Rezension über:

Heinrich Koller: Kaiser Friedrich III.. (= Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005, 311 S., ISBN 978-3-534-13881-4, EUR 34,90
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Rezension von:
Uwe Israel
Deutsches Studienzentrum, Venedig
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Uwe Israel: Rezension von: Heinrich Koller: Kaiser Friedrich III.., Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/9389.html


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Heinrich Koller: Kaiser Friedrich III..

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Nach der groß angelegten, aber nicht über das Jahr 1452 hinauslangenden "Geschichte Kaiser Friedrich VI." von Joseph Chmel (1840/43) und der Biografie Bernd Rills "Friedrich III. Habsburgs europäischer Durchbruch" (1987) ist dies der dritte deutschsprachige Anlauf, sich dem letzten in Rom gekrönten Kaiser monografisch zu nähern. Der Autor, der Salzburger Emeritus Heinrich Koller, kann als einer der besten Kenner der Quellen zu Leben und Wirken Friedrichs III. gelten. Koller trat mit zahlreichen Publikationen zu ihm wie zu anderen Habsburgern hervor und leitet für die Regesta Imperii seit 1977 das Unternehmen der "Regesten Kaiser Friedrichs III.". [1]

Die Ereignisse und die politische Geschichte der zahlreichen Kriege und Reichstage werden exakt verzeichnet, doch bleibt die Person des Habsburgers auffallend blutleer, was nicht nur der "Tendenz" Friedrichs, "alles geheim zu halten" (210), der Armut an einschlägigen Quellen oder den Kriterien der Reihe geschuldet sein dürfte. Immerhin wird der Habsburger durch eine Reihe von (negativen) Attributen als "kalt und unfreundlich" (20), "in manchen Belangen gründlich, insgesamt aber eher oberflächlich" (22), "misstrauisch und skeptisch, [...] auch verschlagen und heimtückisch" (29, vgl. 229) gezeichnet. Symptomatisch ist das Kapitel "Friedrichs Familie und seine Jugend": Wenn man hier die Charakterisierung von Menschen erwartet, wird man enttäuscht: Das Kapitel beginnt mit Herrschaftsgeschichte und greift den teils schon in der Einleitung "Kaiser Friedrichs Zeit und sein Leben" gegebenen Durchmarsch durch Teile der Reichs- und Kirchengeschichte (Kirchenspaltung, Kirchenreform, Konzilien, Gegenpäpste, Hus ...) wieder auf.

Das Buch beginnt interessant: Das erste Kapitel "1439 - das Jahr des Unheils" setzt mit einem Verweis auf die zur Zeit der Königswahl Friedrichs noch ernst genommene Prophetie vom Endkaiser, dem dritten Friedrich ein, die man damals auf den Habsburger übertrug und die seine Wahl vielleicht positiv beeinflusste (11), ein Gedanke, der eine eingehende Behandlung verdient hätte, ließe sich anhand seiner doch viel über die Mentalität der Zeit erfahren. Zu Gunsten einer Behandlung der verwickelten Ereignisse in Zusammenhang mit Kirchenreform und Konziliarismus in den Jahrzehnten zuvor wird er aber nicht weiterverfolgt; lediglich einmal noch wird er aufgegriffen, an einer Stelle, wo ebenso kurz von der "entscheidenden Devise" Friedrichs die Rede ist (19): Auch hier hätte man gerne mehr gewusst über die Bedeutung des Vokalspiels "a-e-i-o-v" für Friedrich und von Devisen allgemein für seine Zeit. Man liest, "dass er, der durch Jahrzehnte seiner steyrischen Heimat eng verbunden war, sich im Alter offensichtlich für Burgund begeistern konnte" (214), und fragt sich, was das bedeutet; obwohl auf Adventus verwiesen wird, werden diese Formen symbolischer Kommunikation lediglich als "Propagandaspektakel" abgetan (215), obwohl doch die kulturgeschichtliche Forschung der letzten Jahrzehnte gezeigt hat, wie wichtig derartige Inszenierungen von Macht für Politik gerade auch im späten Mittelalter waren. Nicht weiter erläutert wird auch das "Interesse Friedrichs für naturwissenschaftliche Fragen", auf das ganz am Ende des Buches im Zusammenhang mit seiner Beinamputation verwiesen wird (233). Zweifel sind daran anzubringen, ob Friedrich "mit seinen Maßnahmen wie der Errichtung einer verbesserten Bistumsorganisation oder seinen Verfügungen zum Sakrament der Letzten Ölung" tatsächlich "Grundsätze der Aufklärung" vorwegnahm (29). Der Satz, dass die "Menschen der Spätgotik ganz allgemein unfähig waren, die Probleme ihrer Zeit klar zu erfassen" (29 f.), ist (abgesehen von dem ungewöhnlichen Epochenbegriff) für sich genommen nicht anfechtbar; allerdings fragt man sich, wann der Mensch dazu je in der Lage gewesen wäre!

Die Forschungslage zu dem Rekordkönig, der über ein halbes Jahrhundert lang die Krone trug, ist insgesamt unbefriedigend. Hier hat das Bild des späten 19. Jahrhunderts von Friedrich als der Reichserzschlafmütze lange Schatten geworfen. Koller gelingt es, neue Akzente zu setzen, die diese Einschätzung kräftig relativieren: Als Beispiele seien angeführt die Ausführungen über die Ausweitung des kaiserlichen Herrschaftsanspruchs zur uneingeschränkten Machtvollkommenheit, wie sie auch von den Päpsten, allen voran Pius II., erhoben wurde (171), die Einrichtung des Reichskammergerichts oder die einträgliche Verpachtung der Reichskanzlei an Adolf von Nassau (183 f.). An so manchen Stellen kommt Koller auch über die Forschungen Alphons Lhtoskys zu Friedrich hinaus (31, 66, 154 Anm. 19, 248).

Den Band, den ein erfreulich schlanker Anmerkungsapparat auszeichnet, schließt ein Personenregister ab. Im Literaturverzeichnis wünschte man sich einen Verweis auf die quellengesättigte Habilitations-Schrift von Heinz Quirin, "Studien zur Reichspolitik König Friedrichs III. von den Trierer Verträgen bis zum Beginn des Süddeutschen Städtekrieges (1445-1448)" von 1963, die trotz der energisch betriebenen Bemühungen Hartmut Boockmanns leider bis zum heutigen Tage ungedruckt blieb (doch in Frankfurt oder Göttingen wenigstens in maschinenschriftlicher Form einzusehen ist). Auf die fünf Schwarz-Weiß-Abbildungen (die nicht in einem eigenen Verzeichnis aufgeführt sind) wird im Text nicht eigens eingegangen; die beigegebenen Angaben sind zumeist unzureichend.

Der konzise, in chronologischer Reihenfolge gegliederte quellennahe Band aus Peter Herdes Reihe "Gestalten des Mittelalters und der Renaissance" gibt über die Lebensstationen Friedrichs ebenso zuverlässig Auskunft wie über die Geschicke der habsburgischen Länder und die sie betreffenden Ereignisse seiner Zeit. Trotz profunder Quellenkenntnis hat Koller aber weniger eine Lebensbeschreibung Friedrichs als eine Geschichte der Zeit geschrieben (mit besonderer Aufmerksamkeit auf die von Friedrich betriebene Reichsreform), wobei ihm sein Held gelegentlich ein wenig aus den Augen zu geraten scheint.


Anmerkung:

[1] Heinrich Koller / Paul-Joachim Heinig / Alois Niederstätter (Hg.): Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440-1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet. Heft 15: Die Urkunden und Briefe aus den Beständen 'Reichsstadt' und 'Hochstift' Regensburg des Bayerischen Hauptstaatsarchivs in München sowie aus den Regensburger Archiven und Bibliotheken. Bearb. v. Franz Fuchs / Karl-Friedrich Krieger, Wien 2002; s hierzu die Rezension von Gabriele Annas in: sehepunkte 4 (2004), Nr. 11 [15.11.2004], URL: http://www.sehepunkte.de/2004/11/2345.html.

Uwe Israel