Rezension über:

Ruth Weichselbaumer: Mittelalter virtuell. Mediävistik im Internet, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, 138 S., ISBN 978-3-7776-1361-1, EUR 19,00
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Rezension von:
Stefan Bießenecker
Lehrstuhl Mittelalterliche Geschichte, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Bießenecker: Rezension von: Ruth Weichselbaumer: Mittelalter virtuell. Mediävistik im Internet, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/9982.html


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Ruth Weichselbaumer: Mittelalter virtuell

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Spätestens seit das Wissen um den Umgang mit EDV-gestützten Angeboten in der Mediävistik den Rang einer Hilfswissenschaft erreicht hat, war das Buch von Ruth Weichselbaumer überfällig. Sie ergänzt das mittlerweile recht breite, wenn auch unausgewogene Angebot an Ratgebern mit Titeln wie 'Internet für Historiker' um einen Band speziell für Mediävisten und sucht zugleich einige der wesentlichen Probleme älterer Titel zu lösen. So verzichtet Weichselbaumer bewusst darauf, die Funktionsweise und Handhabung einer Vielzahl von Datenbanken, Suchmaschinen und virtueller Angebote kleinteilig zu erläutern. Vielmehr möchte sie nutzbringende Hilfsmittel, die sicher zahlreichen ihrer Leser teilweise bekannt sind, systematisch und nach den einzelnen Interessengebieten der Mediävistik ordnen und knapp charakterisieren (59-112).

Neben dieser strukturierten Aufzählung, die von einem Register der erwähnten Web-Angebote (113-119) ergänzt wird, stellt Weichselbaumer in mehreren vorgeschalteten Kapiteln Überlegungen grundsätzlicher Natur an: Sie beschäftigt sich mit den Fragen, wie wissenschaftliches Arbeiten der Mediävisten im 21. Jahrhundert aussehen sollte bzw. aussieht (17-26) und welche Vorzüge und Nachteile dieses mit sich bringt (27-48).

Ausgangspunkt für ihre Argumentation ist der in rasantem Tempo zu beobachtende Medienwandel (9-16), den sie bereits in ihrem Vorwort als auch in der Mediävistik angekommen beschreibt. Den vielerorts als Gefahr für die Schrift- und Lesekultur beklagten und anfangs mit Skepsis beobachteten Wandel der Wissenschaftskultur, der sich mit dem anhaltenden Aufschwung digitaler Editionen und Angebote noch beschleunigt, sieht die Autorin als Fortschritt und glaubt feststellen zu können, dass die Skepsis der Mediävisten zunehmend einem Bewusstsein für die Möglichkeiten weicht. Mit dem Siegeszug des Internet trete nicht nur eine Demokratisierung der Medienwelt über die Erweiterung des Produzenten- und Rezipientenkreises ein. Mit dem Ausbau der Angebote würde vielmehr auch der Bedarf an Strukturierungen, Selektion und Wertung wachsen, um dem kontinuierlich-sprunghaften Zuwachs an Informationen Herr zu werden. Hinzu tritt ein ausgesprochen hilfreiches Kapitel, in dem Techniken, Hilfsmittel und Strategien für die Recherche im Internet zusammengestellt sind (49-58).

Dass die Autorin an vielen Stellen evaluiert, ist äußerst hilfreich. Hat sich doch mit Weichselbaumer sowohl eine ausgewiesene Mediävistin als auch eine Fachfrau in Sachen Neue Medien des Themas angenommen, die mit dem Band die Ergebnisse eines in den Jahren 2001 bis 2004 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg durchgeführten Forschungsprojektes vorlegt und auch ihre Erfahrungen aus entsprechenden Lehrveranstaltungen sowie einer im Jahr 2001 vom Zentrum für Mittelalterstudien der Universität Bamberg durchgeführten Tagung mit dem Titel "Mediävistik und Neue Medien" einfließen lässt.

So werden die brennendsten Probleme angesprochen. Aufgrund mangelnder Standards für digitale Editionen und Textsammlungen plädiert Weichselbaumer für eine Rückbesinnung auf die Gepflogenheiten in gedruckten Werken. E-Texte könnten gedruckte Bücher lediglich ergänzen, kaum aber jemals vollständig ersetzen (34 f.). Aber auch eine unreflektierte Übernahme der Standards für gedruckte Werke lehnt Weichselbaumer zugunsten einer mediengerechten progressiven Weiterentwicklung der Publikationsformen ab. Es könne nicht damit getan sein, bereits gedruckte Texte einfach in digitale Form zu überführen. Standardwerke, Zeitschriften und Editionen hingegen, die ohnehin digital erstellt oder nachträglich digitalisiert werden, müssten dem neuen Medium entsprechend weiterentwickelt werden: Eine Heft- und Bandeinteilung sollte beispielsweise bei Zeitschriften einer thematischen und durch interne und externe Verknüpfungen angereicherten Gliederung weichen (40).

Schwierigkeiten bereitet auch die sehr unterschiedliche Qualität von Internetbeiträgen. Zwar seien zahlreiche mittelhochdeutsche Texte im Netz verfügbar, doch zu großen Teilen aufgrund fehlender Quellenangaben nicht nutzbar (28). Gleichzeitig ist die ständig wachsende Zahl an Angeboten ein Problem. Sie fordert vom Nutzer immer wieder die Kontrolle der Qualität, was bei den schon angesprochenen fehlenden Standards mühselig ist und teilweise nur unzureichend geschehen kann. Weichselbaumer bietet zumindest einen vorläufigen Katalog mit Kriterien, die eine Beurteilung von Internetangeboten ermöglichen sollen (50). Nicht zufällig orientiert sich dieser stark an den Kriterien, die für gedruckte Texte gelten.

Der dritte Punkt der Kritik von Weichselbaumer richtet sich gegen die Praxis der Vermittlung von E-Angeboten und die mangelnde Ausschöpfung von Möglichkeiten des E-learning. Die Skepsis der Mediävistik gegenüber digitalen Arbeiten und Texten weicht nur langsam (23). Noch immer genießt das gedruckte Wort das größere Ansehen. Erschöpft ist aber die Leistungsfähigkeit der Neuen Medien nicht damit, dass Kopiervorlagen nun als E-Mail-Anhang verschickt oder auf E-Plattformen zur Verfügung gestellt werden. Die Euphorie der Autorin angesichts der Möglichkeiten wird schnell ausgebremst, wenn sie die Praxis beschreibt. Noch gravierender scheint aber das Problem des Arbeitsaufwandes, der nötig ist, um eine Weiterentwicklung der didaktischen Konzepte und eine nennenswerte Erweiterung des Angebots im Netz zu erreichen. Dabei muss die Entwicklung in den nächsten Jahren in Richtung Qualität voranschreiten. Ziel ist und bleibt es, flexible, individuelle und höchst leistungsfähige Angebote mit hoher Haltbarkeit zu erstellen, die gleichzeitig überschaubare Anforderungen an Aufbau und Pflege stellen und dennoch den hohen Qualitätsanforderungen gerecht werden.

Ruth Weichselbaumer bietet eine fundierte und problemorientierte Sammlung etablierter und bewährter Web-Angebote. Wer wirklich Neues sucht, ist mit diesem Band schlecht beraten. Vielmehr eignet er sich, um in die Möglichkeiten des webgestützten Studiums und der webgestützten Forschung einzuführen. Konsequent begegnet Weichselbaumer mit diesem Band ihrer Feststellung, dass viele Hilfsmittel im Netz bisher nicht ausreichend genutzt würden und das Netz von Mediävisten hauptsächlich zur Kommunikation im Rahmen von E-Mails genutzt werde. Zusammen mit der gut angelegten, teilweise aber leider nicht ganz aktuellen Linksammlung auf der Homepage der germanistischen Mediävistik in Bamberg bietet der Band einen schnellen, systematischen und qualitätvollen Zugriff auf eine Vielzahl hilfreicher E-Angebote. Vervollständigt wird die gedruckte und virtuelle Linksammlung durch einen bekannte Schwierigkeiten der Neuen Medien aufgreifenden medienkritischen Teil. Die vergleichsweise wenigen wirklich neuen Ansätze und Gedanken zur Weiterentwicklung und zum Potenzial der Neuen Medien in der Mediävistik, die die Autorin bringt, sind dennoch nicht zu vernachlässigen oder gar zu unterschätzen. Ruth Weichselbaumer zeigt somit zwischen den Zeilen kritisch und fundiert die Richtung auf, in welche die Arbeit der nächsten Jahre im Bereich der Neuen Medien gehen muss, wenn ein Mehrwert erzielt werden soll.

Stefan Bießenecker