Rezension über:

Katherine B. Aaslestad: Place and Politics. Local Identity, Civic Culture, and German Nationalism in North Germany during the Revolutionary Era (= Studies in Central European Histories; Vol. XXXVI), Leiden / Boston: Brill 2005, XIII + 384 S., ISBN 978-0-391-04228-5, EUR 99,00
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Rezension von:
Burghart Schmidt
Département Histoire, Université Paul Valéry Montpellier 3
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Burghart Schmidt: Rezension von: Katherine B. Aaslestad: Place and Politics. Local Identity, Civic Culture, and German Nationalism in North Germany during the Revolutionary Era, Leiden / Boston: Brill 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/12545.html


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Katherine B. Aaslestad: Place and Politics

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Die Dissertation der wohl besten nordamerikanischen Kennerin der hamburgischen Geschichte im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert trägt einen irreführenden Titel. Im Grunde geht es nur sehr bedingt um deutschen Nationalismus und auch nicht um Norddeutschland, sondern um die Stadt Hamburg in den Jahren 1780 bis 1815. Da eine Publikation mit einem derartigen Titel auf dem amerikanischen Markt keinen Absatz finden würde, so zumindest die Ansicht der Verlagsleitung, wurde hier "geschummelt". Dem wissenschaftlichen Wert dieses Buches schadet dieser Tatbestand allerdings nicht.

Bietet es für diejenigen, die mit der Geschichte der Stadt Hamburg im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert vertraut sind, nur wenig grundlegend neue Erkenntnisse [1], so vermittelt es doch - mal direkt, mal indirekt über den Anmerkungsapparat - wichtige Einblicke in die Perzeption norddeutscher Lokal- und Regionalgeschichte in der internationalen Forschungsliteratur. Nicht nur dem englischsprachigen Publikum ermöglicht diese Veröffentlichung mit Sicherheit einen wertvollen und nuancierten Einstieg in eine moderne und zeitgemäße Geschichtsbetrachtung insbesondere vor dem Hintergrund der komplexen Diskussionen über Begriffe wie Patriotismus und Nationalismus.

Aufbauend auf einer sorgfältigen Quellenarbeit analysiert Katherine Aaslestad Landespatriotismus, Reichspatriotismus, Lokalpatriotismus, Volk, Vaterland, Patriot, Nation, Nationalgeist und Vaterlandsliebe und fragt nach der realen Anwendbarkeit derartiger Begrifflichkeiten auf die Stadt Hamburg im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons. Mit einer erfreulich kritischen Distanz gegenüber der traditionellen Nationalgeschichtsschreibung und allzu stark vereinfachenden Betrachtungen im Hinblick auf die Befreiungskriege untersucht sie die sich verändernden gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Rahmenbedingungen bürgerlichen Lebens und Handelns in Hamburg.

Die ersten beiden Kapitel ihrer Darstellung befassen sich mit dem gesellschaftlichen Leben im ausgehenden 18. Jahrhundert, mit dem Vereins- und Pressewesen, d. h. in etwa mit den Themen, die einst Franklin Kopitzsch in seinen Grundzügen einer Sozialgeschichte der Aufklärung für Hamburg und Altona erforschte. Die beiden nächsten Kapitel beschäftigen sich mit den Veränderungen der bürgerlichen Haltung und Einstellung, bedingt auf politischer Ebene durch die Französische Revolution und auf wirtschaftlicher Ebene durch den enormen Wirtschaftsaufschwung der letzten Dekade des 18. Jahrhunderts. Weiterführend ist dabei insbesondere ihr Kapitel über das Spannungsverhältnis von Luxus und Egoismus und über den daraus resultierenden Wandel im gesellschaftlichen und sozialen Verantwortungsgefühl des Hamburger Bürgertums. Die nächsten drei Kapitel sind der Zeit der französischen Besatzung von 1806 bis 1810, der Eingliederung in das französische Kaiserreich und schließlich der Stadt Hamburg in den Befreiungskriegen gewidmet, wobei der Akzent hier auf dem sich verändernden Patriotismusbegriff liegt, der jetzt weniger soziales Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft implizierte, dafür aber stärker auf die Verteidigung der eigenen Stadt abhob und keineswegs mit einem allgemeinen deutschen Nationalgefühl und -bewusstsein gleichgesetzt werden kann.

Schade ist, dass diese drei Kapitel erneut unterstreichen, wie hartnäckig sich längst überholte Unterstellungen der älteren Literatur auch in den neuesten Veröffentlichungen halten und damit in gewisser Weise zur Legende werden. So erscheint es mehr als fragwürdig, ob tatsächlich in den Jahren 1806 bis 1810 mehr als 200.000 Soldaten, Italiener, Holländer, Spanier und Franzosen nach Hamburg kamen, von wo sie vollständig neu eingekleidet weiterzogen, wie es einst der französische Generalkonsul Bourrienne behauptete, und es ist von Walter Kresse auch schon vor 40 Jahren widerlegt worden, dass in der Franzosenzeit über 300 Seeschiffe abgetakelt im Hamburger Hafen verfaulten, um nur diese beiden Beispiele anzuführen. [2]

Interessant jedoch und auch für die Hamburgische Geschichtsschreibung in gewissem Sinne Neuland sind die Betrachtungen, die die Verfasserin in ihrem abschließenden Epilog über die Erinnerungen an die Befreiungskriege in den Jahren 1813 bis 1913 anstellt, die zuletzt 1918 von Werner Heyden anhand der öffentlichen Festkultur des 19. Jahrhunderts untersucht worden waren. [3] Hier eröffnet uns Katherine Aaslestad einen vielversprechenden Weg der historischen Forschung, der in den kommenden Jahren anlässlich zahlloser Fachtagungen und Kongresse zur Franzosenzeit in Norddeutschland sicherlich an Bedeutung gewinnen wird.

Sieht man von den vielen kleinen Mängeln in der Drucklegung ab - ein sorgfältigeres Lektorat der deutschsprachigen Namen und Begriffe hätte sich auf jeden Fall empfohlen - handelt es sich insgesamt gesehen um ein spannendes und lesenswertes Buch, dem man auch unter vermarktungstechnischen Aspekten viel Erfolg wünschen sollte, selbst wenn es "nur" von Hamburg in der Franzosenzeit handelt.


Anmerkungen:

[1] Vgl. zum ausgehenden 18. Jahrhundert Franklin Kopitzsch: Grundzüge einer Sozialgeschichte der Aufklärung in Hamburg und Altona, 2. erg. Auflage Hamburg 1990. Zur Geschichte Hamburgs in den Jahren der französischen Herrschaft siehe Burghart Schmidt: Hamburg im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons (1789-1813), 2 Bde., Hamburg 1998.

[2] Vgl. Walter Kresse: Materialien zur Entwicklungsgeschichte der Hamburger Handelsflotte 1765-1832, Hamburg 1966, 35.

[3] Vgl. Wilhelm Heyden: Öffentliche Feste in Hamburg zur Erinnerung an die Befreiungskriege, in: Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte 22 (1918), 199-213.

Burghart Schmidt