Rezension über:

Michael Mann: The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing, Cambridge: Cambridge University Press 2005, x + 580 S., ISBN 978-0-521-53854-1, GBP 17,99
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Rezension von:
Philipp Ther
Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/O.
Empfohlene Zitierweise:
Philipp Ther: Rezension von: Michael Mann: The Dark Side of Democracy. Explaining Ethnic Cleansing, Cambridge: Cambridge University Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8926.html


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Michael Mann: The Dark Side of Democracy

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Das Thema der "ethnischen Säuberungen" hat in den 1990er-Jahren auf traurige Weise neue Aktualität erfahren. In Europa waren vor allem das ehemalige Jugoslawien und die Kaukasus-Region betroffen, die erst durch Interventionen von außen einigermaßen befriedet werden konnten. Doch auf einer globalen Ebene gibt es weiterhin zahlreiche ungelöste Konflikte, befinden sich Millionen von Menschen auf der Flucht oder sind wie in Darfur unmittelbar von einem Genozid bedroht. Der Soziologe Michael Mann, der an der University of California in Los Angeles lehrt, nimmt dies zum Anlass für eine umfangreiche Studie über ethnische Säuberungen. Er versucht, die Ursachen ethnischer Säuberungen zu erklären und behauptet entsprechend dem Titel, dass diese Schattenseiten von Demokratien seien. Plakativ wird gleich zu Beginn formuliert, dass ethnische Säuberungen zur westlichen Zivilisation, "zu uns" gehören.

In der umfangreichen Einleitung werden bereits die wichtigsten Faktoren ethnischer Säuberungen aufgeführt. Mann versucht hier ein Erklärungsmodell zu entwerfen, das sämtliche "ethnische Säuberungen" in der Moderne einbezieht und zugleich zwei Beispiele heranzieht, in denen diese ausblieben. Dieses Erklärungsmodell wird anschließend im empirischen Hauptteil des Buches in sechs Fallstudien vertieft. Darin werden die "genozidale Demokratien" in der neuen Welt, die Armenier, "die Nazis", kommunistische Säuberungen, Jugoslawien und Ruanda näher behandelt.

Die Zusammenstellung der Fallstudien überrascht, da es dem Autor eigentlich um das Verhältnis zwischen ethnischen Säuberungen und Demokratien geht. Doch abgesehen von den USA in ihrer Gründungsphase werden nur Diktaturen näher behandelt. Ebenso überraschend ist es, dass der Autor die zentralen Einheiten seiner Monografie, "Demokratie" und "ethnische Säuberungen", nicht klar definiert. Bei Demokratie begnügt sich Mann mit einer lexikalischen Kurzdefinition, "ethnic cleansing" wird in dem Buch für Prozesse verwendet, die von freiwilliger Assimilation durch sozialen Aufstieg bis hin zum Genozid reichen. Der Autor bemüht sich zwar um eine Spezifizierung, indem er gelegentlich von "communist cleansing", "cultural cleansing" und häufig von "murderous ethnic cleansing" spricht. Wie man dem Buch von Norman Naimark entnehmen kann, sind ethnische Säuberungen aber immer "mörderisch". Mord beruht auf einem Vorsatz, doch im Gegensatz zu Naimark betont Michael Mann immer wieder, dass ethnische Säuberungen nur selten intentional seien, sondern häufig auf einer Eigendynamik beruhen.

Damit ist man beim Gewirr von Variablen und Faktoren angelangt, die laut Mann ethnische Säuberungen verursachen. Seine generelle These lautet, dass der homogene Demos, den eine Demokratie benötigt, nur durch ethnische Säuberungen kreiert werden kann bzw. kreiert wurde. Hier könnte man wie für das ganze Buch anmerken, dass Gesellschaft und Nation zu unterscheiden sind. Die moderne Nationsbildung beruht in der Tat auf häufig gewaltsamen In- und Exklusionsprozessen. Aber diesen Befund kann man nur bedingt auf demokratische Gesellschaften und politische Systeme übertragen. Es wäre dann zu untersuchen, warum Demokratien unter bestimmten Umständen zu Gewalt oder auch zum Mittel der ethnischen Säuberung greifen. Dafür gäbe es genügend Beispiele wie z. B. Frankreich im Elsass nach dem Ersten Weltkrieg, die Tschechoslowakei in der unmittelbaren Nachkriegszeit nach 1945 oder auch die Politik Großbritanniens in Ostmitteleuropa und seinen (ehemaligen) Kolonien in den 1940er-Jahren. Aber damit befasst sich Mann nicht näher, sondern spezifiziert seine These, dass vor allem noch nicht konsolidierte Demokratien auf ethnische Säuberungen zurückgriffen. In der nächsten These wird die Wirkung ethnisch fundierter Klassenschranken betont, dann behauptet der Autor, dass vor allem bi-ethnische Konstellationen die Anwendung von Gewalt begünstigten. Als zusätzliche Variablen nennt Mann unter Berufung auf Rogers Brubaker internationale Konfliktkonstellationen und den Zusammenbruch des staatlichen Gewaltmonopols. Anschließend befasst er sich eingehend mit der modernen Kriegführung und den Tätern ethnischer Säuberungen, denen große Teile der Fallstudien gewidmet sind. Mann kommt in seinem Erklärungsmodell in der Einleitung auf an die zwanzig Punkte und alphabetisch oder numerisch aufgelistete Unterpunkte, in denen die verschiedenen Variablen und Faktoren abgehandelt werden.

Man könnte einige dieser Variablen und deren vertiefte Betrachtung in den Fallstudien widerlegen. Klassendifferenzen waren z. B. kein wesentlicher Faktor im ehemaligen Jugoslawien. Fast alle ethnischen Säuberungen erfolgten historisch betrachtet nicht in einem bi-nationalen Kontext, sondern in einem multinationalen bzw. in Gegenden, in denen es mehr als eine Minderheit gab. Die internationale Staatengemeinschaft hat ethnische Säuberungen in etlichen Fällen begünstigt oder sanktioniert (z. B. in den Abkommen von Lausanne und Potsdam), in anderen dagegen interveniert. Über diesen Faktor reflektiert Mann jedoch kaum, obwohl er in zahlreichen seiner Fallstudien eine wichtige Rolle spielte. Außerdem ist festzuhalten, dass die Existenz eines "external homelands" im Sinne von Brubaker nicht zu einem Irredentismus und zu gewaltsamen ethnischen Konflikten führen muss. Das Buch ist ferner von vielen faktischen Fehlern durchzogen. Diese reichen von der Fehldatierung des Abkommens von Lausanne bis zu zahlreichen falschen Kontexten, Namen und Abkürzungen im Zusammenhang mit den europäischen Nationalbewegungen. Besonders problematisch sind die Einlassungen des Autors über den "Judäo-Kommunismus", wonach die Juden die Bolschewisten besonders eifrig unterstützen. Anstatt diese antisemitische Propaganda zu entlarven, liefert Mann Daten über den Anteil der Juden in der Kommunistischen Partei und ihren Sicherheitsorganen und spricht von einer "minimalen Plausibilität" der These.

Schwerer als diese empirischen Gegenargumente wiegt das offensichtliche Scheitern des Autors, eine Ordnung oder Gewichtung seiner Variablen zu erreichen. Es wäre klüger gewesen, sich auf einige geografisch und zeitlich enger zusammenhängende Fallstudien zu konzentrieren und daraus Theorien von mittlerer Reichweite abzuleiten. Das Buch von Mann erinnert in vielem an Studien der historischen Soziologie aus den Sechzigerjahren, zum Beispiel Barrington Moores Buch über die sozialen Ursprünge von Diktatur und Demokratie. Doch so einfach, wie sich das Mann vorstellt, lassen sich ethnische Säuberungen bzw. das gesamte Problem, wie moderne Staaten und Gesellschaften mit dem Problem ethnischer und kultureller Differenzen umgehen, nicht abhandeln.

Der Eindruck, der nach der Lektüre des Buches am meisten haften bleibt, ist nicht eine der vielen Thesen, sondern das generelle Unbehagen des Autors gegenüber westlichen Demokratien und der Moderne. In der Tat gibt es vor allem im 20. Jahrhundert, im Zeitalter der Extreme, einen Drang zur Gleichmacherei, zur Einebnung. Das jeweilige Staatsvolk sollte soweit als möglich homogenisiert werden. Es handelte sich dabei nach Ansicht des Rezensenten um eine Gegenreaktion auf Differenzierungsprozesse der Moderne, die von Luhmann umfassend analysiert wurden (diesen Namen vermisst man im Literaturverzeichnis). Auch Demokratien verfolgten Strategien der sozialen und ethnischen Exklusion, die heute häufig kritisch beurteilt werden. Aber damit lassen sich die ethnischen Säuberungen in der Moderne nur zu einem kleinen Teil erklären.

Philipp Ther