Rezension über:

Hans Magenschab: Josef II. Österreichs Weg in die Moderne, Wien: Amalthea 2006, 287 S., ISBN 978-3-85002-559-1, EUR 24,90
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Rezension von:

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
: Rezension von: Hans Magenschab: Josef II. Österreichs Weg in die Moderne, Wien: Amalthea 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 3 [15.03.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/03/11738.html


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Hans Magenschab: Josef II.

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Der Autor Hans Magenschab, studierter Rechts- und Politikwissenschaftler, war Journalist bei der österreichischen Tageszeitung "Kurier" sowie Chefredakteur der "Furche" und der "Wochenpresse". Einer interessierten Öffentlichkeit in Österreich ist er außerdem als Pressesprecher des 2004 verstorbenen Bundespräsidenten Thomas Klestil ein Begriff. Als historischer Publizist hat er u.a. durch seine Biografien über Erzherzog Johann (1981), Andreas Hofer (1998) und eben Josef II. auf sich aufmerksam gemacht.

Vor diesem Hintergrund darf man mit einigem Interesse den nun im Amalthea-Verlag erschienenen Band zur Hand nehmen, liegt doch die Veröffentlichung seiner Biografie über Josef II. bereits 27 Jahre zurück. Die 1979 im Styria-Verlag erschienene Arbeit erlebte in den Jahren 1980 eine zweite, 1981 eine dritte und 1989 eine vierte Auflage. Seit der dritten Auflage steht im "Motiv" (entspricht einem Vorwort): "Mittlerweile [also seit der ersten Auflage] sind auch zahlreiche wichtige Forschungsergebnisse - vor allem von Fachhistorikern - publiziert worden. Ihnen ist der Autor für Hinweise und Bemerkungen sehr dankbar; insbesondere aber den Universitätsprofessoren Adam Wandruszka und Karl Gutkas." (9) Da jedoch auch noch die vierte Auflage textidentisch mit der ersten geblieben ist, darf man gespannt sein, welchen Niederschlag die Fachliteratur des vergangenen Vierteljahrhunderts bei Magenschab finden würde. Welcher Autor greift schon erneut sein einmal abgearbeitetes Thema auf und quält sich durch die jüngere Literatur, um eventuell die eigene Darstellung revidieren zu müssen? Magenschab jedenfalls nicht.

Ein schlichter Blick in das Literaturverzeichnis offenbart gerade fünf Titel, die nach 1980 erschienen sind: Die Josef-Biografien von Humbert Fink und dem bereits erwähnten Karl Gutkas, jene über Mozart von Hildesheimer, jene über Josefs Ehefrau Isabella von Parma von Tamussino und jene über das Josefinum von Wyklicky. [1] Bei einigen anderen Arbeiten, die jüngeren Datums zu sein scheinen, fällt bei näherem Hinsehen auf, dass es sich um Neuauflagen älterer Arbeiten handelt.

Doch inwiefern unterscheidet sich der Text aus dem Jahre 1979 von jenem aus dem Jahre 2006? An der inhaltlichen Gliederung der Arbeit hat es keine Veränderungen gegeben - die dargelegte Biografie Josefs II. folgt überwiegend einer chronologischen Ordnung. Aus den 51 zumeist nur wenige Seiten umfassenden Kapiteln sind nun 15 Kapitel geworden, die jeweils zwei oder mehrere der älteren enthalten. Darüber kann auch die konsequente Umbenennung der Überschriften nicht hinwegtäuschen. Aus der "Blamage an der Schelde" (234-alt) wird die "Blamage in den österreichischen Niederlanden" (228-neu) und aus der "Ostpolitik" (240-alt) wird "ein Abenteuer in Russland" (234-neu), beide nun zusammengefasst unter der Überschrift "Potemkinsche Dörfer [. . .]". Betrachtet man nun den eigentlichen Text etwas näher, so fällt auf, dass hier ein Satz fehlt, da ein älterer umformuliert worden ist. So ist Josef II. auch nicht mehr der "Revolutionär von Gottes Gnaden", wie der Untertitel der älteren Ausgabe lautet; stattdessen heißt es nun: "Österreichs Weg in die Moderne". Der Begriff "Ödipuskomplex" (173-alt) wurde ersatzlos gestrichen (143-neu), dafür jener des "Paradigmenwechsels" (228-neu) eingefügt (234-alt), um nur zwei Beispiele für die durchgeführte Modifikation des Textes zu nennen.

Wirklich neu ist allein der rote Faden, mit dem Magenschab eine Verbindung ins 21. Jahrhundert zu ziehen versucht ("Motiv", 7-11-neu). Nur an dieser Stelle erwähnt der Autor indirekt sein früheres Werk (das ansonsten keinerlei Erwähnung findet), indem er nämlich Josef II. erneut als "Revolutionär von Gottes Gnaden" (9) bezeichnet. Der Brückenschlag ins 21. Jahrhundert gelingt Magenschab nur bedingt, wie es überhaupt immer schwierig ist, Geschehnisse aus früheren Epochen in ihrer Folgewirkung für die Gegenwart zu beurteilen (in aller Regel gelingt dies am besten bei wichtigen Schlachten). Immerhin fasst er knapp die charakteristischen Grundzüge des Josefinismus zusammen und regt an, sich der Lektüre des Buches im Einzelnen zu widmen.

Die Biografie liest sich gut und kurzweilig. Sie enthält Exkurse in die Philosophie und die Musikgeschichte, greift zurück auf frühere Epochen und stellt insgesamt ein anschauliches Bild Josefs II. und seiner Zeit dar. Das Werk erfüllt sicherlich den Zweck: Die Intention Magenschabs, keine wissenschaftliche Studie vorlegen zu wollen (9-alt, 12-neu), muss man sich bei der Lektüre vergegenwärtigen - und daran auch die eigene Erwartung an die Arbeit anpassen. Der Band richtet sich - damals wie heute - an eine historisch interessierte Allgemeinheit, nicht an ein wissenschaftlich ausgerichtetes Publikum und kommt daher konsequenterweise auch ohne einen Fußnotenapparat aus. Da Magenschab wohl nicht zu unrecht davon ausgeht, dass "für den Menschen unserer Zeit nicht so sehr das verwickelte politische, verwaltungstechnische oder dynastische Geschehen der josefinischen Epoche im Vordergrund des Interesses steht, sondern die Persönlichkeit des Kaisers" (9-alt), hat er diesen Anspruch 1979 wie heute erfüllt. Und unter diesem Aspekt sind auch etwas plakative und reißerische Wendungen wie "Die Jesuiten werden verboten, Maria Theresia ist unglücklich" (123-neu) oder "Der Papst in Feindesland" (197-neu, jeweils Kapitelüberschriften) durchaus nachvollziehbar.

Der Wissenschaftler wird inhaltlich wenig Ertrag aus der Biografie ziehen, aber gesellschaftspolitisch ist die Herausgabe einer 'modernisierten' Fassung für die Zugänglichkeit der Erträge der wissenschaftlichen Forschung für eine weitere Öffentlichkeit zu begrüßen, auch wenn sie - wie im vorliegenden Fall - nicht aktuell sind. Da es jedoch an der grundsätzlichen Einschätzung der Person Josefs in den vergangenen Jahren keine umstürzend neuen Erkenntnisse gegeben hat, ist das Erscheinen dieses Werkes durchaus gerechtfertigt. Der Publizist Magenschab leistet immerhin einen wichtigen Beitrag zur Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und Öffentlichkeit.


Anmerkung:

[1] Humbert Fink: Joseph II. Kaiser, König und Reformer, Düsseldorf-Wien-New York 1990. Karl Gutkas: Kaiser Joseph II. Eine Biographie, Wien-Darmstadt 1989. Wolfgang Hildesheimer: Mozart, Frankfurt/Main 2005. Ursula Tamussino: Isabella von Parma, Wien 1989. Helmut Wyklicky: Das Josephinum. Biographie eines Hauses, Wien 1985.