Rezension über:

Cornell Babendererde: Sterben, Tod, Begräbnis und liturgisches Gedächtnis bei weltlichen Reichsfürsten des Spätmittelalters (= Residenzenforschung; Bd. 19), Ostfildern: Thorbecke 2006, 271 S., ISBN 978-3-7995-4520-4, EUR 44,00
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Rezension von:
Carola Fey
Justus-Liebig-Universität, Gießen
Redaktionelle Betreuung:
Harald Winkel
Empfohlene Zitierweise:
Carola Fey: Rezension von: Cornell Babendererde: Sterben, Tod, Begräbnis und liturgisches Gedächtnis bei weltlichen Reichsfürsten des Spätmittelalters, Ostfildern: Thorbecke 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 4 [15.04.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/04/11814.html


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Cornell Babendererde: Sterben, Tod, Begräbnis und liturgisches Gedächtnis bei weltlichen Reichsfürsten des Spätmittelalters

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Die Memoria von Gruppen stellt seit einigen Jahren einen zentralen Komplex kulturwissenschaftlicher Forschung dar. Neben der Mediävistik hat sich neuerdings auch die Frühneuzeitforschung besonders der Sepulkralkultur im Hinblick auf die politische und soziale Repräsentation von Gruppen angenommen und auf der Grundlage reichen Quellenmaterials auch den performativen Bereich nachmittelalterlicher Begräbniskulturen erschlossen. Die vorliegende Dissertation wendet sich nun einem Forschungsdesiderat zu, indem sie für die Zeit des Spätmittelalters das auf Tod und Gedächtnis bezogene Handlungsspektrum weltlicher Reichsfürsten beleuchtet.

Die Arbeit macht es sich zur Aufgabe, den Umgang mit Sterben, Begräbnis und liturgischem Gedächtnis in der vergleichenden Untersuchung von vier reichsfürstlichen Familien zu behandeln. Es wird davon ausgegangen, dass in der Liturgie der Beginn des Sterbens, das Begräbnis und das liturgische Gedächtnis eine Einheit der Kulthandlungen darstellten, bei der das Seelenheil des Verstorbenen und die diesseitige Erinnerung an ihn im Mittelpunkt standen (10). Für den Adel habe dieses Andenken im Diesseits vor allem Herrschaftslegitimation und Herrschaftsrepräsentation bedeutet. Die Fragestellungen der Arbeit beziehen sich so auf Aspekte von Rang und Standesdenken innerhalb der inhomogenen Gruppe weltlicher Reichsfürsten. So werden der Aufwand für Begräbnis und Begängnis für Regenten und Familienangehörige vergleichend betrachtet. Aussagen zu der mit Begräbnis und Begängnis verbundenen Herrschaftsrepräsentation ermöglichen die Untersuchung der Rolle des Herrschaftsnachfolgers, der herrschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen, die vom Tod einer fürstlichen Person berührt wurden, der zu den Feierlichkeiten eingeladene Personenkreis, die Wahl der Grablege. Es wird gefragt, wie Fürsten ihre sozialen Verbindungen für ihr Gedächtnis einsetzten, welchen Beitrag Geistliche und Laien für die Memoria leisten sollten und wie Verfügungen und Gedächtnis tatsächlich umgesetzt und aufrechterhalten wurden. Dabei wird von einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis zwischen liturgischen Anforderungen und Interessen der Herrschaftsrepräsentation in der Sepulkralkultur ausgegangen.

Die Auswahl von vier in Bezug auf Rang, politische Bedeutung und Machtfülle differenziert zu wertenden Dynastien soll Erkenntnisse ermöglichen, die einerseits eine repräsentative Geltung für den Reichsfürstenstand haben und die andererseits Aussagen über mögliche rangabhängige Unterschiede beim Umgang mit dem Tod innerhalb dieser Gruppe erlauben. In den geistlichen Stand getretene Personen sind von der Untersuchung weitgehend ausgeschlossen. Die Wettiner, die Landgrafen von Hessen, die Grafen und späteren Herzöge von Württemberg und die gefürsteten Grafen von Henneberg-Schleusingen bilden aufgrund der für diese Dynastien günstigen Quellenlage den Untersuchungsgegenstand.

Die Untersuchungen stützen sich auf schriftliches Quellenmaterial, das sich aus Beschreibungen, Rechnungen und Ordnungen zu Begräbnissen und Begängnissen, Testamenten, Notifikationen, Kondolenzschreiben und Gästelisten zusammensetzt. Dieses Material stammt überwiegend aus der zweiten Hälfte des 15. und dem ersten Drittel des 16. Jahrhunderts, während für das 14. bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts deutlich weniger Material zur Verfügung steht. Die zeitliche Ausdehnung der Untersuchung wird nur für ihren Abschluss mit dem Beginn der Reformation deutlich benannt.

Der Aufbau des Werks orientiert sich in vier Abschnitten am chronologischen Ablauf der mit Tod und Memoria verbundenen Ereignisse. Im ersten Abschnitt, der sich den "Vorbereitungen auf den Tod" widmet, werden grundlegende Aspekte zur Testamentserrichtung, zu den Inhalten und zu den mit Vollstreckung und Zeugenschaft betrauten Personen behandelt. Besonders den Testamentariern, die die Bestimmungen der Testamente umzusetzen hatten, kam eine bedeutende Aufgabe in der Sorge um das Seelenheil der Aussteller ebenso wie für die Versorgung der Hinterbliebenen und die Erledigung von Verpflichtungen der Verstorbenen zu. Deutlich wurde der in den Testamenten häufig aufscheinende Wunsch nach Schlichtheit der Begräbnisfeiern und der Grabdenkmäler, der auf das Spannungsfeld von religiösem Selbstverständnis und der Notwendigkeit angemessener herrschaftlicher Repräsentation der Trauerfeierlichkeiten und der dauerhaften fürstlichen Memoria hinweist. Religiöses Selbstverständnis kam auch in den Sterbeberichten mehrerer Fürsten zum Ausdruck. Cornell Babendererde analysiert in diesen Beschreibungen sehr anschaulich die Idealvorstellungen der ars moriendi, wie sie in der Vorahnung des eigenen Todes, der gefassten Trauer der anwesenden Freunde und Verwandten, im geistlichen Beistand und in der demütigen Verfassung des Sterbenden selbst zum Ausdruck gebracht wurden. Während der sterbende Fürst in dieser vorbildlichen Haltung demselben Sterbeideal wie Personen niederen Standes folgte, wies er sich doch in seiner Sorge um die zurückbleibende Herrschaft als Fürst in seiner paternalistischen Funktion aus.

Der zweite Abschnitt des Werks, der "Die Zeitspanne zwischen Tod und Begräbnis" untersucht, behandelt die Bekanntmachungen zu Tod und bevorstehendem Begräbnis sowie den Umgang mit dem Leichnam. Die Notifikationen und Kondolenzschreiben werden hier als eindrucksvolle Schriftzeugnisse zum Tod fürstlicher Personen analysiert. Die Notifikationen zeigen wiederum die Bedeutung des guten, gottgefälligen Sterbens für das Seelenheil, wenn neben Todestag und Todesstunde die Mitteilung über den Empfang der Sakramente und die sittliche Haltung des Sterbenden Gegenstand der Nachrichten waren. Die Kondolenzschreiben spiegelten dieses verbindende Ideal in der Thematisierung desselben Inhalts. Während für den Schriftwechsel ein hoher formalisierter Aufwand zu beobachten ist, zeigte die Behandlung des Leibes des Verstorbenen keine auffallend formalisierten Repräsentationsformen, sondern der Erhalt des Leibes für eine bestimmte Zeit wurde vor allem aus pragmatischen Gründen vorgenommen.

Die Einordnung dieser Beobachtung ermöglicht der folgende Abschnitt, der "Begräbnis und Begängnis" gewidmet ist. Hier wird die in der bisherigen Forschung zu wenig beachtete Zweiteilung der Trauerfeierlichkeiten verdeutlicht. Diese Feiern bestanden aus dem eigentlichen Begräbnis mit der Bestattung des Körpers und dem üblicherweise aufwändigeren, auch als "Dreißigster" bezeichneten Begängnis. Das Begängnis folgte etwa vier Wochen nach Tod und Bestattung und stellte, am deutlichsten mit höfischer und herrschaftlicher Repräsentation verbunden, den Höhepunkt der Trauerfeierlichkeiten dar. Die Autorin analysiert diese Ereignisse, die bislang vor allem unter den organisatorischen Aspekten der schwierigen Konservierungsmöglichkeiten des Leichnams und der verzögerten Anreise der Trauergäste gesehen wurden. Sie weist auf die erst mit dem Ablauf von 30 Tagen nach dem Tod endenden Rechtsbeziehungen und den Einschnitt, den in der Liturgie der "Dreißigste" für das Gebetsgedenken bildete, hin.

"Die liturgische Memoria: Orte, Gemeinschaft und Formen des Totengedenkens" bildet den vierten Abschnitt der Arbeit. Die Untersuchungen beziehen sich hier auf Fragen zur Wahl der Grablege und zur Auftraggeberschaft des Grabdenkmals sowie auf die Gedächtnisstiftungen und deren Aufrechterhaltung. Die Autorin legt die Motive zur Wahl der Grablegen dar und ordnet diese in die Zusammenhänge von Herrschaftsteilungen, Residenzbildungen und kirchlichen Reformen ein. Eine wichtige allgemeine Tendenz stellte die Ablösung älterer Traditionszentren mit Erbbegräbnissen durch Grablegen in Residenzkirchen dar. Gleichzeitig stand die Wahl der Bestattungsorte in einem Spannungsfeld von dynastischer Repräsentation in Familiengrablegen und individuellen Bestattungswünschen, die besonders bei weiblichen Familienangehörigen an speziellen religiösen Bindungen und auch an der Beziehung zu ihren Herkunftsfamilien und deren Begräbnisorten orientiert sein konnten.

In einer abschließenden Zusammenfassung werden diese und weitere Ergebnisse formuliert. Ein möglicher Wandel der Ausdrucksformen fürstlicher Sepulkralkultur im Untersuchungszeitraum, wie er in der Verfestigung von Begräbnis- und Begängniszeremonien analog zur Tendenz der Reglementierung der Hofhaltung (133) in der konkreten Untersuchung aufscheint, wird, was offensichtlich auch dem Quellenproblem geschuldet ist, nicht deutlich. Die im Sommersemester 2003 abgeschlossene Dissertation besticht insgesamt durch die Erschließung und die Analyse des bislang kaum beachteten umfangreichen Quellenmaterials. Leider wurden die seit 2003 erschienen relevanten Veröffentlichungen, die das aktuelle Interesse der Forschung an mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Sepulkralkultur belegen, für die Drucklegung nicht berücksichtigt. Ebenso wie die Eröffnung eines speziellen Quellenbereichs für zukünftige Forschungen ist es ein besonderes Verdienst dieses Werks, mit dem Vergleich mehrerer Dynastien eine für die Adelsforschung fruchtbare Methode erfolgreich aufgezeigt zu haben. In ihrer zeitlichen Anlage ermöglicht die Arbeit wichtige Anschlussmöglichkeiten für die Frühneuzeitforschung. Das Werk stellt so im Bereich der Sepulkralkultur ein hervorragendes Beispiel für neue Wege kulturgeschichtlicher Forschungsarbeit dar.

Carola Fey