Rezension über:

Derek Beales: Enlightenment and Reform in Eighteenth-century Europe, London / New York: I.B.Tauris 2005, VIII + 326 S., ISBN 978-1-86064-950-9, GBP 16,95
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Rezension von:
Reinhard Stauber
Institut für Geschichte, Alpen-Adria-Universität, Klagenfurt
Redaktionelle Betreuung:
Holger Zaunstöck
Empfohlene Zitierweise:
Reinhard Stauber: Rezension von: Derek Beales: Enlightenment and Reform in Eighteenth-century Europe, London / New York: I.B.Tauris 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8825.html


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Derek Beales: Enlightenment and Reform in Eighteenth-century Europe

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Derek Beales, Emeritus für "Modern History" an der Universität Cambridge, gehört mit Timothy Blanning, Peter Dickson und Robert Evans zu den herausragenden angelsächsischen Kennern der frühneuzeitlichen Geschichte der Habsburger-Monarchie - dafür steht vor allem der erste, in der Darstellung bis 1780 reichende Band seiner Biographie Josephs II. [1]; zuletzt hat er eine eingehende kulturgeschichtliche Studie zu den europäischen Klöstern im Zeitalter der Aufklärung vorgelegt. [2]

Der vorliegende Band versammelt, in teilweise überarbeiteter Form und ergänzt um eine kurze Bibliographie und ein Register, zwölf Aufsätze von Beales. Die Daten der Erstpublikation umspannen drei Jahrzehnte (1975-2006), eine Studie, über die Aufhebung des Jesuitenordens in Österreich 1773, ist hier zum ersten Mal veröffentlicht. Text 12, über "Joseph II and Josephism", der 2002 zuerst auf deutsch erschien [3], ist hier im englischen Original abgedruckt.

Fast alle hier nochmals im Zusammenhang lesbaren, durchweg quellennah geschriebenen Studien haben die österreichische Monarchie des 18. Jahrhunderts zum Thema (darunter ist eine der ersten kompakten Fallstudien zum Sonderfall der "österreichischen Aufklärung" von 1985); eine der beiden Ausnahmen ist eine ausführliche ideengeschichtliche Darstellung des "Enlightened Despotism" für die demnächst erscheinende "Cambridge History of Eighteenth Century Political Thought".

Im Zentrum von Beales' Interesse aber steht erneut die ebenso faszinierende wie widersprüchliche Figur Josephs II., beginnend mit dem maßstabsetzenden kritischen Aufsatz "The False Joseph II" von 1975, in dem Beales eine Sammlung von 1790 gedruckten und offensichtlich großteils von dem Publizisten Joseph Grossing erfundenen, angeblichen Briefen des Kaisers untersucht. Die hier analysierten Tendenzen (Joseph als philosophischer Freigeist; radikaler Antiaristokratismus und noch radikalerer Antiklerikalismus; Missachtung vor allem der Rechte der Krone Ungarns) sollten freilich bis in wissenschaftliche Biographien des 20. Jahrhunderts fortwirken. Neu abgedruckt sind außerdem die Studie von 1980 zur ersten großen Staats-Denkschrift des 22jährigen Joseph, den "Rêveries" von 1763 (mit dem Text in englischer Übersetzung als Anhang) und eine Reihe von Ausarbeitungen aus den 1790er-Jahren über Franz Stephan und Joseph als Mitregenten Maria Theresias, die josephinische Klosterpolitik und den Besuch von Papst Pius VI. in Wien 1782. Die 1991 gestellte Frage "Was Joseph II an Enlightened Despot ?" wird vom Autor mit einem entschiedenen "Ja" beantwortet; für Beales ist Joseph der radikalste - und deswegen in vieler Hinsicht scheiternde - der monarchischen Reformer des 18. Jahrhunderts.

Besonders gut ins Mozart-Jahr 2006 passt schließlich die schöne Studie zu "Mozart and the Habsburgs" von 1992, in der Beales sich, in konsequentem Rekurs auf die Quellen, mit einigen der Zerrbilder auseinander setzt, die Peter Shaffers "Amadeus"-Film von 1984 in Umlauf gesetzt hat und die die tiefe Bewunderung herausstellt, die Joseph für Mozarts musikalisches Genie hegte. Deswegen ernannte er ihn, nach dem Tod Glucks, 1787 auf den mit 800 Gulden zwar nicht üppig dotierten, aber mit keinen konkreten Verpflichtungen verbundenen Posten eines kaiserlichen Kammer-Kompositors.

Beales liefert mit dem vorliegenden Band, der in jedem seiner Beiträge eine Fülle älterer und entlegener Literatur in deutscher Sprache und nicht selten auch Archivmaterial verarbeitet, eine Fülle wichtiger Vorstudien zum zweiten, die selbständige Regierungszeit 1780-1790 umfassenden Band seiner Biographie Josephs II., dessen Fertigstellung man mit Spannung und mit der Gewissheit entgegen sieht, dass hier ein weiteres Grundlagenwerk zur europäischen Geschichte des späten 18. Jahrhunderts vorgelegt werden wird.


Anmerkungen:

[1] Derek Beales: Joseph II, Bd. 1: In the shadow of Maria Theresia 1741-1780, Cambridge 1987.

[2] Derek Beales: Prosperity and plunder. European Catholic monasteries in the age of revolution 1650-1815, Cambridge 2003.

[3] Derek Beales: Joseph. II. und der Josephinismus, in: Helmut Reinalter / Harm Klueting (Hg.): Der aufgeklärte Absolutismus im europäischen Vergleich, Wien / Köln / Weimar 2002, 35-54.

Reinhard Stauber