Rezension über:

Till Kössler: Abschied von der Revolution. Kommunisten und Gesellschaft in Westdeutschland 1945-1968 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien; Bd. 143), Düsseldorf: Droste 2005, 499 S., ISBN 978-3-7700-5263-9, EUR 64,80
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Klaus Weinhauer
Bielefeld / Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Klaus Weinhauer: Rezension von: Till Kössler: Abschied von der Revolution. Kommunisten und Gesellschaft in Westdeutschland 1945-1968, Düsseldorf: Droste 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/7846.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Till Kössler: Abschied von der Revolution

Textgröße: A A A

Die historische Kommunismusforschung hat in den letzten Jahren eine pragmatisch-sozialgeschichtliche Öffnung vollzogen, ohne jedoch diese Perspektive für Studien zur Geschichte der westdeutschen KPD nach 1945 fruchtbar zu machen. Till Kösslers Bochumer Dissertation, die ein Standardwerk werden wird, hat dieses Desiderat nun beseitigt. Die auf breiter Literatur- und Quellenbasis fußende Studie reiht sich in die Vielzahl jüngst erschienener Publikationen ein, in denen die Demokratisierung und innere Stabilisierung der Bundesrepublik analysiert wird. Mit dem Ruhrgebiet als regionalem Fokus versteht sich das Buch als ein Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte Westdeutschlands unter den Vorzeichen des Kalten Krieges. Kössler analysiert die kommunistische "Gesinnungsgemeinschaft" (435) zwischen Parteitraditionen, SED-Politik und betrieblichem Radikalismus. Er sieht die langfristig wohl wichtigste Bedeutung der kommunistischen Bewegung darin, dass sie den bundesdeutschen Staat dauernd auf "Integrationsdefizite der neuen Ordnung hinwies und die Bereitstellung von Energien zur Behebung dieser Defizite bewirkte" und so das neue Gemeinwesen stabilisierte (449).

Kösslers Arbeit widmet sich vier Untersuchungsfeldern. Erstens geht sie dem inneren Wandel der kommunistischen Bewegung nach, mit Ausführungen über die soziale Basis, politisches Selbstverständnis, Gesellschaftswahrnehmung sowie Organisations- und Aktionsformen zwischen Ansprüchen der Parteiführung und Praxis der Mitglieder. Zweitens werden die Politik der britischen sowie deutschen Exekutive sowie deren Wandlungen und Wirkungen in den Blick genommen und drittens die Wechselbeziehung zwischen kommunistischer Bewegung und lokalen Gesellschaften analysiert. Gab es hier eine kommunistische Gegengesellschaft und welches Verhältnis hatten Kommunisten zu den außerparlamentarischen Protestbewegungen der 1950er-Jahre? Viertens wird der Verankerung und Tätigkeit der kommunistischen Bewegung in Betrieben und Gewerkschaften bzw. der Bedeutung für die industriellen Beziehungen nachgegangen. Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit chronologisch in drei Teile untergliedert, in denen die Nachkriegszeit (1945-1950), die Krise der KPD in den Jahren 1950 bis 1952 sowie ihr "Abschied von der Revolution" (1953-1968) untersucht werden.

Die KPD war ein komplexer "äußerst fragiler Zusammenschluß" (436): Sie war eine Traditionspartei mit deutlichem Bezug auf ihre sozialrevolutionäre Politik in der Weimarer Zeit; sie war Kaderpartei, eingebunden in SED-Netzwerke, sowie Bewegungspartei, zumeist getragen von Industriearbeitern. Die Veränderungen der Partei wurden dadurch bestimmt, dass sich diese Elemente bis Ende der 1960er-Jahre entkoppelten. Im Einzelnen konstatiert Kössler drei Entwicklungen: Es kam zu einer Desintegration und Entradikalisierung durch Repression und durch partielle Integration sowohl durch kommunalpolitische als auch betriebliche Arbeit. Es kristallisierte sich eine kleine Gruppe professioneller Manager der SED-Werbekampagnen heraus und die lokalen Parteigruppierungen wurden mehr und mehr zu entradikalisierten "Erinnerungsgemeinschaften" (35). Wie Kössler besonders betont, dominierte in den untersuchten Kommunen keine klare Ausgrenzung und Ablehnung der Kommunisten. In den frühen 1950er-Jahren kam es zwar zu offenen Konfrontationen zwischen Kommunisten und ihrer gesellschaftlichen Umwelt, wobei speziell die Jahre 1951/52 eine Zäsur für die gesellschaftliche Positionierung der Kommunisten markieren, die auch aus den lokalen Gesellschaften herauswuchs und nicht nur von oben angeregt wurde; Kommunisten wurden nun endgültig zu Staatsfeinden erklärt und verstärkt kriminalisiert. Vor Ort wurden die Auswirkungen antikommunistischer Politik jedoch abgemildert und große Teile der kommunistischen Anhängerschaft gesellschaftlich eingebunden. Vor allem die Kommunisten, die ihre politischen Überzeugungen zurückstellten, wurden - besonders in den Betrieben - integriert, ihre Aktivitäten in systemkonforme Richtungen gelenkt.

Sehr stark war der polarisierende Einfluss der SED, wie sich nicht zuletzt im Konflikt zwischen ostdeutscher Parteipolitik und den spezifischen Interessen der westdeutschen Kommunisten in den Kommunen und Betrieben zeigte. Diese Spannungslinie überlagerte schnell alle anderen Problemlagen. Innere Spannungen wuchsen, wodurch auch die "Einheit in Symbolik und Sprache" (439) erodierte, während sich - vor allem gefördert durch die "Selbstisolierung eines Großteils der Altkommunisten" (440) - nach außen kommunistische Bewegung und Nicht-Kommunisten zusehends abgrenzten. Nach und nach bewirkten interne Auseinandersetzungen und antikommunistisch ausgerichtete Politik eine massive Desintegration der kommunistischen Bewegung. Die damit zusammenhängenden individuellen Verhaltensmuster der KPD-Mitglieder umreißt Kössler wie folgt: Annäherung an die Vorgaben der SED, Bildung von abgeschotteten Erinnerungsgemeinschaften und Parteiaustritt. Nachdem die Offensive der frühen 1950er-Jahre, die auf einen Regimewechsel zielte, gescheitert war, wurde die "kommunistische Überzeugung [...] immer mehr zu einer Privatsache" (445).

In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre kooperierten Kommunisten und überparteiliche Protestbewegungen. Diese Bewegungen wurden dabei jedoch kaum kommunistisch infiltriert; vielmehr wurden Kommunisten langsam von diesen sozialen Bewegungen demokratisch integriert (447). In den 1960er-Jahren wurde öffentliches Auftreten der inzwischen entradikalisierten kommunistischen Aktivisten eher toleriert und in der akademischen Jugend breitete sich ein offenerer Umgang mit Kommunisten aus. Im "doppelten Zangengriff von Repression und Integration" (447) schrumpfte jedoch die Anhängerschaft des nach wie vor vorhandenen kommunistischen Kernmilieus immer mehr. Die kommunistische Bewegung hatte bis Ende der 1960er-Jahre ihren "Abschied von der Revolution" genommen, während sie in den Betrieben schon Ende der 1950er-Jahre "gleichsam unsichtbar" (433) geworden war.

Nach der Lektüre der souverän und überaus überzeugend argumentierenden Arbeit bleibt ein Fragenbündel, das sich auf den Begriff oder das Konzept Integration bezieht, dessen genaue Definition trotz der eminenten Bedeutung für Till Kösslers Arbeit unklar bleibt. Welche Erklärungskraft hat "Integration" für gesellschaftsgeschichtliche Analysen, vor allem wenn es um dynamische Prozesse und soziale Konflikte geht? Wird hier nicht ein eher statisches, allzu harmonisierendes Gesellschaftsmodell impliziert? Ist eine integrierte Gesellschaft mit kaum erkennbaren formalpolitischen Konturen und Gegensätzen auch eine ideologisch nivellierte Gesellschaft? Es sind nicht zuletzt solche Fragen, an die weitere Studien über die Geschichte der Kommunisten in der Bundesrepublik anknüpfen könnten.

Klaus Weinhauer