Rezension über:

Felicitas Becker / Jigal Beez (Hgg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin: Christoph Links Verlag 2005, 235 S., ISBN 978-3-86153-358-0, EUR 22,90
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Rezension von:
Dirk Sasse
Münster
Redaktionelle Betreuung:
Nikolaus Buschmann
Empfohlene Zitierweise:
Dirk Sasse: Rezension von: Felicitas Becker / Jigal Beez (Hgg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907, Berlin: Christoph Links Verlag 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/11089.html


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Felicitas Becker / Jigal Beez (Hgg.): Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907

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Nur kurz nach dem von Jürgen Zimmerer und Joachim Zeller herausgegebenen Buch über den Hererokrieg in Namibia [1] legte der ambitionierte Christoph Links Verlag mit einem reich bebilderten Sammelband über den Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) nach. Das aus der Afrikanistin Felicitas Becker und dem Ethnologen Jigal Beez bestehende Herausgeberteam beschränkt sich allerdings nicht nur auf die militärgeschichtliche Komponente des Maji-Maji-Krieges, sondern versammelt in seinem Band ein internationales Autorenensemble, das den Konflikt in 17 Aufsätzen aus fachübergreifenden Gesichtspunkten beleuchtet. Dies spiegelt auch der Aufbau des Buches in die vier Hauptabschnitte "Der Weg in den Krieg", "Der Krieg", "Darstellungen des Krieges" und "Die Folgen des Krieges" wider.

Zwar ist der Maji-Maji-Krieg international recht gut erforscht, hierzulande ist "dieses wenig rühmliche Kapitel deutscher Geschichte" (12) aber trotzdem kaum bekannt. Dass aber auch Fachleute zu relativierenden Interpretationsweisen neigen können, bewies zuletzt ein im November 2005 veranstaltetes Symposium zum "Maji-Maji-Aufstand im ehemaligen Deutsch-Ostafrika vor 100 Jahren". [2] Schon der Begriff "Aufstand" jedoch, so Becker und Beez, entstamme "einer kolonialen Terminologie, die von Überlegenheitsgefühlen und Herablassung gegenüber Afrikanern durchsetzt war" (12). In jüngeren Forschungen wird wegen der mit dem Wort "Aufstand" verbundenen Konnotationen der Begriff "Krieg" bevorzugt.

Jigal Beez verweist in seinem einleitenden Aufsatz darauf, dass die Grundlagen für den Erfolg des afrikanischen Widerstands im 19. Jahrhundert gelegt wurden. Die durch das Vordringen der Ngoni und aus Angst vor Sklavenhändlern militarisierten Bevölkerungsgruppen im Süden Tansanias hatten durch neue Handels-Netzwerke Zugang zu aus Sansibar stammenden Feuerwaffen gefunden.

Zwischen 1891 und 1897 kam es allein zu 67 größeren militärischen Operationen der "Kaiserlichen Schutztruppe Deutsch-Ostafrika" im Inland. Reinhard Klein-Arendt erklärt, wie die Mentalitätswelten der deutschen Kolonialisten wesentlich mit zum Ausbruch des Maji-Maji-Krieges beitrugen. Willkür, Herablassung gegenüber den Afrikanern, Landenteignung, Prügelstrafen, Zwangsarbeit und immer neue Formen der Besteuerung schürten Hass gegenüber der Kolonialmacht.

Dennoch bedurfte es der Maji-Maji-Botschaft des Heilers Kinjikitile, derzufolge die Deutschen mit einem Wasser (Maji) als Kriegsmedizin zu besiegen seien, um etwa 20 verschiedene und oft untereinander zerstrittene Bevölkerungsgruppen zu einer bisher beispiellosen antikolonialen Erhebung zu vereinen. Wiederum Jigal Beez verdeutlicht, dass die sich rasch und weitläufig vernetzende religiöse Bewegung ebenso "zu einer moralischen Erneuerung der Gesellschaften Ostafrikas" (66) führen sollte.

Nach der Verhaftung Kinjikitiles am 16.7.1905 begannen seine Gefolgsleute vier Tage später, die schon lange gehegten Kriegspläne umzusetzen. Offene Feldschlachten mit katastrophalem Ausgang veranlassten die Maji-Maji-Anhänger, nach und nach zu einer Guerillataktik zu wechseln. Die Folge war, wie Felicitas Becker in ihrer Analyse des Kriegsverlaufs feststellt, dass die "Schutztruppe" zu einer Strategie der verbrannten Erde überging, die für die Bevölkerung verheerende Folgen hatte. Die Schätzungen für die Anzahl der Todesopfer gehen weit auseinander. Ludger Wimmelbücker geht in seinem Artikel von 180.000 Afrikanern aus, die im Zuge dieses Kolonialkrieges und der durch ihn ausgelösten Hungersnot ums Leben kamen.

Die Deutsche Kolonialzeitung bezifferte die Verluste der Europäer auf 23 Personen, worunter sich allerdings auch zwei ertrunkene Soldaten und sechs an Krankheiten verstorbene Marineangehörige befanden. Dies erklärt vielleicht, dass Felicitas Becker und Hans-Joachim Niesel die Zahl der europäischen Opfer auf 15 reduzieren. Sieben dieser Opfer waren Missionare, die zum Teil äußerst brutal ermordet worden waren. Niesel erklärt dies damit, dass Missionen und Kolonialverwaltung zu eng miteinander verwoben waren ("Für Kreuz und Krone"). Becker schätzt die Zahl der afrikanischen Toten in der deutschen Kolonialtruppe auf 1000.

Ingrid Laurien zitiert in ihrem Beitrag afrikanische Zeitzeugen, die die Gewalt der Kolonialherren, aber auch die brutalen Rekrutierungsmethoden der Maji-Maji-Bewegung sehr anschaulich aufzeigen. Es existieren nur wenige schriftliche afrikanische Zeugnisse aus dieser Zeit. Wie der Bürgermeister von Songea Mzee bin Ramazani sich mithilfe einer prokolonialen Proklamation seine hervorgehobene Stellung zu sichern versuchte, dokumentiert Ludger Wimmelbücker in seinem zweiten Beitrag. Eine ambivalente Haltung gegenüber den Kämpfern - sowohl Verständnis als auch Ablehnung - kommt im zeitgenössischen Maji-Maji-Gedicht des Swahili-Dichters Abdul Karim Jamaliddini zum Ausdruck. Damit wollte der Dichter womöglich versuchen, sowohl den misstrauischen Kolonialherren als auch den unzufriedenen Kolonisierten gerecht zu werden, vermutet José Arturo Saavedra Casco.

Einen der spannendsten und am besten geschriebenen Artikel liefert P. Werner Lange über Hans Paasche, dessen Erlebnisse als junger Offizier im Maji-Maji-Krieg wesentlich zu seiner späteren pazifistischen Grundeinstellung beitrugen. Letztlich verzweifelte er aber an der Kriegstrunkenheit und der durch die Zerstreuungsindustrie bedingten Gleichgültigkeit seiner Landsleute.

Im Vorfeld der Unabhängigkeit Tansanias im Jahre 1961 versuchte Julius Nyerere, den Maji-Maji-Krieg in den nation-building-Prozess einzubinden. Dennoch ist der Krieg schon damals nicht zum Nationalmythos geworden, denn die Niederlage der beteiligten Völker war zu verheerend und die Erinnerung noch zu frisch, wie Felicitas Becker und der tansanische Lehrer Alfred Fuko übereinstimmend feststellen.

Die direkten und indirekten Folgen des Maji-Maji-Krieges sind neben anderen Ursachen bis heute im Südosten Tansanias spürbar. Beckers Analyse zufolge gibt es drei Grundprobleme: eine geringe Bevölkerungsdichte mit schlechter gesundheitlicher Versorgung, eine unzureichende infrastrukturelle Erschließung und ein mangelhaftes Bildungssystem. Ähnlich wie im Falle des Herero-Krieges stellt sich auch hier die Schuldfrage für Deutschland. Isack Majura, in Tansania geboren, beantwortet sie mit nein und plädiert für Vergebung, ohne die Kolonialverbrechen zu vergessen.

Felicitas Beckers und Jigal Beez' Sammelband ist für Laien wie für Fachleute gleichermaßen interessant und hat aufgrund der solide recherchierten und mehrere Wissenschaftsdisziplinen übergreifenden Artikel das Potenzial zum Standardwerk. Und eines zeigt das Buch sehr deutlich: Es handelte sich um einen Krieg und nicht um einen Aufstand.


Anmerkungen:

[1] Jürgen Zimmerer / Joachim Zeller (Hg.): Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2003; s. hierzu die Rezension von Inga-Dorothee Rost, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 6, URL: http://www.sehepunkte.de/2005/06/4195.html

[2] Mit Zauberwasser gegen Gewehrkugeln. Der Maji-Maji-Aufstand im ehemaligen Deutsch-Ostafrika vor 100 Jahren. Symposium des Berliner Missionswerkes, der Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte und des Deutschen Historischen Museums am 11./12. November 2005, Deutsches Historisches Museum, Berlin, hg. v. Hans-Martin Hinz / Hans-Joachim Niesel / Almut Nothnagle (Beiheft der Zeitschrift für Mission, 7), Frankfurt am Main 2006.

Dirk Sasse