Rezension über:

Oliver Kohler: Zwischen christlicher Zionssehnsucht und kaiserlicher Politik. Die Entstehung von Kirche und Kloster "Dormitio Beatae Mariae Virginis" in Jerusalem, St. Ottilien: EOS Verlag 2005, XXI + 637 S., ISBN 978-3-8306-7181-7, EUR 34,80
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Rezension von:
Nicole Priesching
Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Redaktionelle Betreuung:
Nikolaus Buschmann
Empfohlene Zitierweise:
Nicole Priesching: Rezension von: Oliver Kohler: Zwischen christlicher Zionssehnsucht und kaiserlicher Politik. Die Entstehung von Kirche und Kloster "Dormitio Beatae Mariae Virginis" in Jerusalem, St. Ottilien: EOS Verlag 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 5 [15.05.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/05/10173.html


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Oliver Kohler: Zwischen christlicher Zionssehnsucht und kaiserlicher Politik

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Die umfangreiche Dissertation von Oliver Kohler behandelt die Vorgeschichte und Entstehung des deutschen Benediktinerklosters "Dormitio" in Jerusalem unter besonderer Berücksichtigung des Engagements Kaiser Wilhelms II. für dieses Projekt. Dem Bau dieses Klosters und der dazu gehörenden Erlöserkirche ging eine Verbindung zwischen der katholischen Palästinabewegung und den orientpolitischen Interessen des protestantischen Kaisers voraus. Diese Zusammenarbeit mag angesichts eines auch als "zweites konfessionelles Zeitalter" (Olaf Blaschke) beschriebenen Jahrhunderts überraschen. Hatte John C. G. Röhl die Orientreise des Kaisers mit der Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem noch als dessen Kalkül zur Verbreitung eines kaiserlichen Pilgermythos interpretiert [1], attestiert Kohler dem Kaiser "eine wertschätzende Offenheit gegenüber einzelnen Protagonisten der katholischen Palästinabewegung" (6), die mit dessen Spiritualität zusammenhänge. Er plädiert in dieser Hinsicht "für einen zweiten Blick auf Wilhelm II., selbst wenn dieser irritieren sollte" (ebd.).

Nachdem das erste Kapitel die Fragestellung umrissen hat, beschäftigt sich das zweite Kapitel mit dem "Ereignisraum" in Form eines kurzen historischen Abrisses der Geschichte Palästinas seit den Kreuzzügen bis in das 19. Jahrhundert. Hierbei stellt sich die Frage, ob die präsentierten Daten und Fakten nicht übersichtlicher in einer Tabelle zu präsentieren wären, was zudem viele Seiten einsparen würde. Der Hinweis, dass einzelne christliche Gruppen im 19. Jahrhundert das "Land der Bibel" wieder entdeckt haben (Kapitel 2.3.), bereitet das dritte Kapitel vor, in dem die katholischen Palästinavereine als Träger dieser von der Kolonialgeschichte unabhängigen Bewegung behandelt werden. Besonderes Gewicht liegt auf der Entstehung des "Deutschen Vereins vom Heiligen Lande", der 1895 aus der Fusionierung des "Vereins vom Heiligen Grabe" und des "Palästina Vereins" hervorging. Im Folgenden wird minuziös der Gang der Ereignisse rekonstruiert: 1890 die erste Eingabe des "Palästina Vereins" an Wilhelm II., in der es um das Sanktuarium des Abendmahlssaals in Jerusalem ging (Kapitel 4), die Ablehnung, die folgende organisatorische Konsolidierung des Vereins, die Vorbereitung und Durchführung einer neuen Initiative 1898, wobei diesmal die Dormitio als vermutlichen Ort des frühchristlichen Zentrums der "Urgemeinde" als Alternative zum Abendmahlssaal hervortrat (Kapitel 5), der Erwerb dieses Grundstücks (Kapitel 6), die Orientreise des Kaisers (Kapitel 7), die Telegramme der Bekanntmachung von Kaiser, Verein und Bischöfen (Kapitel 8), die Vorbereitungen für die Bebauung des Grundstücks (Kapitel 9 und 10), die Bauphase (Kapitel 11), die Entscheidung gegen die Franziskaner und für die Benediktiner als Bewohner des neuen Klosters (Kapitel 12).

Nachdem alle Hürden zum Bau der Dormitio überwunden und alle Entscheidungen zur Gestaltung, Organisation und Verwaltung gefällt waren, entwickelte sich ihre Besichtigung für deutsche Pilger zum festen Programmpunkt. Das 13. Kapitel stellt diese Pilgerfahrten in den Kontext einer Identitätssuche deutscher Katholiken nach der Erfahrung des Kulturkampfes (vgl. 423). Tatsächlich ist hier eine Annäherung der deutschen Katholiken an das Kaiserreich auch frömmigkeitsgeschichtlich (Vermittlung von Glaube, Kultur und Nation) zu beobachten, was sie in große Übereinstimmung mit der Religiosität des Monarchen brachte (437) - zumindest äußerlich.

Auch bei der Kirchweihe 1910 (Kapitel 14) zeigte Wilhelm II. in durchaus üblicher Weise Präsenz, indem er ein "Brustbild in Lebensgröße" als Geschenk übergeben ließ (449). Die Feier ist Ausdruck eines harmonischen Zusammenwirkens verschiedener Konfessionen sowie Vertretern der Politik. Detailliert werden ferner die einzelnen Komponenten einer "Ortstheologie" in der Predigt zur Kirchweihe von Erzabt Ildephons Schober vorgestellt (Kapitel 15). Es zeigt sich, dass alt- und neutestamentliche Bibelstellen sowie Verehrungstraditionen zur Herausstellung der Bedeutung des Ortes verarbeitet wurden - ein nicht gerade überraschender Vorgang in einer Predigt zur Kirchweihe. Die offensichtliche Begeisterung des Autors für diese spirituelle Dimension führt hier zu einer über 60 Seiten langen motivgeschichtlichen Predigtexegese, deren frömmigkeitsgeschichtliche Bedeutung im Kapitel davor vage angedeutet wurde: Mit der Kirchweihe - ihr Höhepunkt stellte diese Predigt dar - begann für die Dormitio "eine Phase der spirituellen und öffentlichen Wirklichkeit" (449).

Nach einem kurzen Ausblick auf die ersten Jahre des Bestehens der Dormitio (Kapitel 16), kommt Kohler schließlich zu einer Zusammenfassung in Kapitel 17. Hier wird ausgeführt, dass die Integration deutscher Katholiken in das Kaiserreich nicht zu weit ging: "Die konfessionellen Anliegen und der originär christliche Auftrag für die Wirkungsstätte werden höher eingestuft als die patriotischen Elemente." (542). Dieser "katholische Komparativ" zeigt also eine Stufung zweier unterscheidbarer Interessen an, die nur dann verwoben werden, wenn das eine dem anderen nützt. So deutlich werden die Interessen des Kaisers allerdings nicht abgestuft. Da Kohler gegen die einseitige Sicht der Orientreise anschreibt, dass Religion hier nur für politische Zwecke instrumentalisiert worden sei, möchte er dessen Anliegen wohl ungern funktional zuordnen und hierarchisieren. Die andere Extremposition, nämlich dass Wilhelm II. hier in erster Linie als gläubiger Pilger nach Jerusalem gereist sei, verwirft Kohler ebenso als zu polar (vgl. 544). So bleiben mehrere Facetten nebeneinander stehen. Einmal tritt Wilhelm II. als säkularer Bildungsreisender, einmal als Monarch mit barocker Selbstinszenierung, einmal als religiös Suchender auf. Er bleibt letztlich widersprüchlich. Dieser Befund weicht jedoch vor der eigentlichen Frage aus: Wie sind diese Widersprüche zu deuten?

Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Entstehungsgeschichte der Dormitio in Jerusalem mit dem vorliegenden Buch umfassend aufgearbeitet worden ist. Jedes Ereignis wird sensibel bis in die Details geschildert. Das führt allerdings auch zu vielen Redundanzen, welche die Lektüre streckenweise etwas mühsam machen. Leserfreundlich ist dafür ein ausführlicher Abbildungsteil (ca. 45 Bilder). Schade ist, dass gerade die vom Verfasser stark hervorgehobene frömmigkeitsgeschichtliche Perspektive kaum Fragen aus der Forschung aufnimmt und die Ergebnisse hierin "verortet". Folgende Fragen hätten sich zum Beispiel angeboten: Inwiefern werden Forschungen über Wallfahrten (als Frömmigkeitspraxis) durch diese Studie bereichert? Inwiefern passen Elemente dieser Frömmigkeit inhaltlich in das Weltbild einer "ultramontanen Frömmigkeit" oder weisen über ein solches hinaus?

Die Beschreibung der deutschen katholischen Palästinabewegung zwischen "national" und "katholisch" nimmt wenig Rücksicht auf interne Bewegungen und Strömungen. Angesichts der religiösen und konfessionellen Gemengelage in Jerusalem ist das vielleicht nicht verwunderlich. So bietet die Studie interessante Einblicke in das Verhältnis von Christentum und Islam, das von beiden Seiten in einem hohen Maß von Respekt, Sensibilität und Pragmatismus geprägt zu sein schien. Ferner beleuchtet sie die traurige Konkurrenzsituation zwischen den unterschiedlichen christlichen Konfessionen, wozu hier vor allem Orthodoxe gehören. Diese wird besonders deutlich in der Grabeskirche, "wo die Türken heute ebenso ihre Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett aufstellen müssen, damit die Christen nicht an ihren Festen in die Haare geraten" (Wilhelm II. 1898, hier 163). Das ist die Kehrseite des Hoffnungsträgers "Zion".


Anmerkung:

[1] John C. G. Röhl, Wilhelm II. Der Aufbau der Persönlichen Monarchie 1888-1900. München 2001, 1050; s. hierzu die Rezension von Winfried Speitkamp, in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 7, URL: http://www.sehepunkte.de/2004/07/1805.html.

Nicole Priesching