Rezension über:

Karin Hellwig: Von der Vita zur Künstlerbiographie, Berlin: Akademie Verlag 2005, 206 S., ISBN 978-3-05-004173-5, EUR 49,80
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Rezension von:
Johannes Rößler
Humboldt-Universität zu Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Ekaterini Kepetzis
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Rößler: Rezension von: Karin Hellwig: Von der Vita zur Künstlerbiographie, Berlin: Akademie Verlag 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/9489.html


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Karin Hellwig: Von der Vita zur Künstlerbiographie

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Die Erforschung kunsthistorischer Texte gehört neben mediengeschichtlichen Aspekten zu den Desideraten einer sich nur langsam vollziehenden Aufarbeitung der Kunstgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Sie erfordert ein erhöhtes Maß an Interdisziplinarität, das mit Grenzgängen in der Philosophie, Literatur und Historiografie verbunden ist. Ein gattungsgeschichtlicher Ansatz bietet zudem die Chance, Konventionen der Fachhistorie aufzubrechen und auch außerkanonische Autoren zu ihrem Recht kommen zu lassen. Karin Hellwigs komprimierte Studie zur Künstlerbiografik strebt eine solche Grundlagenforschung an. Aus diesem Grund bilden hier, obwohl das Vorwort die Bedeutung von Carl Justi hervorhebt (12), weniger die berühmten Biografien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Schwerpunkt, sondern die frühen Formen von der mittleren Aufklärung bis etwa 1840.

Fünf Kapitel beschreiben den Wandel von der Vitenliteratur zur modernen Künstlerbiografik. Anhand früher Cranach- und Dürer-Biografien wird seit 1726 eine Hinwendung zum quellenbezogenen Arbeiten und zur Strukturierung nach thematischen Gesichtspunkten konstatiert. Entscheidend ist hierbei der sukzessive Bedeutungsverlust der am exemplum-Denken orientierten Anekdotik und die Zunahme von rein werkbezogenen Würdigungen (52), die von der Lebensbeschreibung separiert wurden. Auf den Abschnitt zur Aufklärungsperiode folgt ein Block mit Strukturreferaten zu zehn Künstlerbiografien zwischen 1800 und 1840 (60-85): Er zeigt, dass neben einer chronologischen Vorgehensweise bereits "ein relativ breites Spektrum" (60) von Textmustern, wie etwa der Kataloganhang, vorhanden war.

Das dritte Analysefeld zeichnet anhand von drei im Kunstblatt publizierten Beiträgen Ludwig Schorns (1820, 1839) und Carl Grüneisens (1829) nach, wie die kunsthistorische Gattungsreflexion an die der Historiker anschloss und darüber zur Eigenständigkeit gelangte: Die bereits um 1780 erkennbare geschichtswissenschaftliche Teilung in eine rein "historische" und eine an psychologischen Entwicklungen orientierte "pragmatische" Biografie (100) wandle sich seit dem Beitrag Grüneisens zur Trias von antiquarisch-quellenkritischer, ästhetisch-künstlerischer und geistreich-populärwissenschaftlicher Darstellung, (104 f), drei Kategorien, die in der Folgezeit zum festen Rezensionsvokabular im Kunstblatt gehörten.

Je mehr der Leittopos "historia magistra vitae" an Evidenz verlor, desto mehr rückten die Bereiche von Leben und Werk zusammen. Das Kapitel über die "Konsolidierung" der Gattung zeigt die Konsequenzen dieses Paradigmawechsels auf. Mit dem Begriff des "Charakters" schufen die Kunsthistoriker um 1800 eine "neue Kategorie, die es ihnen ermöglichte, auch ohne Chronologie sowohl das Œuvre als Gesamtes zu bewerten, als auch wechselseitige Abhängigkeiten zwischen den beiden Bereichen Leben und Werk herzustellen" (133; fast im selben Wortlaut 184). Zudem wurde mit neuen Genialitätskonzeptionen die Starrheit des inventio-Gedankens überwunden (144) und die jeweilige Werkentwicklung als dynamisierter Bestandteil der allgemeinen Kunstgeschichte wahrgenommen. Herders Individualitätsgedanke, Goethes Vorwort zu Dichtung und Wahrheit und Hegels Geschichtsauffassung bildeten weitere theoretische Grundlagen (149 f). Dem stehe jedoch der Befund gegenüber, dass sich die "Biographie zu einer führenden Methode der Kunstgeschichte" (153) nicht entwickeln konnte und nach 1840 für zwei Jahrzehnte an Attraktivität verlor.

Ein Ausblick auf die Zeit nach 1860 rundet die Arbeit ab. Etwas holzschnittartig wirkt hier die Teilung in eine "wissenschaftliche" Richtung Anton Springers und eine "literarische" Biografik bei Justi und Herman Grimm (168-172). Die Reaktivierung der Gattung als "literarische Großform" koinzidiere mit dem Phänomen, dass sie sich "an ein literarisch verbildetes" Publikum richtete, das romanartige Ausschmückungen einer Kunstanalyse vorzog (165). Vermutlich hängt mit dieser Einschätzung zusammen, dass Hellwig kaum auf die zahlreichen Biografien der universitären Etablierungsphase eingeht und zeitgenössische Kontexte - zu denken wäre an die deutsche Carlyle-Rezeption oder die eminente Aufwertung der Gattung durch Dilthey - nicht berücksichtigt. Jedenfalls legt die Autorin nahe, die Biografik nach 1860 schlösse direkt an die erste Jahrhunderthälfte an (171) und habe zugleich zu ihrer späteren Diskreditierung beigetragen. Nach 1900 konnten sich demzufolge die historisch orientierten Gattungsbefürworter wie Carl Neumann gegen das Postulat einer "Kunstgeschichte ohne Namen" kaum noch behaupten (179).

Die eher nüchterne Bestandsaufnahme hebt sich von Tendenzen, welche die Fachgeschichte im 19. Jahrhundert auf eine kontinuierliche Fortsetzung romantischer Denkfiguren reduzieren, wohltuend ab und spitzt vielmehr die Gattungsgenese auf einen von der Aufklärung ausgehenden Prozess der 'Verwissenschaftlichung' zu. An älteren Studien Kosellecks und Lepenies' orientiert [1], wird der Epochenschwelle um 1800 viel Platz eingeräumt. Sicher kann dabei der angestrebte "Balanceakt zwischen allgemeiner Historiographie, Kunsthistoriographie und Literaturwissenschaft" (12) auf 180 Textseiten nur teilweise gelingen. So wäre die Einbeziehung einiger grundlegender Arbeiten zur Historiografiegeschichte [2], eine genauere Analyse von Schlüsseltexten wie Passavants Rafael (152-158) und eine strengere Auswahl der referierten Rezensionstopoi sinnvoll gewesen. Da die Studie Werke über zeitgenössische Künstler ausklammert (62), werden die Nekrologliteratur des 18. Jahrhunderts oder der gattungsgeschichtliche Beitrag der Weimarer Klassik (Fernows Carstens; Goethes Hackert) nur gestreift. Störend wirken die wiederkehrenden Formulierungen im Schlusswort und einige unpräzise Details: Beispielsweise wertet die Studie konventionelle Titel wie Johann Friedrich Christs Leben des berühmten Lucas Cranach (1726) als "apologetisch" (34) oder spricht missverständlich von der "individualistische[n] Geschichtstheorie" Hegels (150). Gering abgesichert wirkt die These, die Künstlerbiografik nach 1800 stünde in keiner Beziehung zum romantischen Künstlerroman, da mit Heinses Ardinghello und Moritz' Anton Reiser die falschen Beispiele genannt werden (89). Problematisch erscheint schließlich die Behauptung, die Kunsthistoriker hätten bereits um 1800 ein "neues, an den Naturwissenschaften angelehntes Exaktheitsideal" propagiert (116). Teilweise besteht deshalb die Gefahr, dass durch einen normativen Wissenschaftsbegriff ideengeschichtliche Kontexte verloren gehen.

Den Einwänden im Detail steht die Gesamtleistung gegenüber: Das benutzerfreundlich strukturierte Buch erschließt eine Fülle von Texten, systematisiert diese nach Entwicklungsschritten und hebt die Meriten unbekannterer Autoren hervor. Vor allem bricht es mit einer fachgeschichtlichen Deutungskonvention, indem es zeigt, wie wenig Winckelmanns Verdikt gegen die Biografik in der Praxis standhielt und eine angeblich verpönte Textform zum Instrument kunsthistorischer Professionalisierung wurde. Die publizistischen Rahmenbedingungen der frühen Kunsthistoriker werden sichtbar wie auch der Zusammenhang von kennerschaftlicher Forschung und biografischer Darstellungsform. Wer sich in Zukunft mit der Kunstliteratur zwischen 1726 und 1840 beschäftigt, wird auf ein insgesamt verlässliches Kompendium zurückgreifen können, das durch Klarheit im Aufbau besticht.


Anmerkungen:

[1] Reinhart Koselleck: Historia Magistra Vitae. Über die Auflösung des Topos im Horizont neuzeitlich bewegter Geschichte, in: Ders.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt a. M. 1979, 38-66; Wolf Lepenies: Der andere Fanatiker. Historisierung und Verwissenschaftlichung der Kunstauffassung bei Johann Joachim Winckelmann, in: Herbert Beck u. a. (Hg.): Ideal und Wirklichkeit in der bildenden Kunst im späten 18. Jahrhundert. Berlin 1984, 19-29.

[2] Jörn Rüsen: Konfigurationen des Historismus. Studien zur deutschen Wissenschaftskultur. Frankfurt a. M. 1993; Daniel Fulda: Wissenschaft aus Kunst. Die Entstehung der modernen deutschen Geschichtsschreibung 1760-1860. Berlin, New York 1996 (= European Cultures 7). Zur Biografie: Dietrich Harth: Biographie als Weltgeschichte. Die theoretische und ästhetische Konstruktion der historischen Handlung in Droysens 'Alexander' und Rankes 'Wallenstein', in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 54 (1980), 58-104; Gerhart v. Graevenitz: Geschichte aus dem Geist des Nekrologs. Zur Begründung der Biographie im 19. Jahrhundert, in: Ebd., 105-170.

Johannes Rößler