Rezension über:

Massimiliano Livi: Gertrud Scholtz-Klink: Die Reichsfrauenführerin. Politische Handlungsräume und Identitätsprobleme der Frauen im Nationalsozialismus am Beispiel der "Führerin aller deutschen Frauen" (= Politische Soziologie; Bd. 20), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2005, 283 S., ISBN 978-3-8258-8376-8, EUR 26,90
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Rezension von:
Nicole Kramer
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Nicole Kramer: Rezension von: Massimiliano Livi: Gertrud Scholtz-Klink: Die Reichsfrauenführerin. Politische Handlungsräume und Identitätsprobleme der Frauen im Nationalsozialismus am Beispiel der "Führerin aller deutschen Frauen", Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8924.html


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Massimiliano Livi: Gertrud Scholtz-Klink: Die Reichsfrauenführerin

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Längst ist die These überwunden, Frauen seien lediglich Opfer des von Männern dominierten NS-Regimes gewesen. Empirische Untersuchungen haben verschiedene Formen weiblicher Beteiligung an der Umsetzung der rassistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des 'Dritten Reiches' aufgezeigt. Eine Neubewertung der Elite der Amtsträgerinnen und ihrer Stellung im nationalsozialistischen Machtapparat steht jedoch noch aus. Selbst über eine ihrer wichtigsten Vertreterinnen, Gertrud Scholtz-Klink, fehlte bis vor kurzem eine umfassende biografische Studie, die sich kritisch mit der althergebrachten These von der mäßig intelligenten, politisch unbedeutenden und von männlichen Funktionären abhängigen Leiterin der NS-Frauenorganisationen auseinandergesetzt hätte. Massimiliano Livi versucht, diese historiografische Marginalisierung mit seiner Dissertation zu durchbrechen und wagt sich erstmals an eine politische Biografie der "Reichsfrauenführerin", so der offizielle Titel Scholtz-Klinks seit November 1934. Livi untersucht ihr politisches Handeln und Denken und fragt nach ihrer Rolle im NS-System. Ihm geht es dabei darum, am Beispiel Scholtz-Klinks die Formung einer nationalsozialistischen Frauenidentität nachzuvollziehen.

Im ersten Teil der Studie wird der Werdegang der 1902 im badischen Adelsheim geborenen Scholtz-Klink nachgezeichnet. Kindheit, Jugend und Familienleben bleiben nach wie vor weitgehend im Dunkeln, da sich Livi vor allem auf ihre politische Karriere zwischen 1930 bis 1945 konzentriert. Der Autor unterteilt diese in drei Phasen: Seit 1930 für die NSDAP als Rednerin und Gaufrauenschaftsleiterin tätig, blieb ihr Wirken zunächst auf Baden und Hessen beschränkt. Erst ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtübernahme gelang ihr der Ausbruch aus der Provinz, als sie die Leitung der NS-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerks übernahm. 1936 hatte sie ihre Position schließlich gefestigt und ihren Kompetenzbereich auf das Frauenamt der Deutschen Arbeitsfront, das Deutsche Rote Kreuz und die Akademie für Deutsches Recht ausgedehnt. Unter ihrer Leitung entwickelte sich die Reichsfrauenführung zu einem eigenständigen, rein weiblichen Apparat, der 1936 bereits 170 Mitarbeiterinnen umfasste, darunter eine große Zahl von Akademikerinnen. Wo auch immer Fragen besprochen wurden, die Frauen betrafen, meldete sich Scholtz-Klink zu Wort und wurde als begabte Rednerin häufig eingeladen. Dabei erfährt der Leser leider wenig Neues über ihre politische Biografie. Wo es sinnvoll gewesen wäre, ihr persönliches und politisches Umfeld - beispielsweise die Gruppe ihrer Mitarbeiterinnen - näher zu charakterisieren, verliert sich die Darstellung in Details und bleibt dadurch an der Oberfläche.

Im zweiten Teil der Dissertation folgt eine Analyse der Reden und Schriften Scholtz-Klinks. Der Quellenkorpus umfasst etwa 100 Texte aus den Jahren 1931 bis 1944, wobei es sich fast ausschließlich um publizierte Dokumente handelt, während Archivalien kaum herangezogen wurden. Die Inhalte kreisen um das Thema Rolle und Aufgabe der Frau in der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft" als Mutter und Ehefrau ebenso wie im Arbeitsleben, im nationalsozialistischen Parteiapparat oder unter den besonderen Bedingungen des Zweiten Weltkriegs. Ihre Äußerungen lassen das Handlungsprinzip eines "völkischen Feminismus" erkennen, der das Wohl des Volkes zu einem Hauptinteresse der Frauen macht und umgekehrt. Solche Fragen verfolgt Livi jedoch nicht; er bleibt auf der Ebene der bloßen Beschreibung des Inhalts seiner Quellen stehen. Die Beschränkung auf einige wenige zentrale Texte und deren Einbettung in die jeweilige Rede- und Entstehungssituation hätte sicherlich weitergehende Einblicke erlaubt, zumal es dadurch möglich gewesen wäre, die Analyse der Reden und Schriften in die Rekonstruktion der politischen Biografie zu integrieren.

Auch der mit "Bewertungen" betitelte Abschnitt verliert sich zunächst in Einzelheiten, die einordnende Aussagen in den Hintergrund treten lassen. Livi schildert den Lebensweg der "Reichsfrauenführerin" in den ersten Nachkriegsjahren zwischen Illegalität, Internierung und Entnazifizierung. Eine Beteiligung an konkreten Verbrechen konnte Gertrud Scholtz-Klink nicht nachgewiesen werden, und die Spruchkammer bescheinigte ihr, im 'Dritten Reich' vor allem in sozial-karitativer Weise tätig gewesen zu sein. Dennoch wurde sie als "Hauptschuldige" eingestuft und schließlich 1950 zu einer Strafe von 30 Monaten Arbeitslager sowie dem Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Einen Lernprozess lösten anscheinend weder das katastrophale Ende des 'Dritten Reiches' noch die politische Säuberung aus. Die höchste weibliche NS-Funktionärin war zu keiner Zeit bereit, ihre Tätigkeit vor 1945 kritisch zu reflektieren und hielt weiterhin an den Ideen des Nationalsozialismus fest.

Am Ende seiner Studie zieht Livi folgendes Fazit: Gertrud Scholtz-Klink habe als überzeugte Nationalsozialistin die NS-Gesellschaftspolitik mitgestaltet und sei daher immer mehr als nur eine Schreibtischtäterin gewesen. Er sieht in ihr die kühl kalkulierende Politikerin, die es verstanden habe, die Nationalsozialistische Frauenschaft und das Deutsche Frauenwerk zur Behauptung ihrer Position im Machtgefüge des NS-Staates zu nutzen, jedoch mit dem Versuch gescheitert sei, eine nationalsozialistische Frauenidentität zu formen. Dieses Ergebnis geht deutlich an der ursprünglichen Fragestellung vorbei, die auf das Selbstverständnis Scholtz-Klinks und nicht auf ein von ihr betriebenes politisches Programm zielt. Allgemein ist festzustellen, dass Livi dem in der Einleitung formulierten ambitionierten Forschungsprogramm nicht gerecht wird. Seine Studie trägt nur wenig dazu bei, das Wissen über die Elite der nationalsozialistischen Amtsträgerinnen zu vermehren. Livi hat zwar die richtigen Fragen gestellt, die Antworten darauf ist er jedoch über weite Strecken schuldig geblieben.

Nicole Kramer