Rezension über:

Victoria Emma Pagán: Conspiracy Narratives in Roman History, Austin: University of Texas Press 2005, ix + 197 S., ISBN 978-0-292-70561-6, USD 45,00
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Rezension von:
Uwe Walter
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Uwe Walter: Rezension von: Victoria Emma Pagán: Conspiracy Narratives in Roman History, Austin: University of Texas Press 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/7962.html


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Victoria Emma Pagán: Conspiracy Narratives in Roman History

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Das schmale Buch - knapp 130 Seiten Text, den Rest machen Anmerkungen, Bibliografie und zwei ausführliche Indices aus - enthält nach einer Einleitung Interpretationen zu fünf Verschwörungsberichten römischer Geschichtsschreiber. Während Sallust im "Catilina", Livius mit der Bacchanalienaffäre 186 v.Chr. (39,8-19) und Tacitus mit der Pisonischen Verschwörung gegen Nero (ann. 15,48-74) misslungene Unternehmungen behandelten, schilderten Flavius Josephus mit dem Attentat auf Caligula (ant. 19,1-273) und Appian mit der Ermordung Caesars (civ. 2,11-117) erfolgreiche Aktionen. Als Historiker mag man einwenden, dass die angebliche Ausbreitung bacchanalischer Rituale in Italien sich nicht zu einem Angriff verdichtete und ihre demonstrative Unterdrückung weit eher mit dem politischen Hegemonieanspruch des Senats angesichts der kulturellen Umbrüche in der Generation nach dem Hannibalkrieg zu erklären ist, doch Pagán geht es ohnehin um die literarische Konstruktion, nicht die geschichtliche Rekonstruktion. Dabei leuchtet der historische Grundgedanke sofort ein: Weil Politik in der res publica grundsätzlich öffentlich zu sein hatte, bedeuteten Verschwörungen durch ihre notwendige Heimlichkeit "a particulary dangerous crisis of legitimation" (5) und zeigten "Roman society at its worst and Roman politics at its weakest" (6).

Die Verborgenheit von Verschwörungen stellte für einen Geschichtsschreiber zugleich ein heuristisches Problem und eine schriftstellerische Chance dar. Pagán analysiert die Instrumente, mit denen Autoren mal auktorial Wissen vorführten, dann wieder narrativ Ungewissheit stifteten und insgesamt eine spannungsgeladene Atmosphäre der Bedrohung schufen. Das Außerordentliche von Verschwörungen, ihr Status als Anti-Politik manifestierte sich in der aktiven Beteiligung von Fremden wie den Allobrogern (bei Sallust), Frauen wie Sempronia, Fulvia, Hispala, Porcia, der Frau des Freigelassenen Milichus und der Prostituierten Epicharis sowie Sklaven, wobei die Historiografen die Variationsmöglichkeiten nutzten: vom verworfenen Mittun über die enthüllende Rede bis hin zum standhaften Schweigen, das höherrangigen Akteuren einen Spiegel vorhält. Als sinnvoll erweist sich die gesonderte Behandlung der erfolglosen Verschwörungen, bei denen in der Tat ihr Ausmaß und der Anteil der "counterconspiracy" durch Cicero, den Senat oder Nero unklar bleiben müssen. Pagán erwähnt auch die Zweifel an der Historizität der Aktionen überhaupt (86) und zitiert das sarkastische Diktum Domitians: Kaiser befänden sich in einer erbärmlichen Lage, denn niemand kaufe ihnen die Aufdeckung einer Verschwörung ab, solange sie nicht ermordet dalägen (Suet. Dom. 21,1). Auch die "typology of conspiracy narrative" (87-90) liest man als Historiker mit Gewinn.

Es verwundert nicht, in den Schilderungen erfolgreicher Attentate viel weniger von Frauen und Sklaven zu lesen; in Josephus' Bericht "the conspiracy and its aftermath belonged to the freeborn citizens alone" (104); das Gleiche gilt für die Ermordung Caesars bei Appian. Ebenso nicht erstaunlich: Erfolgreiche Verschwörungen werden eher in auktorial-faktischer Prosa geschildert als gescheiterte, verhüllte, in ihrem Umfang unklare und damit darstellerisch anspruchsvollere coniurationes / epibolai. Die beiden Fallbeispiele dementieren Pagáns Akzentsetzungen offensichtlich, und ihre Bemühungen, die tragenden Teile des Baues auch hier zu finden, wirken etwas angestrengt.

Passagenweise lesen sich die Interpretationen der viel behandelten Schilderungen durchaus mit Gewinn. Was aber in "literary studies" dieser Art seit geraumer Zeit nicht selten zu beobachten ist, fehlt leider auch in Pagáns Buch nicht: kühne metaphorische Übersprünge. Natürlich spielt in Sallust "Catilina" der Gegensatz zwischen Freiheit und Sklaverei eine gewisse Rolle, aber die im Proömium formulierte Herrenmacht des Geistes über einen sklavischen Körper als absichtliches Symbol für die Befehlsmacht des Senats über das Volk, des Konsuls über den Senat und der optimates (ein bei Sallust nicht vorkommendes Wort!) über die populares zu lesen (38), das vermag kaum zu überzeugen. Und wenn die Weitergabe konspirativer Informationen an sexuell involvierte Frauen Wissen angeblich in deren Körper einschreibt, und zwar sowohl physisch als auch metaphorisch (126), dann ist die Schraube definitiv überdreht. Auch von einer "prevalence of conspiracy in the Roman literary imagination" (123) kann schwerlich die Rede sein. Und bei der Analyse der literarischen Evokationen dürfen schließlich die üblichen Verdächtigen nicht fehlen: "social status, gender, and ethnicity", dazu "boundary violation" (124 f.).

Fazit: Das Buch vermag nicht zu überzeugen - und lässt zugleich eine erneute Behandlung des Themas nicht unbedingt als Desiderat erscheinen.

Uwe Walter