Rezension über:

Christian von Tschilschke / Andreas Gelz (eds.): Literatura - Cultura - Media - Lengua. Nuevos planteamientos de la investigación del siglo XVIII en España e Hispanoamérica (= Europäische Aufklärung in Literatur und Sprache; Bd. 17), Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, XVII + 309 S., ISBN 978-3-631-53345-1, EUR 49,80
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Rezension von:
Maria Imhof
Romanisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Maria Imhof: Rezension von: Christian von Tschilschke / Andreas Gelz (eds.): Literatura - Cultura - Media - Lengua. Nuevos planteamientos de la investigación del siglo XVIII en España e Hispanoamérica, Bern / Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/11068.html


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Christian von Tschilschke / Andreas Gelz (eds.): Literatura - Cultura - Media - Lengua

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Am Beispiel der spanischsprachigen Aufklärung leistet der Sammelband einen Beitrag zur momentan diskutierten Kulturwissenschaft, indem er neue Forschungsfelder eröffnet, sowie bereits bestehende erweitert. Neuere methodische und theoretische Ansätze aus den Feldern der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft werden aufeinander bezogen, wobei der Band anstrebt, auch interne Verbindungen zwischen den präsentierten literatur-, sprach- und medienwissenschaftlichen Beiträgen herauszuarbeiten. Durch die Einbeziehung Lateinamerikas in die Untersuchung wird die Betrachtung der europäischen Aufklärung ergänzt.

Der Band ist in sieben thematische Blöcke gegliedert, deren beigeordnete Einzelbeiträge teilweise Überschneidungen im Textkorpus aufweisen, die sich aber aufgrund des erklärten Zieles des Bandes, der Herstellung von Verbindungen, fast zwangsläufig ergeben. Sie machen auch die auf den ersten Blick nicht eindeutig ersichtliche inhaltliche Verknüpfung der Untergliederungen deutlich. Die Beiträge erschließen teils noch unbekannte Texte, teils präsentieren sie Neuinterpretationen bekannter Texte und Ensembles, wobei der innovative methodische und theoretische Ansatz ein im Vorwort formuliertes Ziel darstellt (IX).

Der erste thematische Block beschäftigt sich mit dem Konzept "Literatur" und seinen soziokulturellen Entstehungsbedingungen. Eröffnet wird er von einem Beitrag Joaquín Álvarez Barrientos', der einen Überblick über den Forschungsstand zum "hombre de letras" im 18. Jahrhundert gibt, der als "paradigma mismo de la ilustración" (XIII) gesehen wird. Inke Gunia untersucht das Konzept "Poesie" anhand Bourdieus Konzept des "Feldes", wobei sie zu dem Ergebnis kommt, dass sich die spanische Literatur in der zweiten Jahrhunderthälfte simultan zur Bildung eines literarischen Feldes entwickelt. Aus einer kulturtheoretischen Perspektive untersucht Christian von Tschilschke am Beispiel der cartas marruecas von J. Cadalso die bedeutende Rolle, die die kulturelle und nationale Identitätsproblematik im Sonderweg der spanischen Literatur der Aufklärung spielt und die Wechselwirkung, die sich zwischen Literatur und Identitätsbildung entwickelt. In der Suche nach einer nationalen und kulturellen Identität avanciert der Schriftsteller zum Verteidiger seiner (Kultur-)Nation. Inmaculada Urzainqui Miqueleiz gibt, leider nicht ohne Druckfehler, einen Überblick über die Bildung einer Literaturgeschichtsschreibung im 18. Jahrhundert und arbeitet die Anfänge und die dabei auftretende Problematik einer konsequenten Systematisierung heraus.

Drei Schlagworten der Aufklärung ist je ein Beitrag des zweiten Themenkreises zugeordnet. So stellt Benjamin Kloss das Konzept der "Geschichte" im 18. Jahrhundert als ein zyklisches dar, das im katholischen Spanien stärker als in anderen europäischen Ländern mit dem terminologischen Geschichtskonzept der "Kirche" kollidieren musste. Der Beitrag von Helmut C. Jacobs präsentiert eine sehr ausführliche und originelle Analyse des "Capricho 43" von Goya, in der er die Kunstfertigkeit der Komposition nachvollzieht und den "sueño de la razón" in einen Gesamtzusammenhang mit der Figur des Aufklärers selbst stellt. Susanne Schlünder schließlich arbeitet in Nicolás Fernández de Moratíns "El arte de las putas" die Subversivität des Körperkonzepts der Aufklärer heraus und ordnet dieses, von Foucault inspiriert, in ein Spannungsfeld zwischen traditionellen Bildern des Grotesken und einer modernen Diskursivierung der Sexualität ein.

Das besondere Augenmerk der linguistischen Perspektive auf die Aufklärung gilt der Sprachreflexion im 18. Jahrhundert. Gerda Haßler stellt hierbei die Bedeutung der Serialtexte für die Sprachreflexionen und -debatten der Aufklärer dar; die Textgrundlage für Claudia Polzin-Haumann bilden Gebrauchstexte wie Zeitungen und Zeitschriften, anhand deren Lektüre sie das Interesse der Aufklärung an Sprache und ihren Bedingungen herausarbeitet.

Eine literarhistorische Perspektive nehmen drei Beiträge zu den literarischen Genres "cuento", "autobiografía" und "prólogo" ein. Marieta Cantos Casenave zeichnet die Entwicklung des "cuento" im 18. Jahrhundert in Spanien nach, wobei sie die Rezeption in Zeitschriften in den Mittelpunkt stellt. Fernando Durán López stellt die Entwicklung der Autobiographie, die Vorurteile ihr gegenüber und ihre Realität in den Mittelpunkt seines Beitrags, während Ludger Scherer aus rezeptionsästhetischer Perspektive auf den Dialog der Prologe (177) eingeht und den Einfluss des Don Quijote auf José Francisco de Islas Historia del famoso predicator Fray Gerundio de Campazas darstellt. Dabei macht er die Komplexität und die im 18. Jahrhundert veränderten Produktionsbedingungen des weniger beachteten Werks deutlich.

Die spezifische Situation der Presse und ihr Zusammenhang mit Literatur und Gesellschaft sind das Thema des anschließenden Teilbereiches. So untersucht Klaus-Dieter Ertler Fiktionalisierungsstrategien und narrative Strukturen in El Pensador, indem er sich auf Luhmanns Konzept "sozialer Systeme" bezieht. Francisco Uzcanga Meinecke beschreibt Theorie und Praxis der aufklärerischen Satire in El Censor, die mit der Absicht eingesetzt wird, den Leser aus seiner Lethargie zu erwecken (201) und sich dem Geschehen in Europa zuzuwenden. Dabei zeichnet er auch Veränderungen in den Texten nach, die bereits den Übergang vom aufklärerischen Optimismus zur romantischen Resignation andeuten. Alberto Romero Ferrer beschreibt die Politisierung der Presse und ihre Rolle als Medium der Politiksatire und der Sozialkritik, während Siegfried Jüttner im Rahmen der Betrachtung eines Kulturtransfers in Europa nach der Rolle Deutschlands in der spanischen Presse fragt.

Im Themenrahmen einer Expansion des aufgeklärten Spanien analysiert Jan-Henrik Witthaus die Instrumentalisierung der Figur Hernán Cortés', indem er sich auf die Untersuchungsparadigmen des kulturellen Gedächtnisses und der lieux de mémoire bezieht. Hans-Joachim Lope widmet sich dem noch unbekannten Werk M.Rodrigues', das die Ankunft der Spanier in Tahiti behandelt, und arbeitet die Darstellung des alltäglichen kulturellen Lebens heraus.

Der abschließende thematische Block wendet sich der Aufklärung in Lateinamerika zu; Dieter Janik stellt die Relevanz des Begriffs "Aufklärung" für die Literaturgeschichtsschreibung Lateinamerikas heraus, in der sich stattdessen die Begriffe "neoclasicismo" und "romanticismo" (271) hartnäckig halten. Ute Fendler beschreibt die Hybridtexte der Aufklärer in Lateinamerika - so das Reisetagebuch - im Gegensatz zu Karen Stolley nicht als "abismo", sondern als Brücke zwischen Barock und Romantik (277). Andreas Gelz untersucht in seinem den Band beschließenden Beitrag aus einer intermedialen Perspektive den fiktiv autobiographischen Roman El Periquillo Sarniento und arbeitet durch die Betrachtung der Text-Bild-Beziehungen Legitimationsstrategien der literarischen Produktion des Autors heraus.

Bereits der Titel des Bandes verweist auf das breitgefächerte Feld der Ansatzpunkte und Perspektiven, eine Tatsache, die zugleich Stärke und Schwäche der Publikation darstellt. Das ehrgeizige Projekt, ein "puente en múltiples sentidos" (IX) zu sein, schlägt sich notgedrungen in einer gewissen Unübersichtlichkeit nieder. Die interessanten Einzelanalysen machen dies aber mehr als wett.

Maria Imhof