Rezension über:

Dieter Cherubim / Ariane Walsdorf / Helmut Henne: Sprachkritik als Aufklärung. Die Deutsche Gesellschaft in Göttingen im 18. Jahrhundert (= Göttinger Bibliotheksschriften; Bd. 27), 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Göttingen: Universitätsverlag Göttingen 2005, 237 S., (kostenloses pdf unter http://www.sub.uni-goettingen.de/ebene_1/ shop/schriften.html), ISBN 978-3-930457-48-9, EUR 16,00
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Rezension von:
Martin Stuber
Historisches Institut, Universität Bern
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Martin Stuber: Rezension von: Dieter Cherubim / Ariane Walsdorf / Helmut Henne: Sprachkritik als Aufklärung. Die Deutsche Gesellschaft in Göttingen im 18. Jahrhundert, 2., verbesserte und erweiterte Auflage, Göttingen: Universitätsverlag Göttingen 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/10397.html


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Dieter Cherubim / Ariane Walsdorf / Helmut Henne: Sprachkritik als Aufklärung

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Der vorliegende Band dokumentiert die Ausstellung 'Sprachkritik als Aufklärung', die in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (2004) und in der Universitätsbibliothek Greifswald (2005) gezeigt wurde. Die Zielsetzung ist eine doppelte. Zum einen sollen die sprachkulturellen Bemühungen am Göttinger Material exemplarisch aufgezeigt und deren Hintergründe sichtbar gemacht werden. Zum anderen will man "auf der Basis einer solchen Bestandsaufnahme und durch Hinweise auf unterschiedliche Konstellationen und Erscheinungsformen von praktizierter Sprachkritik im 18. Jahrhundert auch zur allgemeinen Reflexion über die Bedingungen der Möglichkeit von Sprachkritik gestern und heute beitragen" (27). Im Kontrast von damals und heute entstehe mehr Tiefenschärfe, so die Verfasser im Geleitwort, vorausgesetzt, das eine werde nicht unbesehen auf das andere übertragen.

Dieser Gefahr, der sich jede gegenwartsbezogene Geschichtsschreibung stellen muss, tritt man hier mit einer breiten historischen Kontextualisierung wirkungsvoll entgegen. Den Anfang macht Helmut Henne in seinem Festvortrag zur Ausstellungseröffnung, der dem eigentlichen Text vorangestellt wird. Zeitlich schlägt er den weiten Bogen von Leibniz' berühmtem Aufruf für eine deutsche Wissenschaftssprache (1682/83) bis zu Johann Georg Adelungs Wörterbucharbeit, Grammatiken und Stilistik gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Die beiden markieren für Henne insofern die Eckdaten, als er in Leibniz den "Aufruf" und in Adelung die "Erfüllung" sieht. In dieser "von Sprachkritik erfüllten Epoche" spricht er den Institutionen eine besondere Bedeutung zu, so neben den Deutschen Gesellschaften auch den großen Akademien in Berlin, Göttingen und München sowie den zahlreichen, regional weit gestreuten Lesegesellschaften.

Im ersten Kapitel des Haupttextes stellen Dieter Cherubim und Ariane Walsdorf die Zusammenhänge vor, in denen die Deutschen Gesellschaften bisher erforscht wurden: die Regionalgeschichte, die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, die Forschungen zur Aufklärung und zum bürgerlichen Sozietätswesen, schließlich die Literaturgeschichte. Gerade in diesem letzten Bereich - zu dem sich ganz offensichtlich auch der vorliegende Band zählt - seien die Deutschen Gesellschaften bisher zu stark vom Höhenkamm der Literatur aus gesehen worden. Dagegen gehe es vielmehr darum, diese Gesellschaften von ihren eigenen Voraussetzungen her und aus dem Kontext der Zeit zu bewerten. Erst in einer solchen Perspektive erschließe sich die Tatsache, dass diese Einrichtungen einen Beitrag zu einer Spracharbeit geleistet haben, "ohne den die Entwicklung des Deutschen zur gemeinsam anerkannten, öffentlichen Kultursprache nicht vorstellbar ist" (29).

In diesem Sinn wird in Kapitel zwei die Sprachkritik als Teil eines großen sprachkulturellen Modernisierungsprozesses gesehen, in dessen Rahmen sich folgende Teilbereiche identifizieren lassen: Legitimation der einzelnen Volkssprachen in Abgrenzung von den klassischen Sprachen und anderen Volkssprachen, Reinigung dieser Sprachen von ihren 'fremden' und negativ bewerteten Anteilen, schließlich die Standardisierung, Regulierung, Bereicherung und Verschönerung dieser jeweiligen Volkssprachen. Kapitel drei positioniert die Deutschen Gesellschaften sowohl in Abgrenzung als auch in Kontinuität zu den Akademien, den gelehrten Kollegien und den barocken Sprachgesellschaften. Im Gegensatz zu letzteren waren die Deutschen Gesellschaften weniger Instrumente einer ständischen Differenzierung als tendenziell ständisch übergreifende Vereinigungen, die in ihrer Intention und Praxis auf Kommunikation und Austausch untereinander angelegt waren.

Kapitel vier behandelt die Deutsche Gesellschaft in Leipzig und stützt sich dabei vor allem auf die Monografie von Detlef Döring. [1] Zahlreiche Deutsche Gesellschaften können als Tochtergesellschaften der Leipziger Sozietät betrachtet werden, so auch diejenige in Göttingen. Der Göttinger Deutschen Gesellschaft selber wird - anders als der Titel des vorliegenden Bandes erwarten lässt - nur gerade ein einziges Kapitel gewidmet. Neben allgemeinen Ausführungen zu Gründung, Praxis und Entwicklung der Institution finden sich darin gesonderte Abschnitte zu den weiblichen Mitgliedern sowie exemplarisch zu einem einzelnen Mitglied, dem Braunschweiger Professor Elias Caspar Reichard. Zudem werden auf der Grundlage des mit biografischen Angaben versehenen Mitgliederverzeichnisses von Wolfram Suchier (1916) die 543 ordentlichen Mitglieder und Ehrenmitglieder im Zeitraum 1738 bis 1755 statistisch analysiert. Methodisch bemerkenswert ist hier die Unterscheidung zwischen einer Auswertung nach Fachrichtungen, bei der 'Theologie' und 'Jura' dominieren, und einer solchen nach Berufsgruppen, bei der 'Kirche und Kirchenverwaltung', 'Schulen' sowie 'Politik und Verwaltung' die höchsten Anteile aufweisen.

Das abschließende Kapitel zum 'Netz der Deutschen Gesellschaften' stellt die Tatsache ins Zentrum, dass sich ausgehend von Mittel- und Norddeutschland ein ganzes Netz solcher Sprachgesellschaften spannte, das sich von Strassburg bis St. Petersburg, von Danzig bis Bern, von Bremen bis Olmütz und Wien erstreckte. Dabei werden die Untersuchungen von Holger Zaunstöck, die zur inter-sozietären Vernetzung neue Maßstäbe gesetzt haben, durchaus rezipiert. [2] Leider wird dies aber nicht in konkrete Forschungspraxis umgesetzt. Aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen klammern die Verfasser im Vernetzungskapitel gerade das Göttinger Beispiel, das dem ganzen Band eigentlich das empirische Fundament geben sollte, explizit aus.

Es ergibt sich damit eine ambivalente Gesamtbilanz. Auf der einen Seite besticht der Band mit seiner breiten Rezeption der historischen Fachliteratur, die eine vielfältige Kontextualisierung der Göttinger Gesellschaft erlaubt. Auf der anderen Seite wurde weitgehend auf die Aufarbeitung von (ungedruckten) Primärquellen verzichtet. Damit stellt sich die Frage nach der Funktion der vorliegenden Publikation. Ein Beitrag zur Erforschung der Deutschen Gesellschaften, der Neuland erschließt, ist sie wohl nur bedingt. Im Vordergrund scheint vielmehr ihre Funktion als Begleitpublikation beziehungsweise Dokumentation der Ausstellung zu stehen.


Anmerkungen:

[1] Detlef Döring: Die Geschichte der Deutschen Gesellschaft in Leipzig. Von der Gründung bis in die ersten Jahre des Seniorats Johann Christoph Gottscheds, Tübingen 2002.

[2] Holger Zaunstöck: Sozietätslandschaft und Mitgliederstrukturen. Die mitteldeutschen Aufklärungsgesellschaften im 18. Jahrhundert, Tübingen 1999; ders.: Gelehrte Gesellschaften im Jahrhundert der Aufklärung. Strukturuntersuchungen zum mitteldeutschen Raum, in: Detlef Döring / Kurt Nowak (Hg.): Gelehrte Gesellschaften im mitteldeutschen Raum (1650-1820). Teil II. Stuttgart / Leipzig 2002, S. 7-45.

Martin Stuber