Rezension über:

Peter Laslett: The World We Have Lost. further explored, 4. ed., London / New York: Routledge 2005, xxii + 353 S., ISBN 978-0-415-31527-2, GBP 19,99
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Rezension von:
Thomas Sokoll
Historisches Institut, FernUniversität Hagen
Redaktionelle Betreuung:
Andreas Fahrmeir
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Sokoll: Rezension von: Peter Laslett: The World We Have Lost. further explored, 4. ed., London / New York: Routledge 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/9829.html


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Peter Laslett: The World We Have Lost

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Dieses Buch ist ein Klassiker. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten zählt es zu den erfolgreichsten sozialhistorischen Fachbüchern, die gleichzeitig das allgemeine Publikum ansprechen. "The World we have lost" (der ursprüngliche Titel) ist zum geflügelten Wort für die vorindustrielle Welt schlechthin geworden - obwohl Laslett nur die englische Gesellschaft in der Frühen Neuzeit behandelt. War das Buch zunächst (1. Auflage 1965) ausdrücklich als längerer Essay komponiert, so wurde es für die 3. Auflage (1983) beträchtlich revidiert und streckenweise umgeschrieben (seitdem der erweiterte Titel: "Further Explored"). Diesem Text folgt auch (seitenidentisch) die hier anzuzeigende 4. Auflage (2005), die lediglich um ein kurzes Vorwort aus dem Jahre 2000 (ix-xiv) ergänzt wurde. Es geht somit um einen Text, der mehr als 20 Jahre alt ist (streckenweise sogar rund 40 Jahre). Gleichwohl ist er nach wie vor instruktiv, und durch die kunstvolle Art der Darstellung hat er - auch für eine Neue Kulturgeschichte - nichts von seiner Aktualität verloren.

Das Buch folgt keiner strengen Gliederung. Jedes der zwölf Kapitel lässt sich im Grunde als eigenständiger Essay lesen. Doch alle Kapitel haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt und ein gemeinsames Anliegen. Den Ausgangspunkt bilden stets grundlegende Institutionen und Strukturen der vorindustriellen Gesellschaft wie Haushalt und Familie, ständische Gliederung, Autoritätsbeziehungen, Dorfgemeinschaft, Versorgung und Lebensstandard, Sexualität und Eheschließung, Volkskultur und Alphabetisierung. Das Buch beginnt fast konventionell, mit der eindringlichen Schilderung eines Londoner Bäckerbetriebes, aus der Laslett ein Panorama der sozialen Räume entfaltet. Es soll zeigen, um wie viel kleiner für die meisten Menschen vor 1750 die unmittelbare Lebenswelt war: der städtische Handwerksbetrieb, der Bauernhof, das Dorf von vielleicht 300 Einwohnern. Doch kaum ist dies gesagt, wird umso deutlicher klargestellt, dass diese Welt gerade nicht jene beschauliche Idylle war, als welche sie im kollektiven Gedächtnis der (post)modernen Gesellschaft verankert ist. Vielmehr war auch die vorindustrielle Gesellschaft hochgradig mobil und dynamisch, ja erstaunlich 'modern'. So führte 1676 in Goodnestone zwar der örtliche Gentleman einen großen Haushalt, der 22 Personen umfasste (darunter 14 Dienstboten). Doch alle anderen Dorfbewohner lebten in Kleinfamilien von durchschnittlich 4 bis 5 Personen (64-66). Und von den Leuten, die 1676 in Clayworth wohnten, waren schon 1688 fast zwei Drittel dort nicht mehr ansässig. Einige waren gestorben, die meisten jedoch einfach weggezogen (75). Mit solchen Befunden die landläufigen Mythen und schiefen Bilder über eine angeblich heile Welt, die wir im Zuge von Industrialisierung und Modernisierung verloren haben, zu zertrümmern - darin besteht Lasletts eigentliches Anliegen.

Als das Buch 1965 erstmals erschien, war es das Manifest einer neuen Art der "Geschichte von unten", die von Haushalt und Familie als den 'natürlichen' Keimzellen des individuellen und kollektiven Lebens ausging, sich aber nicht länger auf anekdotische Zeugnisse verlassen wollte, sondern sich stattdessen der systematischen Auswertung serieller Quellen verschrieb: Historische Demografie als Kern einer modernen Sozialgeschichte langer Dauer, die vorindustrielle und moderne Zustände umgreift, um aus der wechselseitigen Spiegelung von Vergangenheit und Gegenwart historische Erkenntnis zu erlangen. Noch lagen dafür nur erste Bausteine vor, wie die Befunde für Goodnestone und Clayworth, oder Tony Wrigleys Pionierstudie zur Geburtenbeschränkung in Colyton im 17. Jahrhundert. Doch in der 1964 von Laslett und Wrigley gegründeten Cambridge Group for the History of Population and Social Structure wurde dieses Programm dann in großen Forschungsprojekten umgesetzt. Besonders zwei dieser Projekte waren bahnbrechend, und die Publikationen, die daraus hervorgingen, erlangten legendären Ruf. Der von Laslett (mit Richard Wall) herausgegebene Sammelband Household and Family in Past Time (1972) entzog dem herkömmlichen Bild der vorindustriellen Großfamilie (beliebte deutsche Variante: Brunners "ganzes Haus") endgültig den Boden; die Ergebnisse der Population History of England 1541-1871 (1981) von Tony Wrigley und Roger Schofield revidierten unsere Vorstellungen über vorindustrielle Bevölkerungen und erschütterten das Modell des demographischen Übergangs.

In der 2. Auflage seiner World We Have Lost (1971) hatte Laslett schon erste Früchte dieser Arbeiten berücksichtigt. Doch erst in der 3. Auflage (1983) trug er den an der Cambridge Group erzielten Forschungsergebnissen wirklich Rechnung und schrieb vor allem die demografischen Kapitel, die das Herz des Buches bilden, weitgehend neu (wie gesagt: diesen Text haben wir auch in der 4. Auflage vor uns). Der Einstieg jedoch blieb gleich - und dies aus gutem Grund. So beginnt die Diskussion der (damals) neuen Ergebnisse zur Familie in der vorindustriellen Gesellschaft (spätes Heiratsalter für beide Ehepartner, Dominanz der Kernfamilie) wie gehabt mit Shakespeares Romeo und Julia als einer unsterblichen Quelle für die landläufige Vorstellung, früher seien die Kinder von ihren Eltern bereits im zartesten Jugendalter verheiratet worden.

Die subversive Souveränität, mit der Laslett sich populärer historischer Mythen und literarischer Zeugnisse bedient, mit ihnen spielt, um sie anschließend zu zertrümmern, verleiht dem Buch gewissermaßen einen dekonstruktivistischen, postmodernen Duktus (was wieder einmal zeigt, dass der postmoderne Diskurs im Grunde kaum Neues bietet). Daraus erklärt sich zugleich, warum die Neuauflage dieses Klassikers gerade heute - und gerade Studierenden - nach wie vor wärmstens zu empfehlen ist (zumal die beiden Ausgaben der mäßigen deutschen Übersetzung seit langem vergriffen sind [1]). Denn der Sache nach ist ja das, was hier geboten wird, eigentlich nicht mehr neu. Aber die Art der Diskussion, vor allem in der geschickten Kombination qualitativer Zeugnisse und quantitativer Daten, ist einfach vorbildlich und immer wieder erhellend - nicht zuletzt wegen der hinreißenden Sprache Lasletts (ein früherer englischer Rezensent sprach von einer störrischen Version des "King's English"). Daher ist die "World We Have Lost" auch ein selten spannendes historisches Buch. Es besticht durch den lebendigen Umgangston, mit dem Laslett seine Leser an die Hand nimmt und mit beiläufiger Sicherheit durch die Werkstatt der historischen Forschung führt. Es glänzt durch seine gekonnte Verbindung von Erzählung und Analyse, bei der die sprechende Anekdote ganz selbstverständlich neben der statistischen Tabelle steht. So kommt das ungemein konzise Kapitel zur Alphabetisierung und sozialen Mobilität zunächst (und zu Recht) ganz im Zeichen der statistischen Untersuchungen (mit den entsprechenden Tabellen) von Roger Schofield und David Cressy daher. Doch in der historischen Diskussion dieser Daten, die man leicht als Erfolgsgeschichte missverstehen könnte (um 1750 waren bereits gut zwei Drittel der erwachsenen Männer alphabetisiert), ist dann vor allem davon die Rede, dass (und warum) es bis zum Beginn der allgemeinen Schulpflicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigentlich kein Problem war, wenn jemand nicht schreiben und lesen konnte. Und am Ende des Kapitels erfahren wir, dass Isaac Newton, der Vater des genialen Physikers, ebenso wie John und Mary Shakespeare, die Eltern des größten englischen Dichters, Analphabeten waren (244).


Anmerkung:

[1] Peter Laslett: Verlorene Lebenswelten. Die Geschichte der vorindustriellen Gesellschaft, Wien/Köln/Graz 1988 (Kulturstudien, 13); danach die Taschenbuch-Ausgabe: Frankfurt am Main 1991.

Thomas Sokoll