Rezension über:

Anja Zimmermann (Hg.): Kunstgeschichte und Gender. Eine Einführung, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006, 350 S., 15 Abb., ISBN 978-3-496-01309-9, EUR 29,90
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Rezension von:
Nina Trauth
Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Redaktionelle Betreuung:
Sigrid Ruby
Empfohlene Zitierweise:
Nina Trauth: Rezension von: Anja Zimmermann (Hg.): Kunstgeschichte und Gender. Eine Einführung, Berlin: Dietrich Reimer Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/6511.html


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Anja Zimmermann (Hg.): Kunstgeschichte und Gender

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Anja Zimmermann kommt mit dem vorliegenden Band einem Desiderat der Geschlechterforschung nach, die Ergebnisse feministischer Kunstgeschichte im deutschsprachigen Raum zu dokumentieren und mit einer weiteren Publikation das Geschlecht als methodische Kategorie und Fragestellung im Fach Kunstgeschichte festzuschreiben. Die Beiträge des Sammelbands sind nach wichtigen Themenfeldern der Geschlechterforschung gegliedert. Jedes von ihnen wird in einem eigens für die Publikation entstandenen Beitrag und inhaltlich zugehörigen älteren Aufsätzen behandelt. Das Projekt leistet damit einen Beitrag zur Historisierung feministischer Kunstgeschichte. Diese wird durch die gewählte Präsentationsform adäquat als offenes Diskussionsforum und als "work-in-progress" markiert.

Die Herausgeberin widmet sich in ihrer Einführung der Entwicklung der Kategorie Gender in der kunsthistorischen Forschung von der Suche nach Künstlerinnen in den 1970er-Jahren bis zur Dekonstruktion von Geschlecht heute. Ebenso wichtig ist Zimmermanns Vorstellung zentraler Diskussionsfelder der Gender Studies, die allerdings zu Gunsten vielfältiger Bezüge und weiterer Aspekte nicht der Reihenfolge der Buchbeiträge entspricht. Dies hat zur Folge, dass die Auswahl der Themenschwerpunkte nicht explizit diskutiert wird. Diese sind: "Körper und Körpertheorien", "Repräsentationskritik", "Institution und Geschlecht", "Technik-Material-Geschlecht", "Kreativität und Genie", "Differenzen: Ethnie und Geschlecht" sowie "Geschlecht und Medium" (7).

Die Debatte um den Körper entbrannte als Reaktion auf die den geschlechtlichen Körper verleugnenden Interpretationsmuster der ikonologischen Methode. Sigrid Schade beschreibt am Paradigma der Aktdarstellung die Leistung der feministischen Kunstgeschichte: Nach einer Sichtbarmachung des Aktes als weiblichen, das heißt geschlechtlichen Körpers ist die Geschlechterdifferenz zu untersuchen. Wichtigste Erkenntnis zu Körperbildern ist, dass eine naturalistische Darstellung des Körpers diesen nicht "realistisch" abbildet. Zu beschreiben ist stattdessen das "Wie" der Naturalisierung von Geschlechterdifferenz mittels Bildern und damit die Konstruktion von Geschlecht in der visuellen abendländischen Kultur.

Daran schließt das Kapitel zur Repräsentationskritik an. Silke Wenk rollt anhand der Kontroverse um den fragmentierten Körper den Status von Körperbildern als Repräsentationen auf. "Repräsentation heißt aus dieser Perspektive Darstellung als Vergegenwärtigung von etwas, was nicht abbildend reproduzierbar ist, was aber auch nicht jenseits sozialer Prozesse der Aushandlung, der Durchsetzung und Herstellung - durch Praktiken des Zeigens und Deutens, performative Akte und durch Sprache - existiert." (100) Dies entfaltet sie mit Hilfe der Position von Renate Berger, die im weiblichen Torso die sexuelle Integrität verletzt sieht, und Sigrid Schade, die auf eine Verwechselung des Bildes mit Abbildern hinwies und vor einer moralisierenden Beurteilung im Sinne Bergers warnte. [1]

Ein weiteres zentrales Feld kunsthistorischer Debatten ist die von Carola Muysers betrachtete Interdependenz von Institution und Geschlecht anhand der Künstlerin als Diskursfigur. Eine adäquate Beurteilung der Künstlerin bedarf der Analyse der sie ausschließenden institutionellen Strukturen. Wegen ihrer besonderen Rezeptionsbedingungen, die sie zur Ausnahmefigur machen, plädiert Muysers weiter für die Künstlerin als separates Forschungsthema.

Den Interdependenzen von Technik, Material und Geschlecht am Beispiel der Handarbeit in der bildenden Kunst ist das Kapitel mit dem Leitartikel von Silke Tammen gewidmet. Der Titel "'Seelenkomplexe' und 'Ekeltechniken'" zeigt zwei Pole der Diskussion um die Wertigkeit der Handarbeit in der Hierarchie der künstlerischen Gattungen auf. Als "Ekeltechnik" (Grasskamp) gewertet, wird Handarbeit zur Kunst, um aus der "Domäne des Niedlichen und Putzigen" heraus zu provozieren. Betrachtet man die Handarbeit als weibliche Tätigkeit und "Seelenkomplexe" (Meyer), also als Ausdruck des weiblichen Gefühlslebens, besteht die Gefahr sie zu einer Kunst "aus dem Bauch heraus" zu idealisieren. Forschungsdesiderate hinsichtlich Geschlechterzuschreibungen und Hierarchisierungen zwischen den Künsten sind eine vergleichende Analyse der "kunsthandwerklichen" Techniken (225) und Untersuchungen des Verhältnisses dieser Handarbeiten zu den "neuen" Medien (229).

Kreativität und Genie in Künstlermythen und Kunstgeschichtsschreibung seit Vasari diskutiert Maike Christadler. Sie analysiert das geschlechtlich konnotierte Vokabular, das Kunst mit männlichen Eigenschaften adelt und den Genie-Diskurs der Kunstgeschichte, der die Künstlerin strukturell ausgrenzt (266).

Das Paradigma der Differenzen von Ethnie und Geschlecht ist ein weiteres wichtiges Feld der Gender Studies, angeregt durch die Cultural und Postcolonial Studies. Ausgehend von der Beobachtung, dass geschlechtliche und kulturelle Stereotypen sich gegenseitig verstärken und hervorbringen, wird nach Überschneidungen von Ethnie und Geschlecht gefragt. Die Chance der gekoppelten Fragestellung besteht in der Aufdeckung von Rassismen und der Suche nach Bildern, die diese Stereotypen brechen. Birgit Haehnel historisiert die Entwicklung und Institutionalisierung dieser Fragestellung in Deutschland, beginnend mit der sechsten Kunsthistorikerinnentagung 1995 in Trier. Über eine Skizze der universitären Institutionalisierung hinaus bezieht Haehnel erfreulicherweise das Ausstellungswesen mit ein.

Der abschließende Beitrag von Hildegard Frübis zum Feld Geschlecht und Medium ist Teil der Theoriebildung nach dem "pictorial turn". Seine Platzierung am Ende des Bandes wirkt wegen eines fehlenden zweiten Beitrags und des exotischen Gegenstands der Erdteilallegorie auf den ersten Blick wie ein Anhängsel zum vorigen Theoriefeld oder als Ergänzung zum Thema der Repräsentationskritik. Das ist schade, weil Frübis einen wichtigen Aspekt einbringt. Auf der Suche nach einer Theorie des Bildes in den Bildwissenschaften muss die geschlechtliche Dimension berücksichtigt werden.

Insgesamt behandelt der Sammelband die zentralen Themen der Gender Studies in einer guten Auswahl wichtiger AutorInnen. Er steht damit in einer Reihe mit den zu empfehlenden Einführungen [2] und ist ausführlicher und methodisch vielstimmiger, als einzelne Beiträge in Methodenreadern zur Kunstgeschichte dies leisten können. [3] "Kunstgeschichte und Gender" ist darüber hinaus der erste ausschließlich für das Fach Kunstgeschichte entstandene Einführungsband. Bisher führte der interdisziplinäre Anspruch der Kategorie Gender dazu, dass sie als nicht zum Fach gehörig betrachtet werden konnte, auch weil wichtige Texte der Gender-Theorie keine kunsthistorischen Gegenstände behandeln.

Lobend zu erwähnen ist, dass die Fallstudien des Bandes nicht wie üblich überwiegend die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, sondern auch ältere Kunst behandeln. [4] Es fällt in der jetzigen Textauswahl auf, dass nur Irit Rogoffs Beitrag dem Themenfeld Männlichkeit gewidmet ist. Ein weiterer Aufsatz, der den Blick auch auf den männlichen Akt und damit auf die Konstruktion des männlichen Körpers lenkt, hätte ausgleichend gewirkt. [5] Ebenfalls wäre es möglich gewesen, proto-feministische Beiträge als Vorspann in die Textsammlung aufzunehmen, um der Kategorie Gender vor der Institutionalisierung Gestalt zu verleihen. Zu denken wäre hierbei an Beispiele der Soziologie oder an ein historisches Textbeispiel der "Querelle des Femmes". [6] Auch sollten sich LeserInnen zusätzlich mit dem "Metzler Lexikon Gender Studies" ausrüsten. [7] Denn dem Untertitel des Buches, eine Einführung zu sein, das heißt auch die zentralen Termini der wissenschaftlichen Geschlechterforschung vorzustellen, wird dieses Buch nicht immer gerecht. Auf eine Definition von Begrifflichkeiten, zum Beispiel in Form eines Glossars, und auf eine Bibliographie mit weiterführender Literatur wurde verzichtet. Ebenso muss es einen Laien der Materie frustrieren, erst auf Seite 13 zu erfahren, "dass diese Einleitung keiner einheitlichen Nomenklatur folgt; dies ist keine Willkür, sondern ein Reflex der sich ständig verändernden Bezeichnungspraxis". Das ist unbestreitbar richtig, entspricht aber keiner Einführung, in der Begriffe erst einmal definiert werden müssen, um sie anschließend zu differenzieren. Um Themenfeldern den Vorrang zu geben, wurde zudem auf eine traditionelle Vorstellung der Aufsätze und eine Begründung der Auswahl verzichtet. Dies mutet angesichts der kanonbildenden Macht von Einführungen seltsam an. Dem Trend der Sammelbände zum Trotz entsprechen diese wegen der vielstimmigen Nomenklatur der versammelten Beiträge nicht immer dem Bedürfnis der nach schneller Orientierung suchenden Studierenden. Das macht jeden einleitenden Beitrag zu einer Herausforderung, die Anja Zimmermann gelöst hat, indem sie die Beziehungen zwischen den Themenfeldern betont. Aber ist es eine Utopie, sich der kritisierten auktorialen Erzählhaltung auch einmal als einer Maskerade-Strategie zu bedienen? Gemeint ist eine Einführung, die holzschnittartig definiert und damit einen kritisierten Stil für sich instrumentalisiert, um diesen und die dahinter stehende Haltung dann zu dekonstruieren. Ein solches Textverfahren mit Maskerade-Strategie wäre als Einführung wirkungsvoll und gleichzeitig eine Gratwanderung, die (noch) nicht existiert.


Anmerkungen:

[1] Die beiden Texte von Berger und Schade sind im vorliegenden Sammelband enthalten.

[2] Hadumod Bußmann / Renate Hof (Hg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften, Stuttgart 1995; Christina von Braun / Inge Stephan (Hg.): Gender Studien. Eine Einführung, Stuttgart / Weimar 2000; Rozsika Parker / Griselda Pollock: Old Mistresses. Women, Art and Ideology, New York 1981.

[3] Ellen Spickernagel: Geschichte und Geschlecht. Der feministische Ansatz, in: Hans Belting u.a. (Hg.): Kunstgeschichte. Eine Einführung, Berlin 1986; Sigrid Schade / Silke Wenk, in: Bußmann / Hof (vgl. Anm. 2); Hildegard Frübis, in: Braun / Stephan (vgl. Anm. 2); Barbara Paul: Kunstgeschichte, Feminismus und Gender Studies, in: Hans Belting u.a. (Hg.): Kunstgeschichte. Eine Einführung, Berlin 2003, 297-328; Griselda Pollock: Der feministische Ansatz, in: Wolfgang Brassat / Hubertus Kohle (Hg.): Methoden-Reader Kunstgeschichte. Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln 2003, 131-132. Siehe auch Sigrid Ruby: Feminismus und Geschlechterdifferenzforschung, in: Kunsthistorische Arbeitsblätter 04/2003, 17-28.

[4] Das Spektrum zu Forschungen zur Kunst der Frühen Neuzeit hätte allerdings erweitert werden können. Nicht erwähnt werden kunstgeschichtliche Beiträge in Zusammenarbeit mit der historischen Forschung, zum Beispiel zur Repräsentationskultur der europäischen Höfe. Vgl. u.a. Jan Hirschbiegel / Werner Paravicini (Hg.): Das Frauenzimmer: die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Stuttgart 2000; Gabriele Baumbach / Cordula Bischoff (Hg.): Frau und Bildnis 1600-1750. Barocke Repräsentationskultur an europäischen Fürstenhöfen, Kassel 2003.

[5] Vgl. hierzu z.B. Abigail Solomon-Godeau: Male trouble. A crisis in representation, London 1997; Mechthild Fend / Marianne Koos (Hg.): Männlichkeit im Blick. Visuelle Inszenierungen in der Kunst der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2004.

[6] Zum Beispiel: Erving Goffman: Das Arrangement der Geschlechter, in: Ders.: Geschlecht und Interaktion, Frankfurt 1994, 105-159 (erstmalig 1977 ersch.); Pierre Bourdieu: Die männliche Herrschaft, in: Irene Dölling / Beate Krais (Hg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis, Frankfurt a. M. 1997, 153-217. Zur "Querelle des femmes" siehe Gisela Bock / Margarete Zimmermann (Hg.): Die europäische Querelle des Femmes. Geschlechterdebatten seit dem 15. Jahrhundert, Stuttgart / Weimar 1997.

[7] Renate Kroll (Hg.): Metzler Lexikon Gender Studies Geschlechterforschung. Ansätze - Personen - Grundbegriffe, Stuttgart / Weimar 2002.

Nina Trauth