Rezension über:

Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München: C.H.Beck 2006, 240 S., 15 Abb., ISBN 978-3-406-54054-7, EUR 19,90
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Rezension von:
Eva Oberloskamp
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Eva Oberloskamp: Rezension von: Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München: C.H.Beck 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 11 [15.11.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/11/10830.html


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Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit

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Ralf Dahrendorf beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit den beiden zentralen Aspekten dieses Buches: mit Intellektuellen und mit dem Liberalismus. Dieses spezifische Interesse verwundert nicht, darf doch der Soziologieprofessor, der auf eine brillante Karriere an deutschen und englischen Universitäten sowie in der deutschen, englischen und europäischen Politik blicken kann, selbst als liberaler Intellektueller bezeichnet werden.

Die Frage, der Dahrendorf in seiner Studie nachgeht, ist aus einem originellen Blickwinkel gestellt: Es geht ihm nicht darum zu erklären, warum im 20. Jahrhundert so viele Intellektuelle den "Versuchungen" des Kommunismus oder Faschismus erlegen sind und die totalitären Bewegungen aktiv unterstützt haben. Stattdessen dreht er die Perspektive um und fragt, warum bestimmte Intellektuelle den "Versuchungen der Unfreiheit" nicht nachgegeben haben - welche Eigenschaften sie gleichsam immun gegen den Totalitarismus machten. Hierbei wird sehr schnell klar, dass laut Dahrendorf gerade die liberalen Intellektuellen in besonderem Maße dafür prädestiniert waren, den totalitären Versuchungen zu widerstehen. Das Hauptanliegen der Studie ist es demnach, dem "Geheimnis des unversuchbaren liberalen Geistes" (20) auf den Grund zu gehen.

Die Arbeit konzentriert sich vor allem auf europäische Intellektuelle, die im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren wurden - die Generation also, die "unter dem Eindruck der entstehenden Sowjetmacht aufgewachsen und vom heraufkommenden Faschismus, dann dem Nationalsozialismus auf die Probe gestellt worden" ist (9). Das Interesse gilt hierbei in besonderem Maße Raymond Aron, Isaiah Berlin und Karl Popper - drei Menschen, die Dahrendorf auch persönlich nahe standen: "Ich kannte Popper, Aron und Berlin gut und empfinde für jeden der drei ein Gefühl wie es väterlichen Freunden zukommt." (40) Neben diesen Hauptpersonen des Buches wird noch eine Reihe weiterer Intellektueller in die Betrachtung einbezogen.

Nach einer ausführlichen Exposition ("Die Frage wird gestellt") geht Dahrendorf im zweiten Teil seines Buches den Ursachen für die Unversuchbarkeit des liberalen Geistes nach ("Die Antwort ist eine Tugendlehre der Freiheit"): Am Beispiel von Aron, Berlin und Popper führt er aus, dass liberale Intellektuelle mit klassischen Kardinaltugenden ausgestattet seien, die sie befähigten, den Versuchungen der Unfreiheit zu widerstehen. Diese Tugenden sind freilich nicht einfach nur naturgegeben, sondern müssen durch "individuelle Mühe" (57) erarbeitet werden und treten erst in der konkreten Situation totalitärer Versuchung zu Tage. Die Haltung des liberalen Geistes zeichnet sich nach Dahrendorf vor allem durch den "Mut des Einzelkampfes um Wahrheit" (57), die "Gerechtigkeit des Lebens mit Widersprüchen" (62), die "Besonnenheit des engagierten Beobachtens" (67) sowie die "Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft" (72) aus. Ein "früher Repräsentant des modernen liberalen Geistes" (86), vielleicht sogar sein Idealtypus, sei Erasmus von Rotterdam gewesen. Deshalb nennt Dahrendorf die liberalen Intellektuellen auch "Erasmier" oder (mit einer Mischung aus Ironie und Ernst) Mitglieder der "societas Erasmiana". Am Beispiel von Hannah Arendt und Norberto Bobbio erläutert der Autor allerdings, dass nicht alle liberalen Intellektuellen vollkommen diesem Ideal entsprächen - dass es auch Erasmier "mit kleinen, und vielleicht nicht ganz so kleinen Fehlern" (90) gebe.

Im dritten Teil der Arbeit ("Auf dem Prüfstand des 20. Jahrhunderts") werden nun weitere Intellektuelle, "die vom Baum liberaler Erkenntnis zumindest gekostet haben" (101), vorgestellt und an den erasmischen Tugenden gemessen. Der deutsche Politologe und Publizist Theodor Eschenburg, dem es am "Mut des Einzelkampfes um Wahrheit" und vor allem am "liberalen Verständnis des Lebens mit Widersprüchen" mangelte, gerät so zum Erasmier "mit Einschränkungen" (109). Sehr nah am erasmischen Ideal sind laut Dahrendorf etwa Jan Patočka oder Theodor Adorno. Im vierten Teil ("Jenseits der Versuchbarkeit") geht es um jene liberalen Intellektuellen, die in Ländern lebten, die "von dem totalitären Beben, welches das 20. Jahrhundert erschütterte" (149), nicht direkt betroffen und so auch den totalitären Versuchungen nur mittelbar ausgesetzt waren, so etwa die Schweizerin Jeanne Hersch. Im Mittelpunkt dieses Abschnitts steht allerdings England - "in gewisser Weise selbst ein Erasmus-Land" (158). Die Insel bot zwar exilierten liberalen Intellektuellen Zuflucht, brachte aber gerade auf Grund ihrer erasmischen Eigenschaften, die keine totalitären Versuchungen entstehen ließen, keine eigenen Erasmier hervor - allenfalls "potentielle Erasmier" (166) wie etwa George Orwell. Anders nuanciert, aber dennoch ähnlich, sieht Dahrendorf die USA - weshalb George Kennan und John Kenneth Galbraith ebenfalls nur potenzielle Erasmier bleiben. Im letzten Kapitel der Studie ("Umbrüche und normale Zeiten") untersucht Dahrendorf Momente der Nachkriegsgeschichte, die seiner Meinung nach für Intellektuelle eine Herausforderung darstellten und erasmische Tugenden auf den Plan rufen konnten: 1945, 1968, 1989 und 2001. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass die liberalen Tugenden stets an neuer Aktualität gewinnen: "Die Tugenden der Erasmier mögen für manche ein wenig altmodisch klingen, aber für alle, denen die Freiheit lieb und teuer ist, kann es nichts schaden, wenn sie auch in Zukunft gepflegt werden." (216)

Dahrendorfs Buch ist anregend und von einer sprachlichen und darstellerischen Klarheit, die es auch über die Grenzen des Fachpublikums hinaus zugänglich und interessant macht. Allerdings geht dies nicht selten auf Kosten der Differenziertheit: Dies zeigt sich beispielsweise, wenn die Vertreter der 68er-Bewegung pauschal beschrieben werden als jene, "die ausgezogen waren, alle gängigen Werte mit Füssen zu treten" (197), oder wenn der etwas verschwommene Eindruck vermittelt wird, der Islam gehe per se mit einer "fundamental illiberalen Ordnung" (211) einher.

Auch stellt sich - zumindest aus der Perspektive des Historikers - die Frage, ob das Buch, das im Rahmen einer Forschungsprofessur am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) fertig gestellt wurde, eine wissenschaftliche Studie darstellt - oder ob es sich nicht eher um einen politischen Essay handelt: So enthält etwa der geradezu minimalistische Anmerkungsapparat oftmals nur einen Teil der relevanten Literatur und die Verwendung des Totalitarismusbegriffs durch Dahrendorf blendet sämtliche Kontroversen aus, die seit den grundlegenden, in den 1950er-Jahren entstandenen Arbeiten von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich zu einer Ausdifferenzierung dieses Konzepts beigetragen haben. Schließlich ist auch anzumerken, dass die Beantwortung der von Dahrendorf formulierten Fragestellung letztlich unzulänglich erscheint: Der Rückzug auf den moralpsychologischen Ansatz, die "Unversuchbarkeit" liberaler Intellektueller durch bestimmte (Charakter-)Eigenschaften zu erklären, bleibt - gerade für einen Soziologen - unbefriedigend.

Lesenswert ist das Buch trotzdem: Man sollte es dabei jedoch vor allem als Plädoyer für den klassischen Liberalismus und als Dahrendorfs persönliches Denkmal für seine väterlichen Freunde Aron, Berlin und Popper verstehen.

Eva Oberloskamp