung der Sozialsphären, wobei das Zentrum zunehmend von den Bessergestellten, die Peripherie von den ärmeren Bevölkerungsteilen bewohnt wurde. In jüngerer Zeit rücken die verschiedenen Schichten räumlich wieder enger zusammen, allerdings leben sie in jeweils eigenen, durch Mauern und moderne Sicherheitstechnik streng separierten Enklaven. Für Tokyo ist auf der einen Seite eine starke Kontinuität in der sozialen Geografie festzustellen (die Wohlhabenden siedeln zum Beispiel traditionell im Westteil der Stadt), auf der anderen Seite steht das Phänomen, dass sowohl die besser situierten Mittelschichten als auch minderbegüterte Bevölkerungsteile in die megapolitanen Randbezirke drängen.

Bei der Frage nach der politisch-administrativen Dimension garantieren vor allem die Beiträge von Marcus Gräser zu Chicago und Michael Mann zu Delhi fruchtbare Einsichten. Anschaulich werden das "Missverhältnis zwischen raschem Wachstum und geringer administrativer Kompetenz" (29) herausgearbeitet, detailliert die negativen Implikationen der lange Zeit dominierenden "machine politics" illustriert, deutlich die Reibungsverluste beschrieben, die aus der "konfrontative[n] Konstellation" (186) zwischen Stadt und Staat resultierten. Insgesamt hätte die Machtfrage aber noch expliziter gestellt werden können: Wer trifft innerhalb des politisch-administrativen Apparates auf welche Weise Entscheidungen? Wo sitzen die "nondecision-maker"? Inwieweit wird ökonomische in politische Macht transformiert?

Unbefriedigend bleibt die Behandlung des vierten Problembereiches: Die frappierende Ambivalenz in der Wahrnehmung von Urbanisierung kann nur ansatzweise - etwa in den Beiträgen von Wolfgang Schwentker zu Tokyo oder Lee Eun-Jeung zu Seoul - ausgelotet werden. Zu beschränkt ist die Quellenauswahl (Schriften von Intellektuellen und Stadtforschern), zu eng der methodische Ansatz. Um "menschliche Erfahrungswelten in ihrer Gesamtheit und ihren Wechselbeziehungen" [1] ins Blickfeld zu nehmen, bedarf es genauerer linguistischer und ikonografischer Analysen. Auch Symbolhandlungen im städtischen Raum sollten nicht unberücksichtigt bleiben.

Im Ganzen erreicht der Band jedoch zweifelsohne sein Ziel, "die historische Dimension der Megastädte deutlicher als bislang hervortreten zu lassen" (24). Künftige Forschungen zum Phänomen der Mega-Urbanisierung werden sich mit seinen Erkenntnissen auseinander setzen müssen.


Anmerkung:

[1] Silvia Serena Tschopp und Wolfgang E. J. Weber: Grundfragen der Kulturgeschichte, Darmstadt 2007, S. 82.

Markus Raasch