Rezension über:

Alain Blondy: Des nouvelles de Malte. Correspondance de M. l'Abbé Boyer (1738-1777), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2004, XXXVI + 280 S., ISBN 978-90-5201-229-2, EUR 29,40
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Rezension von:
Markus Völkel
Historisches Institut, Universität Rostock
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Markus Völkel: Rezension von: Alain Blondy: Des nouvelles de Malte. Correspondance de M. l'Abbé Boyer (1738-1777), Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/6980.html


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Alain Blondy: Des nouvelles de Malte

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Alain Blondy, Professor an der Sorbonne (Paris IV), Autor zahlreicher Studien zum Mittelmeerraum und besonders zu den Barbareskenstaaten, legt hier einen knappen Quellenband vor. Sein Schwerpunkt liegt auf den Beziehungen zwischen dem späten Johanniterorden und dem französischen Hof, von dem aus im späten 18. Jahrhundert die eigentliche Leitung der Ordensgeschäfte erfolgte. Sein Werk besteht aus einer Einleitung von 27 Seiten, der Edition des Bandes MSS. Libr. 137 der Nationalbibliothek in La Valetta auf 233 Seiten und einem Index von 23 Seiten. Über die Editionsprinzipien der Handschrift wird leider nichts mitgeteilt.

Verfasser der 'Nouvelles de Malte' ist ein Mitglied der französischen 'Zunge' des Johanniterordens, der Ordenskaplan Claude-François Boyer (1733-1790). Seine Biographie bildet den Schlüssel zu dieser Edition, die zwar den Johanniterorden als im Kontext des Ancien régime verwurzeltes Phänomen darstellt, dies aber notgedrungen aus der Perspektive eines individuellen Berichterstatters tut.

Boyers Eintritt in den Orden als 'chapelain conventuel' 1751 folgte einer Familientradition: Bereits sein Vater hatte sich als 'agent général' der Johanniter in der Franche-Comté hohes Ansehen erworben, und wusste seinen großen Einfluss zeitlebens für den Sohn einzusetzen. Schon sein erster Aufenthalt in Malta, noch zur Zeit des Großmeister Manoel Pinto de Fonseca (1741-1773) in den 1750er Jahren, endete mit einem Skandal. Wegen offensichtlicher Veruntreuung erklecklicher Summen als Prokurator wurde Boyer der Insel verwiesen, um daraufhin in Paris mit der Verwaltung einer Ordenskirche mit dem Einkommen von 3000 Livres 'belohnt' zu werden. Dieses Muster, finanzielle Verfehlungen, Untersuchung, Prozess, Kampf um die Begnadigung und anschließende Wiedereinsetzung in Ämter und Würden bildet ein Grundmuster im Leben des Abbé und sollte sich noch mehrfach wiederholen. Angesichts des von der Ordensregel vorgeschriebenen Lebensstils und der von der Tradition vorgegebenen Ordensziele stellte eine Persönlichkeit wie Boyer eine Belastung dar. Dass er stets mächtige Protektoren fand, zeigt, dass der Orden im 18. Jahrhundert in eine unauflösbare Paradoxie geraten war. Wollte er sich reformieren, dann rief er den Widerstand zahlloser Adelsgruppen in ganz Europa hervor, die das Ordensvermögen möglichst als Sinekure für sich ausbeuten wollten. Reformierte er sich nicht, geriet er in das Fadenkreuz aufgeklärter Kritik, die einen 'geistlichen Ritterorden' als Ausgeburt der schlimmsten Eigenschaften von Feudalität und Priesterschaft denunzierte.

Boyers 'Neuigkeiten aus Malta 1774-1777', eine Art 'journal-á-main', stammen aus seiner zweiten Maltesischen Epoche, die von 1769 bis 1784 reichte. Damals war er von einer mehrjährigen Karibikfahrt zurückgekehrt, wo er sich als Organisator einer angeblich geplanten 'amerikanischen Zunge' (!) des Johanniterordens ausgegeben hatte. Die ihm zu diesem Zweck zugeflossenen stattlichen Mittel hatte er sämtlich veruntreut. Völlig verschuldet und zeitweise ohne Protektion wurde er nach Malta ausgeliefert, wo ihn neue Freunde, aber vor allem auch der Vater vor dem Schlimmsten bewahrten. In seiner Mußezeit schrieb der Abbé kurze Nachrichten an den Gesandten des Ordens in Rom, Jacques Laure Breteuil. Gleichsam als Leistungsnachweis eröffnen gekürzte Nachrichten aus einem älteren Diarium des Gardeoffiziers Paul Antoine Viguier aus dem Jahr 1738 seine Korrespondenz. Da Blondy freilich nur wenige Stücke aus diesen tatsächlich von 1735 bis 1774 reichenden, zehnbändigen Aufzeichnungen ediert, wäre es besser gewesen, Boyers 'Nouvelles de Malte' auch im Titel der Edition auf ihre faktische Dauer von 1774 bis 1777 einzugrenzen.

Geboten werden so nach Tagen geordnete kurze Beobachtungen und Meldungen aus dem Ordensleben während der Großmeisterschaften von Francisco Ximenes de Texada (1773-1775) und Emmanuel de Rohan Polduc (1775-1797). Die zentralen Ereignisse sind dabei der sogenannte 'Priesteraufstand' von 1775 und das darauffolgende Generalkapitel des Ordens von 1776 mit dem zähen Kampf um die Reform des Ordens, um die sowohl Vertreter konservativer als auch progressiver Tendenzen miteinander rangen. Boyer erweist sich hier als vertrauter Beobachter der Malteser Bühne, auf der, so klein sie war, doch ständig ganz Europa spielen wollte. Umfassen die Aufzeichnungen des Abbé auch nur knappe vier Jahre, so waren es doch entscheidende Jahre für die Johanniter. In dieser Zeit wurden ihre Besitztümer in immer mehr Ländern, selbst im Zarenreich, zum Objekt staatlicher Begierde; die personellen Strukturen wurden unterwandert. Damals wurde auch der Status des Ordensstaates als französisches Protektorat endgültig festgeschrieben.

Alain Blondy kommentiert diese Briefzeitung mit knappen und präzisen Erläuterungen, die nicht ohne Witz und Ironie geschrieben sind. Hier kommt auch seine vorzügliche Kenntnis der Ordensgeschichte zum Vorschein, die sich freilich nicht in den entsprechenden Literatur- und Quellenhinweisen niederschlägt. Die Gelehrsamkeit versteckt sich also hinter der Eleganz der Edition. Bei den 'Nouvelles de Malta 1774-1777' handelt es sich nicht um Quellen, die die Sicht auf die Schlussepoche des souveränen Johanniterordens auf der Insel völlig verändern könnten. Hierzu müsste man vor allem die zahlreichen diplomatiegeschichtlichen Arbeiten des Herausgebers anführen sowie seine jüngst erschienene umfassende Studie zu diesem Thema. [1] Gleichwohl handelt es sich bei dieser Edition nicht um eine bloße Kuriosität. Figuren wie der Abbé Boyer decken mit ihren oft skandalösen Lebensläufen nicht mehr und nicht weniger auf als zentrale Strukturen des Ancien érgime: die Legitimität der Privilegien, das Problem der geistlichen Gerichtsbarkeit und Immunität, den Stil der Ordenspolitik als Mischung aus Protektion, Erpressung, Denunziation und Bestechung, die 'konterrevolutionären' Bestrebungen ständischer Korporationen in den Institutionen, den Doppelcharakter der geistlichen Ritterorden als internationale Organisationen und lokale Interessenverbände. Wie stets behält die Maltesische Geschichte auch hier ihre faszinierende Unentschiedenheit zwischen Provinzialität und universellem Zuschnitt. [2]


Anmerkungen:

[1] Alain Blondy: L'Ordre de Malte au XVIIIe siècle. Des dernières splendeurs á la ruine, Paris 2002.

[2] Vgl. Markus Völkel: Die Insel als Methode, in: Zeitschrift für historische Forschung 23 (1996), 89-100.

Markus Völkel