Rezension über:

Markus Krajewski: Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900, Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2006, 366 S., ISBN 978-3-596-16779-1, EUR 17,95
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Rezension von:
Lars Bluma
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Lars Bluma: Rezension von: Markus Krajewski: Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900, Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2006, in: sehepunkte 7 (2007), Nr. 2 [15.02.2007], URL: http://www.sehepunkte.de
/2007/02/10654.html


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Markus Krajewski: Restlosigkeit

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Die Zeit der europäischen und amerikanischen Hochindustrialisierung ist geprägt von ambitionierten und aus heutiger Sicht auch überambitionierten technischen Großprojekten. Es war vor allem der Ausbau der informations- und verkehrstechnischen Netzwerke, die die technische und ökonomische Entwicklung in eine globale Dimension hob und Anlass dazu gab, den bürgerlichen Glauben an einen unaufhaltsamen technischen und kulturellen Fortschritt von nationalen Fesseln befreit zu sehen und gleichsam auf die ganze Welt auszudehnen. Es sind die sich verdichtenden Linien der Dampfschifffahrt, der Eisenbahnen, der Telegrafie und der Telefonie, die das Präfix "Welt" zu einem bestimmenden Signifikanten der globalen "Projektemacherei" machten. Allenthalben sahen die Zeitgenossen die Einführung eines Weltgeldes, einer Weltzeit, von Weltnormen und einer Weltsprache kurz vor der Verwirklichung. Wilhelm Ostwalds Planung eines Weltstandards, Franz M. Feldhaus Weltgeschichte der Technik und Walter Rathenaus Kriegswirtschaft sind die exemplarischen Fallstudien, die Markus Krajewski ausbreitet, um der Frage nachzugehen, wie es zu dieser Konjunktur der Weltprojekte zwischen der deutschen Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg kommen konnte. Anhand dieser drei Beispiele sucht Krajewski nach einer gemeinsamen Logik und den Bedingungen und Kontexten dieses Pläneschmiedens mit maximaler Reichweite, das nichts anderes als den Fortschritt und das Wohl der gesamten Menschheit im Blickfeld hatte.

Für Krajewski sind die von ihm beschriebenen Weltprojekte an den epistemischen Rändern der damaligen Zeit anzusiedeln. Der Typus des Projektemachers, der seit der Frühen Neuzeit bekannt ist, zeichnet sich durch eine eigenartige Vermischung von berechnendem Sachverstand, hoher technischer Kompetenz sowie von schwärmerischem Fortschrittsoptimismus und übersteigerter Planungseuphorie aus. Sein Instrument, mit dem er die Welt verändern möchte, ist der schriftlich fixierte Plan, der die Unterstützung zur Finanzierung und zur Durchführung seines Projektes sichern soll. Die Projektemacher sind in erster Linie also Produzenten von Literatur, und genau das, so Krajewski, unterscheidet die von ihm vorgestellten Projektemacher von den Ingenieuren und "Machern", die die Welt tatsächlich mit dem Ausbau der technischen Infrastrukturen umgestalteten. Die Weltprojekte sind vielmehr Gegenentwürfe, die dem damaligen Stand der Technik und der Machbarkeit verpflichtet, mithin also nicht wie die systemischen Weltentwürfe der Philosophie des 19. Jahrhunderts alleine im Reiche des menschlichen Geistes angesiedelt sind. Die Weltpläne zielen auf die globale Veränderung der technischen und medialen Verfahren, also der kulturellen Praktiken der Kommunikation und des Handels. Es sind jedoch weniger die Weltausstellungen, die dem Autor als Signum der damaligen Zeit dienen, sondern das Kursbuch, das die verkehrstechnische Vernetzung der Welt abbildet. In Bradshaws "Continental Railway Guide" verdichtet sich als Kompendium von Fahrplänen, das seit 1847 erscheint und regelmäßig erweitert wurde, die Vernetzung des Weltverkehrs als ein einheitlicher globaler Verkehrsraum. Die Kursbücher dokumentieren den Übergang von lokalen Verkehrsräumen zu einem globalen Verkehrsverbund, mithin ist dem Kursbuch die Absicht eingeschrieben, die Welt als totalen Raum der Anschlussfähigkeit und der restlosen Erreichbarkeit darzustellen. Und genau hieraus, so Krajewski, lässt sich die Motivation der Weltprojektemacher erschließen, die im Titel der hier vorzustellenden Untersuchung im Begriff der Restlosigkeit verdichtet ist. Es sind die totale Berechenbarkeit und damit auch Beherrschbarkeit der Welt, die keine Leerstelle und keinen Rest erlauben, die die technokratischen Obsessionen der Weltplaner hervorbrachten.

Der Chemiker Wilhelm Ostwald versuchte das gesamte Wissen seiner Zeit in einem Ordnungssystem, basierend auf Karteikarten, darzustellen und erwies sich als glühender Verfechter von Weltgeld, Welthilfssprache und Weltformat, mithin Praktiken, die auf eine Weltnormierung der Gedanken und des Wissens abzielten. Der technische Autodidakt Franz Maria Feldhaus wiederum versuchte akribisch, eine technikhistorische Quellensammlung aufzubauen. In ihr manifestiert sich der Anspruch von Feldhaus nach vollkommener und grenzenloser Exaktheit und Vollständigkeit der Technikgeschichtsschreibung, die sich an den Standards der modernen experimentellen Naturwissenschaften orientierte. Seine Datenbank, die aus 160.000 Karteikarten bestand, sollte die Grundlage einer vollständigen Weltgeschichte der Technik bilden, die in ihrer Totalität und in der Annahme aus einer Sammlung von Details die Gesamtheit zu erfassen, dem Kursbuch gleicht. Feldhaus wurde so zum Buchhalter und Sammler der Technikgeschichte, der generös auf die Analyse seines ausufernden Datenkonvoluts verzichtet hat. Walter Rathenau wiederum sollte während des Ersten Weltkriegs als Leiter der Kriegsrohstoffabteilung im Preußischen Kriegsministerium ein zentral gesteuertes System der Rohstoffversorgung etablieren, das zum Ziel hatte, auch noch die geringsten Stoffströme zu erfassen, zu optimieren und für den Krieg nutzbar zu machen. Anders als bei Feldhaus und Ostwald stellt sich für Rathenau die Aufgabe, die globalen industriellen Produktionsbedingungen in den lokalen Kontext der deutschen Kriegsproduktion mithilfe von Standardisierung, Ersatzstoffen und alternativen Produktionsformen zu überführen. "Organisation" wurde zum Schlüsselbegriff seiner ökonomischen Bemühungen. Unter den Bedingungen einer kriegsgestörten Weltwirtschaft etablierte Rathenau sein Projekt in der Logik eines inversen Weltprojektes, das jedoch nach dem Scheitern der militärischen Expansionsbestrebungen wiederauferstehen sollte als Vorbild für eine effiziente Weltwirtschaft. Rathenau ging nun wieder den Weg vom Lokalen zum Globalen, von der nationalen Kriegswirtschaft zu einer Weltgemeinwirtschaft.

Krajewski kann anhand dieser drei Beispiele auf überzeugende Art und Weise die unterschiedlichen Weltprojekte auf das Prinzip der Restlosigkeit zurückführen. Es ist der totale Vollständigkeitsanspruch, der sich als Wunsch nach einem reibungslosen bürokratischen Organisationsapparat, einer pedantischen Verwaltung von Detailinformationen und nach einer umfassenden Standardisierung von Verkehrs- und Kommunikationsmitteln manifestierte, der die Weltprojektemacher am Anfang des 20. Jahrhunderts dazu antrieb, ihre megalomanischen Pläne zu verfolgen. Krajewskis interessante These, dass diese übersteigerte Vorstellung von Restlosigkeit letztendlich auf die zunehmende Verdichtung des Weltverkehrs zurückzuführen ist, die, postalisch gesprochen, in letzter Konsequenz alles und jeden adressierbar macht, ist diskussionswürdig. [1] Das hier postulierte medientechnische / postalische Apriori der Geschichte verdeckt jedoch noch andere "Gespenster" der Weltprojektemacherei. Zumindest finden die imperialen und machtpolitischen Aspekte der restlosen Erschließung der Welt, die Umbrüche im Selbstverständnis des Bürgertums aber auch die sich wandelnden Konzepte von bürgerlicher Männlichkeit, die auf einer Ökonomie der Kräfte basierten, nur am Rande - wenn überhaupt - Eingang in die Argumentation. Interpretiert man die Besessenheit nach Restlosigkeit zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur als ein Versuch zur Bewältigung einer Krise des Wissens, die sich in divergierenden Wissensordnungen und -konzepten manifestierte, sondern auch als eine Antwort auf die Krisen der Ökonomie, der Politik und der bürgerlichen Identität, würden sich weiterführende Perspektiven ergeben, die auch den hier analysierten engen Zeitrahmen für weitere Untersuchungen öffneten. Mit Krajewskis Studie ist jedoch ein wichtiger Anfang gemacht, um das immer wiederkehrende Phänomen von Projekten globaler Reichweite methodisch anspruchsvoll zu analysieren. Dies ist der Hauptverdienst der hier zu rezensierenden Arbeit.


Anmerkung:

[1] S. Bernhard Siegert: Relais. Geschicke der Literatur als Epoche der Post 1751-1913, Berlin 1993.

Lars Bluma