Rezension über:

Joseph Roisman: The Rhetoric of Manhood. Masculinity in the Attic Orators, Berkeley: University of California Press 2005, xiv + 283 S., ISBN 978-0-520-24192-3, GBP 32,50
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Rezension von:
Karen Piepenbrink
Seminar für Alte Geschichte, Universität Mannheim
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Karen Piepenbrink: Rezension von: Joseph Roisman: The Rhetoric of Manhood. Masculinity in the Attic Orators, Berkeley: University of California Press 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8471.html


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Joseph Roisman: The Rhetoric of Manhood

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Im Unterschied zu den Rollen der Frau in der attischen Demokratie sind die des athenischen Mannes bislang kaum untersucht worden. Dieses Desiderat füllt die vorliegende Monografie in überzeugender Weise. Als Quellengrundlage wählt Roisman die attische Rhetorik des 4. Jahrhunderts, die uns einen guten Einblick in die Lebenswelt der Athener und speziell auch die öffentliche Kommunikation ihrer männlichen Bürger gibt. Das Thema der Arbeit ist die Perzeption von 'Männlichkeit' ('manhood' oder 'masculinity' - die beiden Begriffe werden synonym verwendet) und deren Niederschlag in den erhaltenen Reden. Dabei geht es Roisman nicht nur darum zu betrachten, wie männlich in Relation zu weiblich definiert wird. Er fasst die Thematik vielmehr sehr viel weiter, indem er sämtliche Verhaltenserwartungen studiert, die in der Rhetorik in Bezug auf männliche athenische Bürger formuliert werden.

Im ersten Kapitel skizziert Roisman die zeitgenössische Auseinandersetzung mit der männlichen Jugend. Er streicht heraus, dass die diesbezüglichen Vorstellungen und Erwartungen der Athener komplex waren: Zum einen besteht die Annahme, dass junge Männer sich durch einen Mangel an Selbstkontrolle auszeichneten, aggressive Verhaltensmuster zeigten und nicht selten gegen die Normen verstießen, an denen sich athenische Bürger orientieren sollten. Dies wird im Wesentlichen als Faktum akzeptiert. Zum anderen wird deutlich gemacht, dass seitens der Athener bereits von jungen Männern gefordert wurde, sich in gleicher Weise wie ältere in die Bürgerschaft zu integrieren. Abweichendes Verhalten konnte als Bedrohung begriffen werden. In dem Zusammenhang wurden entsprechende positive und negative Stereotypen entwickelt, mit denen die Redner je nach Bedarf operierten.

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Roisman mit den Rollen und Verantwortlichkeiten, die für erwachsene Männer zur Sprache gebracht wurden. Hier ergibt sich, dass männliche athenische Bürger verschiedenste Rollen zu erfüllen hatten: Sie waren Vorstehende (kyrioi) ihres Oikos, Ehemänner und Väter, hatten außerdem Verpflichtungen gegenüber Verwandten sowie Freunden und waren schließlich Polisbürger. Dabei konnte es zu diversen Konflikten kommen, wobei es am schwierigsten schien, die Verantwortung gegenüber dem Haus mit der Rolle als Bürger der Stadt in Einklang zu bringen. Der Athener musste nach Roisman situativ darüber befinden, welches Verhalten angemessen war.

Im dritten Kapitel steht die Scham (aischyne) im Vordergrund, die neben der Ehre in einer Schamkultur wie der athenischen eine große Rolle bei der Konzeption von Männlichkeit spielte. Das Postulat der Scham fungierte, wie Roisman zeigt, insbesondere als Instrument der sozialen Kontrolle. Allerdings begegnen auch in diesem Kontext differierende Vorstellungen: Teils wurde von Männern verlangt, dass sie sich durch Selbstbeherrschung auszeichneten, teils wurde gar aggressives Verhalten gebilligt. Letzteres galt besonders in Fällen, wo sich Männer in ihrer Ehre durch Übergriffe anderer verletzt sahen. Eine moderate Reaktion hierauf bestand darin, sich an ein Gericht zu wenden; als Alternative wurde die Selbsthilfe bezeichnet. Welches Vorgehen angemessen war, hatte der Einzelne wiederum je nach Situation zu entscheiden.

Im vierten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und sozialem Ansehen in den Blick genommen. Roisman betont hier besonders, dass die Athener Männlichkeit nicht vorrangig mit sozialem Status konnektierten, sondern eher mit dem Charakter des einzelnen Mannes, sodass prinzipiell jeder Athener die Möglichkeit hatte, sich als Mann wie als guter Bürger zu bewähren. Die Angehörigen der sozialen Elite wurden zum Teil gar als unmännlich betrachtet, indem sie sich - so die Beobachtung - unbeherrscht und egozentrisch gerierten und sich nicht in ausreichendem Maße in die Bürgerschaft integrierten. Daneben fand sich aber auch die Auffassung, dass gerade diese Personen männlicher seien als die Menge. Damit korrespondiert die Vorstellung, dass geringes Vermögen und niedriger sozialer Status mit einem Defizit an Männlichkeit gleichgesetzt wurden. Dabei denkt man besonders daran, dass ein Mangel an finanziellen Ressourcen zur Folge hatte, dass der eigene Mut nicht genügend präsentiert und die Ehre nicht hinreichend verteidigt werden konnte. Dies konnte sowohl die konkrete Tat wie auch das Reden vor Gericht betreffen. Letzterem stand allerdings die Überzeugung entgegen, dass im attischen Gerichtswesen jeder Bürger die Möglichkeit hatte, Gerechtigkeit zu erlangen.

Im fünften Kapitel wird der Komplex 'Männer und Militär' behandelt. Hier wird hervorgehoben, dass sämtliche Männer jungen und mittleren Alters, die in der Lage waren, den Kriegsdienst zu leisten, in diesem Bereich die Möglichkeit hatten, sich als tapfer, selbstbeherrscht, diszipliniert und loyal gegenüber den Mitsoldaten wie dem Staat zu erweisen. Auf diese Weise konnten sie für sich selbst, ihre Familie und die Stadt Ehre erlangen. Roisman geht an der Stelle so weit, im Hopliten das Modell für den athenischen Mann überhaupt zu sehen.

Im sechsten Kapitel wird herausgearbeitet, dass das Streben nach Macht in der Perzeption der Athener eines der zentralen Kriterien für Männlichkeit darstellte. Zugleich aber werden dazu Bedenken geäußert: Dies wird bei den Rednern besonders deutlich, wenn sie für die eigene Person hervorhoben, ihre Macht keineswegs zu missbrauchen, sondern sie zu Gunsten der Stadt einzusetzen. Gegenteiliges Verhalten charakterisierten sie als unmännlich. In dem Zusammenhang verdeutlicht Roisman auch, dass die Beschäftigung mit Werten, die in Bezug zu männlichen athenischen Bürger gesetzt wurden, wie auch die Wahrnehmung von Männlichkeit in der Kommunikation zwischen Rednern und Demos eine wichtige Rolle spielten. Dies zeigte sich nicht zuletzt darin, dass ein Redner, der den Demos zu politischer Aktivität motivieren mochte, ihn gezielt als passiv und damit als unmännlich bezeichnete, um ihn zum Widerspruch zu provozieren. In der Auseinandersetzung mit einem Kontrahenten in der Volksversammlung oder vor Gericht präsentierte sich ein Redner selbst als männlich, indem er energisch im Interesse der Polis handelte; seinem Kontrahenten hielt er hingegen Unmännlichkeit vor, die sich darin manifestierte, dass jener vorrangig persönliche Belange verfolge.

Das siebte Kapitel thematisiert das Problem der Selbstkontrolle, der Begierden und deren Bewertung im Hinblick auf Verhaltenserwartungen an Männer. Ungezügeltes Tun, das besonders im Zusammenhang mit Trunkenheit und sexuellen Exzessen zur Sprache gebracht wurde, konnte als Gefahr begriffen werden. Es wurde mit unzureichender Männlichkeit in Verbindung gebracht. Bei jungen Männern bewertete man solches Handeln allerdings ambivalent. Kritisch gewürdigt wurde übermäßiges Streben nach Besitz, das nicht selten mit Normverstößen einherging. Angesichts dessen wurde gern für Selbstbeherrschung (sophrosyne) geworben. Allerdings konnte diese Norm auch anders interpretiert werden: Sie ließ sich ebenfalls mit allzu großer Passivität in Verbindung bringen, die bei einem Bürger unerwünscht war und als unmännlich angesehen wurde.

Im achten Kaptitel schließlich wird die Furcht ins Visier genommen. Diese wurde von den Rednern im Hinblick auf Männer positiv konnotiert, insofern sie von Fehlverhalten abhalten konnte. Die Furcht, die mit der Sorge um die politische Ordnung einherging, galt als konstruktiv. Ansonsten wurde es als männlich bezeichnet, Furcht zu überwinden.

In der Zusammenfassung kommt Roisman noch einmal auf das Phänomen des Alters zu sprechen. Er macht deutlich, dass alte Männer sehr unterschiedlich beurteilt wurden. Sie konnten aufgrund körperlicher Schwächen als unmännlich begriffen werden. Der Umstand, dass es ihnen zumeist leichter fiel, sich zu mäßigen, wurde nicht auf besondere Willensstärke, sondern eher auf physische Schwäche zurückgeführt. Sie galten zum Teil als selbstsüchtig, weil sie nicht mehr als Soldaten für die Stadt kämpften. Auf der anderen Seite wurde die Fürsorgepflicht speziell gegenüber den alten Eltern angemahnt und in dem Zusammenhang Respekt vor alten Männern wie Frauen gefordert. Schließlich konnten ältere Männer als Personen charakterisiert werden, die durch besondere Autorität und Weisheit gekennzeichnet waren.

Insgesamt hebt Roisman hervor, dass athenische Männer eine Reihe von Rollen zu erfüllen und sich dabei divergierenden, teilweise konfligierenden Verhaltenserwartungen zu stellen hatten. Verbindliche Regeln, wie bei Normenkollisionen zu verfahren war, gab es nach Roisman kaum. Entsprechend war ein Diskurs über die Thematik notwendig, der aber keine generellen Lösungen herbeiführte, sondern jeweils nur die aktuelle Situation zu bewältigen suchte.

Das Buch gewährt einen ausgezeichneten Einblick in die Komplexität der Normen, mit denen männliche athenische Bürger konfrontiert waren, und die Vielfalt der Konflikte, die sich daraus ergeben konnten, dass die Bürger mehreren Bezugskreisen angehörten, die in keiner eindeutigen Relation standen und potenziell gegensätzliches Tun postulierten. Man könnte sich gleichwohl wünschen, dass Roisman noch dezidierter herausgearbeitet hätte, welche Haltungen und Verhaltensweisen von den Athenern explizit als männlich konnotiert wurden, um genauere Hinweise darauf zu erhalten, wie Männlichkeit - auch im Verhältnis zu Weiblichkeit - konzipiert wurde. Dieser Aspekt des Themas wird zwar immer wieder angesprochen, im Unterschied zur Normenthematik jedoch nicht konsequent eruiert. Des ungeachtet hat Roisman eine exzellente Studie vorgelegt, die uns den athenischen Bürger als Mann näher bringt und überdies deutlich macht, wie fruchtbar die attische Rhetorik für die Untersuchung der politischen und sozialen Diskurse in der attischen Demokratie des 4. Jahrhunderts ist.

Karen Piepenbrink