Rezension über:

Klaus Kremb (Hg.): Zeitschrift für Weltgeschichte. Jahrgang 6 (2005), Heft 1. Interdisziplinäre Perspektiven, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, 151 S., ISSN 1615-2581, EUR 27,60
Inhaltsverzeichnis dieses Buches

Rezension von:
Kai Hünemörder
Hamburg
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Kai Hünemörder: Rezension von: Klaus Kremb (Hg.): Zeitschrift für Weltgeschichte. Jahrgang 6 (2005), Heft 1. Interdisziplinäre Perspektiven, Frankfurt a.M. [u.a.]: Peter Lang 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/9252.html


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Klaus Kremb (Hg.): Zeitschrift für Weltgeschichte. Jahrgang 6 (2005), Heft 1

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Die Frage, wie man Weltgeschichte schreiben und vermitteln kann, bewegt mittlerweile nicht nur in den USA die Gemüter. [1] Im deutschsprachigen Raum versucht der Verein für Geschichte des Weltsystems, mit seiner Zeitschrift für Weltgeschichte die gegenwärtige Debatte über Global- und Universalgeschichte anzuregen. Zudem liegen auch in der Bundesrepublik erste Monografien vor, die das intellektuelle Korsett der nationalgeschichtlichen Perspektive bewusst zu überwinden suchen. Im Bereich der Umweltgeschichte sticht etwa das Werk "Natur und Macht" von Joachim Radkau hervor.

Folgerichtig eröffnet Radkau das Themenheft der Zeitschrift für Weltgeschichte zur Geoökologie und Umweltgeschichte mit einem einleitenden Essay. Um den Nutzen einer globalen Umweltgeschichte für die Politik aufzuzeigen, scheut sich Radkau nicht, einige konkrete Schlüsse aus der Geschichte für die Ausgestaltung der heutigen Umweltpolitik zu ziehen. Dies steht im Einklang damit, dass Radkau den Historiker nicht nur als "Experte[n] für das Vergangene im Gegenwärtigen" ansieht, "sondern auch für jene Wandlungsprozesse hin zur Gegenwart, die man beim Überblick über einen längeren Zeitraum erkennt" (14). Mit skeptischem Blick auf die bürokratische Versuchung eines interventionistischen Umweltstaates weist er aus dieser Perspektive auf die allgemeinen Versuchungen der Macht hin, denen auch der staatliche Umweltschutz unterliegt. Effektiver Umweltschutz brauche demgegenüber "eine lebendige Zivilgesellschaft, [...] Zivilcourage, Bürgerinitiative und eine kritische Öffentlichkeit" (17). Dies ist nur ein Beispiel der für "ein weltweites Umweltregime" nötigen "einfachen Regeln" (19), zu dessen Sammlung die globale Umweltgeschichte laut Radkau beitragen sollte.

Nach einigen weiteren, durchaus kontroversen umwelthistorischen Lehren Radkaus bündelt das aktuelle Themenheft der Zeitschrift sieben Area Studies, die fast ausschließlich aus der Feder von Geografen stammen. Solche konkreten regionalen Analysen gelten seit langem als Bausteine auf dem Weg zu globalgeschichtlichen Synthesen. Sie sollen nicht zuletzt bei der Durchsetzung eines global orientierten Geschichtsbewusstseins helfen. Im vorliegenden Fall wird der Blick auf typische Prozesse bei der "Inwertsetzung oder auch Außerwertsetzung" (5) verschiedener Räume der Erde zu verschiedenen Zeiten gelenkt.

Räumlich und zeitlich führen die Regionalstudien den Leser von den Degradationserscheinungen des Mittelmeerraumes seit der Antike (Otmar Seuffert) zunächst über die indigenen Landnutzungsstrategien in der Sahelzone (Fouad Ibrahim) zu den südamerikanischen Hochkulturen der Anden (Winfried Golte). Weiter geht die Reise um die Welt über das Landesinnere Brasiliens (Martina Neuburger) und die Staubstürme der Great Plains der Vereinigten Staaten (Klaus Kremb) zu den Wassernutzungskonflikten Zentralasiens (Karl Tilman Rost) bis zu den erdbebengefährdeten Philippinen (Hans-Joachim Fuchs).

Die Beiträge von Kremb, Ibrahim und Rost beziehen sich dabei explizit auf das so genannte "Syndromkonzept", das der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) vor zehn Jahren entwickelt hat. Um nicht in der Unübersichtlichkeit der "globalen Umweltkrise" verloren zu gehen, versuchte der WBGU mittels einer Typologie von 16 Degradationserscheinungen Ordnung in die Dynamik der Naturzerstörung zu bringen. Einige der plakativen Bezeichnungen der Krankheitsbilder, etwa das Dust Bowl-Syndrom, verweisen dabei direkt auf historische Katastrophen.

Die zielgerichtete Betrachtung historischer Formen der Raumerschließung unter dem Aspekt der Syndrome des globalen Wandels zeigt zwar in dem Beitrag über die virulenten Wassernutzungskonflikte um den Aralsee ihren didaktischen Nutzen. Wie in der Medizin leistet der Syndrombegriff bei der Einkreisung der multifaktoriell bedingten Austrocknung des Aralsees gerade wegen seiner Unschärfe wertvolle Dienste. Ob sich allerdings die Weltgeschichte der Umwelt durch das Syndromkonzept generell strukturieren ließe, wie Kremb anregt (98), ist mehr als fraglich. Bei einer solchen Schwerpunktsetzung würden positive Entwicklungen der letzten 100 Jahre systematisch ausgeblendet werden. Im Ergebnis entstünde beim Leser exakt die Vorstellung einer Finalität der Geschichte, vor der Radkau im Einleitungsessay warnt (20) und die auch für die globale Umweltgeschichte des 20. Jahrhunderts keineswegs zwingend erscheint. In John McNeills Geschichte der Umwelt [2] verdichten sich die regionalen Beispiele der Naturzerstörung zwar auch zu einem eher pessimistischen Szenario. Allerdings unterlässt es der Autor nicht, uns immer auch an historische Orte zu führen, in denen virulente Umweltprobleme wie die städtische Luftverschmutzung abgeschwächt wurden.

Auf einen anderen Kritikpunkt des Ansatzes macht Ibrahim in seinem Aufsatz über die Hungerkatastrophen im Sahel aufmerksam. Trotz gegenläufiger historischer Belege lasse das (abstrahierende) Modell des Sahel-Syndroms keinen Raum für eine Berücksichtigung potenzieller Fähigkeiten der Sahelbewohner, durch Resilience, Adaption oder Innovation aus dem Teufelskreis aus Destabilisierung der ariden Ökosysteme bis zur Landflucht auszubrechen. In Auseinandersetzung mit den Erklärungsversuchen der Neo-Malthusianer und den Expertenprogrammen der Entwicklungspolitik weist er plausibel nach, dass in marginalen Trockenräumen statt verspätet einsetzender, externer Katastrophenhilfe vielmehr die indigene Mobilität und Anpassungsfähigkeit der Sahelbewohner gefördert werden müsste.

Von den weiteren Regionalstudien sind besonders die Beiträge über die hydraulische Landwirtschaft in den zentralandinen Hochkulturen und die Erschließung des Raumes in Brasilien hervorzuheben. Beide weisen differenziert auf Spezifika der Inwertsetzung Südamerikas hin, die mit der Struktur der Naturräume zusammenhängen und bis heute gravierende ökologische Folgewirkungen haben. Im Kontrast dazu strandet der Beitrag von Seuffert in teleologischen Untiefen. So liest sich dessen Überblick über die Geschichte der Degradierung des Mittelmeerraumes seit der Antike als wellenförmige Entwicklung, die spätestens seit den 1970er-Jahren von einer "nahezu bedingungslosen Vergewaltigung und Demontage der Natur" bis hin zu einem "physiko-chemischen Generalangriff auf alle natürlichen und anthropogenen Sphären" (26) geprägt sein soll. Derartige Verfallsrhetoriken und grobe Geschichtsbilder entsprechen gerade nicht der geforderten "Geistesgegenwart" (23), zu der die Weltgeschichte beitragen könnte.

Den Abschluss der Zeitschrift bildet wie immer ein Überblick über erschienene Bücher und Konferenzen von weltgeschichtlichem Interesse. Etwas disparat wirken dabei vor allem die bibliografischen Notizen von Hans-Heinrich Nolte. Insgesamt informiert das Themenheft über wichtige Entwicklungslinien der räumlichen Nutzbarmachung der Erde auf fünf Kontinenten von der Antike bis zur unmittelbaren Gegenwart. Um die Möglichkeit vergleichender Perspektiven zu stärken, hätte der Herausgeber den Zeitkorridor etwas einengen sollen. Der Weg zu einer epochenübergreifenden, plausiblen und originellen Weltgeschichte bleibt auch im Bereich der Umwelt noch weit.


Anmerkungen:

[1] Für einen Überblick über den Stand der Weltgeschichte in Forschung und Lehre in den USA siehe Eckhardt Fuchs: Welt- und Globalgeschichte - ein Blick über den Atlantik, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2005-03-004.

[2] John R. McNeill: Something New Under the Sun, New York 2000. (Rezension hierzu: http://www.sehepunkte.de/2004/07/4480.html)

Kai Hünemörder