Rezension über:

Dietrich Diederichs-Gottschalk: Die protestantischen Schriftaltäre des 16. und 17. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland. Eine kirchen- und kunstgeschichtliche Untersuchung zu einer Sonderform liturgischer Ausstattung in der Epoche der Konfessionalisierung. Mit Farbaufnahmen von Ulrich Ahrensmeier (= Adiaphora. Schriften zur Kunst und Kultur im Protestantismus; Bd. 4), Regensburg: Schnell & Steiner 2005, 353 S., 77 Abb., ISBN 978-3-7954-1762-8, EUR 49,90
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Rezension von:
Jan Harasimowicz
Kunsthistorisches Institut, Uniwersytet Wrocławski
Redaktionelle Betreuung:
Gabriele Wimböck
Empfohlene Zitierweise:
Jan Harasimowicz: Rezension von: Dietrich Diederichs-Gottschalk: Die protestantischen Schriftaltäre des 16. und 17. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland. Eine kirchen- und kunstgeschichtliche Untersuchung zu einer Sonderform liturgischer Ausstattung in der Epoche der Konfessionalisierung. Mit Farbaufnahmen von Ulrich Ahrensmeier, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/9921.html


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Dietrich Diederichs-Gottschalk: Die protestantischen Schriftaltäre des 16. und 17. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland

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Das Buch stützt sich auf eine Dissertation, die im Sommersemester 2004 durch die Theologische Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen angenommen und für die Drucklegung geringfügig überarbeitet wurde.

Den Forschungsgegenstand bildet eine Gruppe von 18 protestantischen Altarretabeln aus dem niedersächsischen Küstengebiet, die sich durch entscheidende Dominanz des Wortes gegenüber dem Bild auszeichnet. Eine angemessen gründliche Forschung zu diesen Altären, vom Verfasser "Schriftaltäre" genannt, blieb bisher noch aus. Sie sind im Übrigen allgemein wenig bekannt, im Gegensatz zu dem "Schriftretabel" vor dem Triumphbogen der Heilig-Geist-Kirche in Dinkelsbühl (1537), das in der Literatur im Kontext des reformatorischen Bildersturms mehrfach behandelt und durch Hans Belting zur "protestantischen Ikone des Wortes", zum "Antibild" bzw. "Nichtbild" erhoben wurde. Diese Auslegung wurde jedoch zunichte, als 1995 an der oberen Empore der Kirche das Altarbild mit der Darstellung des Abendmahls Christi entdeckt wurde, das ursprünglich über den Schrifttafeln angebracht und wahrscheinlich erst im 19. Jahrhundert abgeschafft worden war, um so wieder den Blick auf das gotische Retabel im Chorraum freizugeben. Das Schriftretabel aus Dinkelsbühl in der jetzigen Form stellt also "einen ikonoklastischen Zustand der neueren Zeit" dar (23).

Die von Diederichs-Gottschalk analysierten Altäre unterlagen im 19. Jahrhundert ganz und gar anderen Prozessen - denn Bilder wurden ihnen nicht entnommen sondern hinzugefügt. Auf die Art und Weise wurde ihnen die "lutherische Identität" verliehen, an der es ihnen bis zu diesem Zeitpunkt deutlich mangelte. Das verwundert insofern nicht, als das konfessionelle Profil des erforschten Gebiets, also die Grafschaft Ostfriesland, Harlingerland, Stadt und Erzstift Bremen, im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert, als die meisten dieser Retabel entstanden, außerordentlich kompliziert war. Eine starke Position hatte hier sowohl der Calvinismus, als auch das Luthertum, dazu waren innerhalb jeder dieser Konfessionen diverse theologische Strömungen sichtbar, die sich aus der Abstammung bzw. Ausbildung der Geistlichen ergaben. Zahlreiche Gemeinden waren konfessionell geteilt; dies führte zu langwierigen Streitigkeiten um den Inhalt der Katechese und die Form des Sakramentzeremoniells.

Die konfessionelle Ambivalenz der Region bewog den Verfasser dazu, jedes Altarretabel einzeln zu behandeln. Nicht nur sein jetziger Zustand, sondern auch die auf Grund schriftlicher Quellen und konservatorischer Forschungen erfassbaren Veränderungen der Form und des Programms im Laufe der Zeit wurden einer gründlichen Analyse unterzogen. Daraus ergibt sich ein suggestives Bild der Geschichte einzelner Gemeinden, die mit den nacheinander folgenden Etappen des "langen Bestehens" ihrer Altäre "aufgezeichnet" wurde. Erst auf dieser Grundlage nimmt der Autor systematisierende Verallgemeinerungen und Auswertungen vor.

Die ersten Altäre dieser Art in Ostfriesland waren zweifelsohne reformierten Ursprungs. Ein gutes Beispiel dafür liefert der älteste erhaltene Schriftaltar in der Ludgeri-Kirche in Norden (1577), der das Hauptelement eines einmaligen, vor die östliche Arkadenwand des Hochchors gestellten Holzarchitektur-Ensembles bildet. Es besteht aus einem Holztisch in antikisierender Tempelarchitektur, durch zwei Kniebänke an den Seiten und eine repräsentative sechssitzige Bank von hinten umgeben. Über der Bank erhebt sich das Schrifttriptychon mit beweglichen Flügeln, mit einem gotischen Baldachin überspannt. Die Auswahl der auf dem Retabel aufgeschriebenen Bibelzitate, zum Beispiel die alttestamentliche Fassung der Zehn Gebote, die das Bildverbot enthält, sowie die Einrichtung des Hochchors selbst zeugen eindeutig von der konfessionellen Richtung der damaligen Pastoren in Norden. Sie versuchten, indem sie auf diese Art und Weise das Innere der Kirche umwandeln ließen, der gesamten, in ihrer Mehrheit zum Luthertum tendierenden Stadtgemeinde das reformierte Konzept des Abendmahls aufzuzwingen. Ähnlich eingerichtete Abendmahlsräume mussten ursprünglich auch in den Kirchen in Uttum (1581-1584) und Canum (1584) existiert haben, wovon die bis heute erhalten gebliebenen Elemente der jeweiligen alten Ausstattung zeugen.

Dass das Luthertum im Norden innerhalb von nur zwei Jahren nach der Aufstellung des genannten Schriftaltars siegte, bot wohl keinen ausreichenden Grund, ihn zu beseitigen. Man beschloss vielmehr, seine Flügel fortdauernd zu schließen, um "das Anstößige des reformierten Abendmahlsverständnisses vor den Augen der Gemeinde zu verbergen" (63). Der Typus des Retabels selbst, das ausschließlich Bibelzitate enthielt, fand allerdings in Ostfriesland auch bei Lutheranern seine Anwendung - zum Beispiel in der Kirche in Uphusen (vor 1596), das vor den Toren des reformierten Emdens gelegen war, oder in der Kirche in Etzel (1617), die an das spiritualistisch-reformierte Neustadt-Gödens grenzte. In den beiden Fällen überlieferten die Altarinschriften den Inhalt der Zehn Gebote, jedoch in der Fassung ohne das Bildverbot. Lutheraner in Harligerland und Erzstift Bremen, die nicht von Obrigkeiten oder anderen Umständen bedrängt wurden, neigten ebenfalls dazu, zahlreiche Bibelzitate an ihre Altäre zu schreiben, sie ergänzten sie jedoch durch ein oder mehrere Bilder mit Darstellungen des Abendmahls, der Kreuzigung bzw. des Jüngsten Gerichts. Beispiele dafür findet man in den Kirchen in Stedesdorf (1613), Bliedersdorf (1611-1622) und Elmlohe (1645). Am Altar der Kirche in Asel (um 1610) werden umfangreiche katechetische Inschriften durch Darstellungen Moses', Petrus', Christus', der Taufe im Jordan und des Abendmahls begleitet. Den Giebel schmückt hier ein großes Bild der Auferstehung.

Besonders bemerkenswert ist das Schriftretabel in der Triptychonform aus der Kirche in Dornum (1590-1594), das 1683 an die Kirche in Roggenstede übergeben wurde. Seine Mitteltafel füllen die Texte der Zehn Gebote und des Apostolikums, die Einsetzungsworte, in einen typisch evangelischen Kelch mit großer Kuppa eingetragen, sowie der Text des 'Vater Unser' in einem kleinen, an die berühmten "Täufertaler" erinnernden Kreis. Diese gesamte Wort-Bild-Struktur erscheint goldfarbig vor einem dunkelblauen Hintergrund, während die rein inschriftlichen Seitenflügel das Weiß der Buchstaben mit dem Rot des Hintergrunds kontrastieren. Selbstverständlich ist hier nichts zufällig: weder die Farben noch die zentrale "Schriftbild-Ikone" (119), die an die damals in ganz Europa verbreiteten Gelegenheitsdrucke der so genannten 'Visuellen Poesie' erinnert. In einer ausführlichen Deutung weist der Verfasser nach, dass dieses Retabel als Zeugnis der "noch nicht abgeschlossenen Konfessionalisierung" (311) einzustufen ist. Lutherische Inhalte (die Form des Dekalogs) vereinigen sich darin mit reformierten (die Form des Vater Unser), dazu sind noch Spuren spiritualistischer Abendmahlstheologie sichtbar.

Es ist selbstverständlich nicht möglich, jede der Einzelinterpretationen hier anzuführen. Sie sind stets sehr zuverlässig und stützen sich auf eingehende Kenntnis der Quellen und der einschlägigen Literatur. Mit dem Buch erhält deshalb die erst seit einem Vierteljahrhundert systematisch betriebene Forschung über die evangelische Kirchenkunst "um 1600" neue, wichtige Impulse. Der Streit von "Wort" und "Bild", der insbesondere dort spürbar war, wo starke Einflüsse des Philippismus die Entstehung gesonderter kryptokalvinischer Gruppen im Rahmen lutherischer Gemeinden generierten (Breslau, Liegnitz), oder zum offenkundigen Übertritt der Eliten zum reformierten Bekenntnis führten (Danzig), sollte vor diesem Hintergrund nochmals überdacht werden .

Diederich-Gottschalks Untersuchung kann somit den Weg für künftige Arbeit weisen: Die Erforschung der konfessionellen Bedingungen der Kunst im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert muss auf zuverlässigen historischen Grundlagen und eingehender Analyse von Veränderungen, denen einzelne Objekte im Laufe ihrer Geschichte unterlagen, aufbauen. Sie muss systematisch betrieben werden, am besten in Bezug auf konkrete historisch-politische Territorien. Anhand vereinzelter, vorzeitig "kanonisierter" Werke allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen, erzeugt die Gefahr, dass neu auftauchende, unanfechtbare, auf diese Werke bezogene Erkenntnisse die Inhaltsleere einer solchen Praxis entblößen würden.

Jan Harasimowicz