Rezension über:

Martin Burkhardt: Arbeiten im Archiv. Praktischer Leitfaden für Historiker und andere Nutzer, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, 135 S., 14 Abb., ISBN 978-3-8252-2803-3, EUR 12,90
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Rezension von:
Julian Holzapfl
Bayerische Archivschule, München
Redaktionelle Betreuung:
Georg Vogeler
Empfohlene Zitierweise:
Julian Holzapfl: Rezension von: Martin Burkhardt: Arbeiten im Archiv. Praktischer Leitfaden für Historiker und andere Nutzer, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/12061.html


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Martin Burkhardt: Arbeiten im Archiv

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Dem Arbeiten im Archiv, einer Hürde, der sich die Mehrzahl der "working historians" früher oder später stellen muss, hat der Schöningh-Verlag ein schlankes UTB-Taschenbuch gewidmet und mit Martin Burkhardt einen erfahrenen Archivar als Autor gewinnen können. Nicht als Einführung in die Archivwissenschaft hat er seine Einführung angelegt, sondern als Einladung an alle (nicht nur an professionelle Historiker), die mit dem Archivwesen bislang nicht in Berührung gekommen sind, den Schritt vom Bücherregal zu den Archivalien zu wagen. Die dabei zu überwindenden Hürden, vom unfreundlichen Pförtner über gesetzliche Sperrfristen bis hin zu den Tücken der Deutschen Schrift, verkennt er nicht, verspricht aber, sie durch das vermittelte Hintergrundwissen überwinden zu helfen. Das Buch wird sich also am eigenen Anspruch messen lassen müssen, eine Darstellungsform zu finden, die durch die inhaltliche Raffung des archivkundlichen Stoffes und durch einen entgegenkommenden Ton geeignet ist, Hemmschwellen abzubauen.

Martin Burkhardt beginnt mit einer näheren Begriffsbestimmung von Archiven im engeren und im weiteren Sinne, und gibt einen extrem verknappten, aber treffenden Überblick über die Grundaufgaben und Grundprinzipien archivarischer Arbeitspraxis, allen voran dem Bewahren der Entstehungszusammenhänge des Schriftguts (Provenienzprinzip) (11-17). Die verschiedenen Typen und Träger von Archiven stellt ein institutioneller Überblick zunächst über das deutsche (19-36), dann über das europäische Archivwesen und das der USA (37-57) vor. Das Kapitel "Von der Frage zur Quelle" (59-78) spielt an einigen Fallbeispielen durch, wie sich die richtigen Archive und Bestände zu historischen Fragestellungen finden lassen, angereichert mit einer Vielzahl von praktischen Hinweisen zur Planung und Vorbereitung von Archivaufenthalten. Dass die Fallbeispiele hier wie in anderen Kapiteln schwerpunktmäßig aus Baden-Württemberg stammen, ändert nichts daran, dass sie originell, clever ausgewählt und einleuchtend sind. Die gesetzlichen Regelungen und die praktischen Modalitäten der Archivbenutzung - wie immer konsequent aus Benutzerperspektive - handelt das sechste Kapitel (79-95) ab, den Aufbau verschiedener Arten von Findmitteln das Siebte (97-101). Nach einem sehr kurzen, gängige archivalienkundliche Typologien pragmatisch abwandelnden Abschnitt zu den häufigsten und einigen besonderen Gattungen von Archivgut schließt ein - angesichts der Kürze des Gesamtwerks sehr ausführlich geratener - "Service"-Teil mit Tipps und Übungsbeispielen zur deutschen Schrift aus verschiedenen Epochen das Buch ab.

Der einzige Bereich der Archivarbeit, der mir in Burkhardts Darstellung etwas unausgewogen dargestellt scheint, ist die Beziehung der Archive zur digitalen Welt. Dabei sind zwei große Komplexe zu unterscheiden, mit deren jeweiliger Gewichtung durch den Autor man nicht einverstanden sein muss: Zum einen der Versuch, vorhandene Archivalien durch Digitalisieren im Internet verfügbar zu machen (91-94). Abgesehen von der digitalen Bereitstellung und Vernetzung von Findbüchern, für die gerade in südwestdeutschen Archiven viel getan wird, wird die (Retro-)Digitalisierung von Archivgut zwar niemals auch nur annähernd die Bedeutung bekommen, die sie im Bibliotheksbereich hat. Trotzdem wünscht man sich hier, Burkhardt würde die Möglichkeiten und das Potenzial archivischer Digitalisierung weniger engstirnig kommentieren: Ziel und Zweck des angeführten länderübergreifenden Digitalisierungsprojekts monasterium.net beispielsweise (93) ist eben höchstens am Rande die konservatorische Schonung der Originale, sondern hauptsächlich die virtuelle Vernetzung und somit Nutzbarmachung des Urkundenbestandes eines historischen Raumes, wie sie die Grenzen moderner Nationalstaaten und ihrer Archivsprengel nicht zulassen. Burkhardts verständlicher Skeptizimus lässt ihn hier eine Dimension internetgestützten Arbeitens vernachlässigen, die auch für die Zielgruppe seines Buches durchaus wichtig werden könnte.

Eine ganz andere Frage ist das Problem des künftig anfallenden digitalen Archivguts. Werden Archive künftig gleichzeitig als Technikmuseen fungieren, in denen Benutzer sich an historischer Hardware durch in längst veralteten Datenformaten codierte Verwaltungsunterlagen klicken? Ist es zukunftsträchtiger, das E-Mail-Archiv innerhalb eines Nachlasses auf möglichst alterungsbeständiges Papier auszudrucken, oder die Dateistruktur im Abstand einiger Jahre wieder in das jeweils aktuelle Datenformat zu konvertieren? Wenn Burkhardt dieses ungleich wichtigere Problemfeld recht beiläufig abhandelt (107) und damit impliziert, mit diesen Fragen müsse der Archivbenutzer von heute noch nicht behelligt werden, ist das zwar pragmatisch vertretbar. Andererseits ist es das besondere Kennzeichen und die große Stärke des Buches, dass es die Eigenheiten des Archivwesens aus der treffenden Beschreibung der wichtigsten archivarischen Arbeitsprinzipien und des Standes der fachlichen Diskussion heraus entwickelt. Hier ist der passiv abwartende Technikskeptizismus, wie er bei Burkhardt anklingt, glücklicherweise längst nicht mehr repräsentativ für die Fachdiskussion. Häufig begleiten und beraten Archive bereits die Behörden bei der Einführung digitaler Dokumentmanagementsysteme, und die Diskussion um geeignete Standards und Speichermedien ist dringlich und rege, auch wenn sich noch keine klaren Lösungen abzeichnen. In diesen Zusammenhang, und weniger in den der Retro-Digitalisierung, gehören auch Burkhardts per se richtige Anmerkungen zur Problematik der Langzeitarchivierung.

Es wäre jedoch ganz und gar unfair, eine solche Kritik an einzelnen Akzentsetzungen zum Maßstab einer Gesamtbewertung zu machen, die nur positiv ausfallen kann: Martin Burkhardt gibt einen bei aller Knappheit sorgfältigen, verlässlichen und stellenweise recht humorvollen ersten Einblick in die Welt der Aktenfaszikel und Benutzeranträge. Präsentiert wird er in einem lockeren, bestens zu lesenden Stil, der auf Fachterminologie gerade so weit zurückgreift, wie es für das Verständnis nötig ist, niemals aber in hermetische Berufssprache abgleitet. Der Autor nimmt so einen Standpunkt ein, der zwischen zwei Blickrichtungen vermittelt, ohne selbst neutral zu sein: Es dürfte ihm gelingen, den Lesern die Scheu vor Archiven zu nehmen, indem er die berufsspezifischen Denkweisen, Ordnungskategorien und Interessenlagen der Archivare verständlich macht, dabei aber konsequent die Interessenlage der (prospektiven) Benutzer im Auge behält, für die er fachspezifisches Wissen zur Ermutigung und Befähigung aufbereitet. Nicht zuletzt sind Aktualität und leserfreundliche Textgestaltung unkonventionell, aber überzeugend verbunden, indem die Verweise auf die für die jeweiligen Kapitel einschlägigen aktuellen Aufsätze und Internetseiten nicht in Fußnoten oder einen Anhang verbannt, sondern jeweils zum Ende der Unterkapitel in den Fließtext integriert werden. Der besondere Wert, der auf Aktualität und auf den neuesten Kenntnisstand in den Literaturhinweisen gelegt wird, bedeutet gleichzeitig, dass dieses Buch nicht für die Ewigkeit geschrieben ist. Viele weitere Auflagen in kurzer Folge sind ihm zwar herzlich zu wünschen. Trotzdem sollten historische Vereine, Geschichtslehrer, die historische Facharbeiten vergeben, Dozenten historischer Proseminare und nicht zuletzt die Archive selbst nicht zu lange zögern, dieses nützliche und einladend geschriebene Büchlein anzuschaffen - am besten in ganzen Klassensätzen.

Wenn Martin Burkhardt schon in der Einleitung auf die unterschiedlichen Perspektiven verweist, zu denen die eigene Position dies- oder jenseits der Benutzertheke verhilft, so verkennt er dabei sicher nicht den Dienst, den eine solche benutzerfreundliche Einführung mittel- und langfristig auch den Archiven erweist: Zum einen wird sich jeder Archivar über informierte Benutzer freuen, die schon eine genauere Vorstellung dessen haben, was sie wo zu finden hoffen und zu welchen Bedingungen sie es benutzen können. Zum Zweiten verschiebt das momentane, von haushaltspolitischen Sparzwängen und betriebswirtschaflichem Kosten-Nutzen-Denken gleichermaßen bestimmte Klima der politischen Diskussion den Blickwinkel, der bei der Frage nach der Existenzberechtigung der Archive und ihres Personals eingenommen wird. Benutzerzahlen und Benutzerinteresse werden dabei als Argumente wichtiger und zugkräftiger werden als die Zahl der Regalkilometer oder die historische Einzigartigkeit der Bestände.

Julian Holzapfl