Rezension über:

Kathy L. Gaca: The Making of Fornication. Eros, Ethics, and Political Reform in Greek Philosophy and Early Christianity (= Hellenistic culture and society; 40), Oakland: University of California Press 2003, XVII + 359 S., ISBN 978-0-520-23599-1, GBP 39,95
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Katrin Pietzner
Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Katrin Pietzner: Rezension von: Kathy L. Gaca: The Making of Fornication. Eros, Ethics, and Political Reform in Greek Philosophy and Early Christianity, Oakland: University of California Press 2003, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/7096.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Kathy L. Gaca: The Making of Fornication

Textgröße: A A A

Die christlichen Konzepte von sexueller Akese gehen nicht auf die philosophischen Lehren Platons, der Stoiker oder Pythagoreer zurück, sondern basieren auf der biblischen Tradition. Mit dieser zentralen These wendet sich Kathy L. Gaca vor allem gegen die Ansichten Foucaults, die Ideen griechischer Philosophen hätten die christliche Morallehre entscheidend geprägt. Um dies zu widerlegen, analysiert die an der Vanderbilt University in Nashville (Tennessee) lehrende Autorin die platonischen, stoischen und pythagoreischen Konzepte und stellt die Diskontinuität zur christlichen Ethik heraus. Im zweiten Teil, dem Kernstück, kann sie die in der Septuaginta entwickelten Vorstellungen von sexueller Devianz und die Rezeption der porneia durch Philo und Paulus herausarbeiten. Wie diese Denkmuster durch den 'Enkratiten' Tatian' den 'Orthodoxen' Clemens von Alexandrien und den 'Libertinen' Epiphanius aufgenommen und modifiziert wurden, ist Gegenstand des dritten Abschnitts.

In diesem konzentriert sich Gaca auf das 2. Jahrhundert und damit auf eine Zeit, in der Christen nicht nur alternative Lebensmodelle entwickelten, sondern auch begannen, diese in die Praxis umzusetzen. Einer der Protagonisten war der so genannte Karpokratianer Epiphanius; seine Ideen sind vor allem durch Clemens von Alexandrien überliefert und müssen daher aus den Stromateis rekonstruiert werden. Danach entwarf der Gnostiker das Modell einer Gemeinschaft von Gleichen, in der es kein Eigentum und keine Familien gab; alles sollte allen gehören. Nur auf den ersten Blick scheint dieses Konzept der Diskontinuitätsthese der Autorin zu widersprechen; denn Vorstellungen wie die des Epiphanius, die sich eng an die platonische und frühe stoische Ethik anlehnten, setzten sich nicht durch.

Kirchliche Deutungshoheit gewann die moderate Position des Clemens. Seine Kritik am epiphaneischen Entwurf und insbesondere am 'Allgemeingut' von Frauen weist auf zweierlei hin: zum einen auf die selektiven Kenntnisse des Platonikers Clemens, zum anderen auf seine grundsätzliche Orientierung an der Septuaginta. Epiphanius lehre hier nicht nur wider das göttliche Gebot; er sei gleich einem Platon und den griechischen Philosophen überhaupt Sklave sexuellen Verlangens. Da dieses nur Ehebruch und Apostasie erzeuge, müsse sich jeder Geschlechtsverkehr der Begierde enthalten. Damit spricht sich der Alexandriner gegen den von den frühen Stoikern postulierten Fortpflanzungstrieb aus, akzeptiert jedoch im Gegensatz zu Tatian den ehelichen Sex. Dieser ist in der asketischen Sicht des Syrers, der Mitte des 2. Jahrhunderts Schüler des in Rom lehrenden Justin war, radikal abzulehnen; ja mehr noch: jede Form von Sexualität wird durch Tatian zur Unzucht.

Diese christliche Definition führt Gaca ebenso wie die procreatio eines Clemens auf die biblische Tradition zurück. Danach ist sexuelles Verhalten, das nicht der Verehrung Gottes dient, Apostasie. Nicht nur Inzest, Ehebruch, sondern auch religiös gemischte Ehen sollten auf diese Weise verhindert werden. Entscheidende Mittler dieser Position waren Philo und Paulus. Beide befürworteten den ehelichen Geschlechtsverkehr, der ausschließlich der Fortpflanzung diene; das paulinische Modell zielte jedoch stärker darauf ab, die vorhandenen Familienstrukturen durch religiös einheitliche, also christliche, zu ersetzen. Zudem spitzte der Apostel die Normen des Pentateuch zu, wenn er nicht nur die sexuell abweichenden Handlungsweisen, sondern bereits das Verlangen danach als sündhaft stigmatisierte. Die porneia, die Paulus generell mit Idolatrie gleichsetzt, gilt es zu fliehen; das von ihm entwickelte jungfräuliche Ideal der Braut Christi bot dabei eine, aber keine allgemeine Lebensform.

Das sexuelle Begehren ist die Ursache des Schlechten - mit dieser Deutung lehnt Philo sich an das platonische Konzept an, das individuelle wie gemeinschaftliche Missstände auf Hunger, Durst und eben sexuelle Begierde zurückführt, die deshalb kontrolliert werden muss; wenn der in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts in Alexandrien schreibende jüdische Intellektuelle dieses unkontrollierte sexuelle Verlangen zudem als Rebellion gegen Gott beschreibt, dann verschärft er zugleich die alttestamentlichen Kriterien.

Der Sexuallehre Platons fehlt diese spirituell definierte porneia; nach Gaca ist ihr auch die vollkommene geschlechtliche Askese fremd. Dies gilt ebenso für die Stoiker, deren frühe Protagonisten Sexualität grundsätzlich positiv bewerteten: Sie festigte die freundschaftlichen Bindungen (auch unter den Weisen) und strukturierte somit die angestrebte ehelose Gemeinschaft. Erst die späteren Stoiker, wie Seneca oder Musonius, beschränkten den (ausschließlich der Zeugung dienenden) Geschlechtsverkehr auf die Ehe. Damit folgten beide Philosophen aber der pythagoreischen Lehre, denn hier wurde nach Ansicht der Autorin die Vorstellung einer procreatio erstmalig entworfen. Gaca kann auf diese Weise nicht nur die Vielfalt philosophischer Sexualkonzepte aufzeigen, sondern zugleich verdeutlichen, dass es keine einheitliche stoische Morallehre gab, an der christliche Denker anknüpften. Diese wichtige Differenzierung schließt jedoch nicht aus, dass philosophisch gebildete Christen sich in ihren restriktiven ethischen Vorstellungen von den kaiserzeitlichen Stoikern inspirieren ließen; dies gilt auch für die hier weniger beachtete, aber durchaus einflussreiche platonische Anschauung, nach der Askese eine Angleichung an Gott bedeute.

Der Blick Gacas richtet sich kaum auf die philosophisch-medizinischen Diskurse des 2. Jahrhunderts, die mit einer generellen Aufwertung der sexuellen Askese verbunden und von denen auch christliche Denker geprägt waren; deren Ansichten hätte die Autorin damit noch stärker in zeitgenössischen Kontexten verorten können. Ein Vergleich mit den Epikureern und insbesondere Kynikern erschiene darüber hinaus sinnvoll; beide propagierten zwar keine radikale Enthaltsamkeit, stellten aber die Ehe als philosophische Lebensform infrage. Die auffallenden Affinitäten zwischen Kynikern und Christen, aber auch Stoikern wie beispielsweise Epiktet, hätten das hier entworfene Panorama vielleicht noch stärker differenziert.

Kathy L. Gaca weist dagegen auf das von Epiktet und Seneca kreierte Modell eines 'stoisch-kynischen-Supermanns' hin, das zugleich das veränderte politische Interesse der späten Stoiker aufzeigt. Dieses spiegelt nicht mehr das ursprünglich gemeinschaftliche Reformbemühen wider, sondern ist an einem individuellen, männlichen Ideal orientiert. Auch die Platoniker, unabhängig von ihrer religiösen Provenienz, zeigen weniger politisches Engagement als der Begründer ihrer Tradition, Platon. Seine idealstaatlichen Konzeptionen waren ebenso wie die Modelle eines Paulus oder der Septuaginta auf sozialen Wandel ausgerichtet. Die Autorin veranschaulicht nicht (wie der Untertitel suggerieren könnte) praktisch umgesetzte Reformen, sondern die politische Relevanz der von ihr ausführlich und ideenreich analysierten Texte. Die Monografie überzeugt zudem in ihrem zentralen Anliegen: die prägenden jüdischen Wurzeln und damit die von der griechischen Philosophie abweichenden Akzente christlicher Sexualethik aufzuzeigen.

Katrin Pietzner