Rezension über:

Mercedes Blaas (Hg.): Der Aufstand der Tiroler gegen die bayerische Regierung 1809 nach den Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Daney. Auf der Grundlage der Erstausgabe von Josef Steiner (1909) überarbeitete, vervollständigte und mit Anmerkungen, einer Einführung und biographischen Hinweisen versehene Neuedition (= Schlern-Schriften; 328), Innsbruck: Universitätsverlag Wagner 2005, 475 S., EUR 50,00
Inhaltsverzeichnis dieses Buches

Rezension von:
Reinhard Baumann
München
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Baumann: Rezension von: Mercedes Blaas (Hg.): Der Aufstand der Tiroler gegen die bayerische Regierung 1809 nach den Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Daney. Auf der Grundlage der Erstausgabe von Josef Steiner (1909) überarbeitete, vervollständigte und mit Anmerkungen, einer Einführung und biographischen Hinweisen versehene Neuedition, Innsbruck: Universitätsverlag Wagner 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/9294.html


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Mercedes Blaas (Hg.): Der Aufstand der Tiroler gegen die bayerische Regierung 1809 nach den Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Daney

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Die Aufzeichnungen des Zeitgenossen Josef Daney (1782 - 1826), Priester aus Schlanders im Südtiroler Vinschgau, sind nicht nur eine sehr wichtige Quelle über den Tiroler Aufstand gegen die französische und bayerische Fremdherrschaft 1809, sie sind auch eine ganz außergewöhnliche. Daney hat nämlich kein Tagebuch üblicher Art verfasst, auch nicht allein einen retrospektiven Blick auf die Tiroler Erhebung aus kurzem Abstand, nämlich (bei zu vermutenden Vorstufen!) im Jahre 1814, sondern er hat seine Berichte sehr geschickt in Form von 12 Briefen an einen fingierten Freund gestaltet. Dabei nutzt er die Möglichkeit, seine Schilderungen durch Zitate aus Originaldokumenten zu unterbrechen und zu belegen. Deren Kenntnis überrascht nicht nur andere Zeitgenossen, sondern auch den fiktiven Freund.

Ihn benutzt Daney auch, um ihn in Antwortschreiben Nachfragen stellen und weitere Detailinformationen im nächsten Brief anfordern zu lassen. Belebend in seinen Briefen ist die Verwendung wörtlicher Rede, und dies in genauer Wiedergabe verschiedener Tiroler Mundarten. Von besonderer Bedeutung sind dabei seine Dialoge mit Andreas Hofer, dem Sandwirt, Pferdehändler und Gastwirt aus dem Passeiertal und legendärer Anführer des Aufstands. Von ihm gibt er ein Schriftstück nicht nur buchstabengetreu, sondern auch in dessen Schriftzügen wieder, sodass es den Eindruck eines Originalschreibens des Sandwirts erweckt.

Die Edition einer solch exzeptionellen, nicht unproblematischen, dennoch wichtigen Quelle bedarf fachlichen Könnens, der Umsicht und Gründlichkeit. Man muss Mercedes Blaas bescheinigen, dass sie genau damit zu Werke gegangen ist. Daney bemühte sich schon 1814 um eine Drucklegung seiner Aufzeichnungen. Publiziert wurden sie aber erst hundert Jahre nach dem Aufstand, 1909, allerdings unvollständig und zudem mit Kürzungen. Die nun vorliegende Neuedition enthält den vollständigen Gesamttext mit behutsamen Eingriffen, z. B. die Wiedergabe der Ortsnamen in der heutigen Schreibweise, vereinheitlichte Schreibung der Personennamen, erklärende Zusätze in eckigen Klammern. Eingefügte Dokumenttexte sind durch Kleindruck erkennbar. Die Praxis des Ersteditors, den Briefen eine knappe Inhaltsangabe voranzustellen, wurde beibehalten und ausgebaut. In den Fußnoten findet man Worterklärungen ebenso wie Hinweise auf bestimmte Schreibweisen oder auf Streichungen und später eingefügte Zusätze des Autors.

Zudem stellt Mercedes Blaas der Edition eine Einführung voran, u. a. mit einer Beschreibung und mit der Geschichte der Handschrift, einem Überblick über den Inhalt und mit den Editionsrichtlinien. Die Biografie Daneys aus der Feder von Andreas Dipauli, der den Autografen von Daneys Schrift erwarb und überhaupt als Tirolensiensammler einen Namen hatte, ist ebenso wiedergegeben wie eine kurze Einschätzung der Editorin: "Josef Daney. Annäherung an eine vielschichtige Persönlichkeit" (13 - 21). Für den in Sachen Tiroler Aufstand nicht so kundigen Benutzer sind die biografischen Hinweise zu den in der Quelle erwähnten Personen im Anhang besonders hilfreich. Ein Literatur- und Abkürzungsverzeichnis und ein Personen- und Ortsregister erhöhen die Benutzerfreundlichkeit der Edition.

Und was macht nun diese Quelle so editionswürdig? Es ist dieser eigenartig schillernde Gewährsmann Josef Daney, eitel und geltungssüchtig im übereinstimmenden Urteil aller ihn charakterisierenden Zeitgenossen und sogar in seiner Selbsteinschätzung (vgl. 215). Mercedes Blaas stellt fest: "Und er war auch nie das, was man heute einen Sympathieträger nennen würde."(13) Viele Tiroler der Aufstandszeit hassten und verachteten ihn, auch die bald einsetzende zeitgenössische Geschichtsschreibung, allen voran Josef von Hormayrs "Geschichte Andreas Hofer's" (1. Auflage 1817) sah ihn als Verräter des Sandwirts und der Tiroler Sache. Andererseits äußerte sich Mathias Purtscher, der ehemalige Adjutant Hofers, 1836 gegenüber dem Historiker Josef Rapp, der auf der Suche nach Materialien für sein Werk über den Aufstand war: "Das beste wäre, wenn man die Schriften des Geistlichen Danay [!] bekäme, der hat die ganze Geschichte noch am richtigsten niedergeschrieben und alles mit einigen hundert Originalien belegt" (11).

Noch während Tirol und die deutschen Lande in Aufstands- und Hoferglorifizierung versanken, hielt Daney mit seinen Aufzeichnungen den Tirolern einen schonungslosen Spiegel vor, in dem heldenhafte, wenn auch wenig Erfolg versprechende Heimatverteidigung und üble Negativerscheinungen bewaffneter Scharen eng zusammenrückten. Die Einfälle der "weizenen Kompanie" aus dem heimatlichen Schlanders unter dem Befehl des Majors Teimer ins oberbayerische Voralpenland kennzeichnete Daney unverblümt als Raubzug. Wieder in den Vinschgau zurückgekehrt, hätten die Landesverteidiger "ihre geraubten Pferde verkauft und das erlöste Geld - versoffen" (132). Als bayerische Truppen Ende Oktober gegen Innsbruck vorrückten und der Landsturm in wilder Flucht zurückflutete, urteilte Daney: "Auf der ganzen Welt kann man nichts Bunteres, nichts Verwirrteres als die Retirade eines Landsturms sehen. Jeder läuft, soviel nur seine Kräfte gewähren; der Stärkere rennt den Schwächeren nieder oder wirft ihn auf die Seite" (227).

Daney erkannte die Hauptprobleme der Tiroler Insurrection: "daß im Hauptquartier mehrere Köche die Suppe salzten, weswegen sie auch [ ...] so bitter versalzen wurde"(229). Die Gloriole, mit der die spätere Tiroler Geschichtsschreibung z. B. den Kapuzinerpater Joachim Haspinger in Hofers unmittelbarer Umgebung ausgestattet hat, verweigerte ihm Daney, entlarvte ihn vielmehr als reaktionären Eiferer.

Vor allem aber ist es das ungeschönte Bild Andreas Hofers, das Daney entwarf und das diese Quelle so bedeutsam macht. Daney zeigte ihn in all seinen Problemen: überfordert von der Aufgabe, hilflos gegenüber Bürokratie und Kanzleideutsch, das er nicht verstand und das er aber hätte verstehen müssen, ausgeliefert und abhängig von einem Berater- und Befehlshaberstab, der in seiner Zusammensetzung und Wirkung höchst bedenklich war: Selbstsüchteleien, Inkompetenz und Eiferertum in Gemengelage. Dazu kamen innertirolische soziale Verwerfungen zwischen (relativ) freisinnigem Innsbrucker Bürgertum und den erzkonservativen Bauern der Schützenkompanien und des Landsturms - und Hofer dachte und fühlte wie sie. Daney war kritischer Beobachter und wurde dennoch im Oktober 1809 Teil der Aufstandsbewegung. Er gewann das Vertrauen Hofers und avancierte zu seinem Bevollmächtigten im Inntal: Er signierte in diesen Tagen als "vom kaiserlich königlichen Oberkommando in Tirol bevollmächtigter Ober-Feldkaplan" (218), hielt glühende Durchhaltereden, sah aber dennoch sein Agieren nicht ohne (Selbst-)Ironie: Nachdem ihm Hofer ein gutes Pferd zur Verfügung gestellt hatte, meinte Daney zu seinem fiktiven Adressaten: "Nun haben Sie den Esel auf dem Pferde" (215).

Obwohl er später bei Hofer in Ungnade fiel und dieser ihn sogar zum Tode verurteilte, prägte das nicht sein grundsätzliches Urteil über ihn. Er sah ihn als den überforderten, beeinflussten Anführer aus unreflektiertem Pflichtgefühl gegenüber Heimat und Kaiser, der Politik und Diplomatie in ihren Winkelzügen nicht verstand und aus seinem Denken heraus nicht verstehen konnte. Dies alles rechtfertigt das aufwändige Unternehmen dieser Edition, es ist solide und wichtig, keineswegs nur für Tiroler Geschichtsverständnis und Tiroler Geschichtswissenschaft.

Reinhard Baumann