Rezension über:

Hans Michaelsen / Ralf Buchholz: Vom Färben des Holzes. Holzbeizen von der Antike bis in die Gegenwart. Literatur, Geschichte, Technologie, Rekonstruktion, 2000 Rezepturen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2005, 792 S., 387 Farb-, 231 s/w-Abb., ISBN 978-3-86568-033-4, EUR 89,00
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Rezension von:
Bettina Kamm
München
Redaktionelle Betreuung:
Albrecht Pohlmann
Empfohlene Zitierweise:
Bettina Kamm: Rezension von: Hans Michaelsen / Ralf Buchholz: Vom Färben des Holzes. Holzbeizen von der Antike bis in die Gegenwart. Literatur, Geschichte, Technologie, Rekonstruktion, 2000 Rezepturen, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/9614.html


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Hans Michaelsen / Ralf Buchholz: Vom Färben des Holzes

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Das gewichtige, 792 Seiten starke Werk "Vom Färben des Holzes", in langjähriger Arbeit von den im deutschsprachigen Raum kompetentesten Autoren Hans Michaelsen und Ralf Buchholz verfasst, schildert nicht nur das reine Tun - also die komplexen Vorgänge des Holzfärbens - wie der Titel den Leser zunächst glauben macht: Nein, hier wird sachkundig, knapp und präzise ein geschichtlicher Überblick über Verwendung und Vorkommen gefärbter Hölzer in der europäischen Möbelkunst von der Antike bis in die heutige Zeit dargeboten. Auf etwa 200 Seiten wird eine umfassende Geschichte des Holzbeizens mit all seinen Fassetten ausgebreitet. Das Vorkommen gefärbter Hölzer wird an ägyptischen Särgen, an Kästchen aus dem Mittelalter, an Möbeln, Chorgestühlen und vielen weiteren hölzernen Gebrauchs-Gegenständen vom Beginn der Neuzeit bis heute erläutert. Dabei kommen nicht nur Färbe-Methoden zur Sprache, sondern auch Imitat-Technologien wie die Ebonisierung und die Späne-Marmorierung im 15./16. Jahrhundert oder die Farbenpracht durch Materialvielfalt im 17. Jahrhundert. Frühere Forschungen Hans Michaelsens zu quasi natürlichen Grün-Färbungen von Hölzern durch Pilzbefall runden das Thema ab. Als Höhepunkt der Färbe- und gleichzeitig Marketerie-Kunst der europäischen Ebenisten im 18. Jahrhundert dürfte die so genannte Malerei in Holz gelten - bis heute mit berühmten Namen wie Roentgen verknüpft, wenn auch in ihrem heutigen, gealterten Erscheinungsbild sehr verändert. Das ursprüngliche, meist sehr kräftige Kolorit war nicht lichtecht - möglicherweise ein überraschender Aspekt für viele Nicht-Restauratoren unter den Liebhabern europäischer Möbelkunst! Diesen wegweisenden Studien Hans Michaelsens zu Roentgen- Marketerien des 18. Jahrhunderts folgen Forschungen zu Farbigkeit und Imitations-Verfahren von Mahagoni, einer der beliebtesten Holzarten des Empire im frühen 19. Jahrhundert. Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhundert pendeln Färbe-Technologien und damit einhergehend die Möbelgestaltung zwischen den beiden Polen Tradition und Innovation, welche sich besonders deutlich im 20. Jahrhundert bemerkbar macht - kleinteilige und kontrastierende Färbungen an Möbeln werden selten; Marketerien und Materialvielfalt werden zu Raritäten in der Möbelgestaltung. Einen Ausblick auf heutige Färbe-Methoden liefert Ralf Buchholz mit seinem Beitrag zu neuen Produkten und Technologien von Färbemitteln ab Beginn des 20. Jahrhunderts von zum Teil noch existierenden, industriellen Herstellern und ihrer Informations- und Werbematerialien.

Die historischen Beispiele werden darüber hinaus in Beziehung gesetzt zu einer kommentierten Zusammenschau aller bisher bekannten europäischen Quellenschriften zum Thema Holzfärbung von der Antike bis heute. Besonders in der kritischen Würdigung und Überprüfung der Quellen, deren Autoren und ihrer damaligen Adressaten liegt eine herausragende Qualität dieses Bandes. Zudem gibt eine Konkordanz der Quellen-Literatur hier erstmalig Aufschluss über die technische Entwicklung der Holzfärberei im Lauf der Jahrhunderte, wobei endlich klar wird, welche Methoden und Rezepturen - ob von ihren Autoren verfälschend oder sachlich richtig dargestellt - lediglich nur abgeschrieben wurden, und welche Technologien in der Tat neuartig waren. Wohl dosiert erscheint an dieser Stelle die einfühlsame Kommentierung der Autoren in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der technischen Angaben, denn gerade seit dem 18. Jahrhundert vermischen sich in den Quellen zunehmend echte Rezepturen mit bewusster Verunklärung auf Grund stark zunehmender und sich professionalisierender Werbung für die Färbemittel und -verfahren oder für bereits von Fabrikanten vorgefärbte Hölzer als Handelsware.

Jedoch werden die Quellen nicht nur historisch-kritisch untersucht - der besondere Wert dieses Kompendiums liegt in der Überprüfung der Quellen-Literatur mittels gängiger, chemisch-physikalischer Analytik an Proben von historischen Möbeln und der praktischen Rekonstruktion der Rezepturen an Holz- und Marketerie-Mustern unterschiedlichster Art. Daneben werden historische und heutige Färbemittel systematisch und mit Angaben zu historischen Fundorten dargestellt. Diese mühsame Grundlagen-Arbeit wurde von den Autoren und zahlreichen Restaurierungs-Studenten verschiedener Hochschulen in jahrelanger Forschungsarbeit geleistet. Erst dies ermöglicht dem Leser das nachvollziehende Verständnis eines seit der Antike bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein bestehenden, grundlegenden Problems jeglicher Färbetechnik: Die mühevoll hergestellten Färbungen waren bis zum Einsatz von Färbemitteln der chemischen Industrie (etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts) nicht lichtecht - viele bunte Farbtöne auf Holz verblassten innerhalb kürzester Zeit oder veränderten ihren Farbton bis zur Unkenntlichkeit, indem sie verbräunten. Diverse Gegenüberstellungen rekonstruierter, gefärbter Holzmuster mit berühmten originalen Beispielen der Marketerie- und Möbelkunst, etwa aus der Roentgen-Werkstatt, die mittlerweile leider fast alle ein verbräuntes Erscheinungsbild aufweisen, wurden zwar schon mehrfach verstreut in restauratorischen Fachzeitschriften publiziert, der Leser findet sie hier jedoch erstmalig sinnvoll zusammengefasst und mit Farbaufnahmen veranschaulicht.

Das mit 250 Seiten umfangreichste, kunsttechnologische Kapitel des Buches widmet sich etwa 2000 historischen Rezepturen zu Färbemethoden, hauptsächlich von Hölzern, am Ende jedoch auch von verwandten Materialien wie Knochen, Elfenbein, Horn und Stroh. Gut erschließbar wird diese große Ansammlung durch eine sinnvolle Strukturierung der Rezepturen nach Farben sowie über eine Konkordanz nach Epochen, in denen bzw. seit denen ein Farbstoff oder eine Färbe-Technologie eingesetzt wurde. Dies wird künftig Restauratoren helfen, die Ergebnisse chemisch-physikalischer Analysen ihrer Proben mit der Literatur schnell und aussagekräftig abzugleichen. Nebenbei können Fragen nach dem Alter und der Echtheit von Möbeln und gefärbten Holzobjekten mit Hilfe dieses Kapitels besser beantwortet werden als vorher - ein Aspekt der nicht nur Restauratoren, sondern auch Kunsthistoriker, Architekten, Kunsthändler und alle übrigen Kunst-Liebhaber interessieren dürfte.

Neben einem guten Glossar und einem Überblick zu historischen Mengen-Angaben besticht der Band durch eine sorgfältige Ausstattung mit einer weitgehend farbigen Bebilderung, die dem Leser die Augen öffnet, gerade beim Vergleich zwischen gealterter Farbigkeit von Marketerien und ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild, das sich selten im lichtgeschützten Inneren von Möbeln erhalten hat, weshalb solche Raritäten nur sehr selten und kurz öffentlich gezeigt werden können. Dies macht das Buch so wertvoll und anschaulich, gerade auch für Nicht-Restauratoren, gibt es doch allen Kennern und Liebhabern der europäischen Möbelkunst ein Standardwerk an die Hand, das die Beurteilung von Alterungs-Zuständen und der ästhetische Qualität von ausgeführten Restaurierungen erleichtert. Als verdienstvoll sei hier die kritische Auseinandersetzung mit Rekonstruktionen an Beispielen des 18. Jahrhunderts hervorgehoben, die im Kapitel VII behandelt werden. Hans Michaelsen und Ralf Buchholz haben mit ihrem Kompendium \"Vom Färben des Holzes\" erstmalig ein brillantes, klar strukturiertes und gut lesbares Standardwerk vorgelegt, das den aktuellen, technologischen Stand der Forschung zur Farbigkeit an historischen Möbeln bis zum Beginn der Kunststoff-Ära im 20. Jahrhundert wiederspiegelt und in keiner Fachbibliothek fehlen sollte.

Bettina Kamm