Rezension über:

Debra Hawhee: Bodily Arts. Rhetoric and Athletics in Ancient Greece, Austin: University of Texas Press 2004, xiv + 226 S., ISBN 978-0-292-70584-5, USD 40,00
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Rezension von:
Johannes Engels
Institut für Altertumskunde, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Engels: Rezension von: Debra Hawhee: Bodily Arts. Rhetoric and Athletics in Ancient Greece, Austin: University of Texas Press 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/8457.html


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Debra Hawhee: Bodily Arts

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Debra Hawhee untersucht die "cultural, conceptional, and corporeal connections between the arts of rhetoric and athletics" (4). Als die griechische Rhetorik als eine techne im späten 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. entstand, war den frühen Sophisten, Philosophen und Rhetoriklehrern der enge Zusammenhang zwischen sportlichen Übungen und der neuen Redekunst noch vertraut. Frühe Vertreter der Sophistik und Philosophie konnten daher die neue Rhetorik als gymnasia tes psyches bezeichnen. Nicht nur Isokrates hat die verwandten Methoden und Konzepte des gymnastischen Trainings und der Schulung zu seiner politike philosophia deutlich hervorgehoben (Antidosisrede, or. 15, 180-183). Auch die klassische griechische Rhetorik zeigt sich im öffentlichen Auftreten des Redners als eine "bodily art" (Hawhees Titel), sei dies vor der Volksversammlung, vor Gericht oder besonders eindrucksvoll bei den Agonen auf panhellenischen Festspielen oder bei sonstigen epideiktischen Reden. Denn in der actio, der Kunst des Vortrages, spielen die gute körperliche und mentale Verfassung (hexis oder euhexia) des Redners, das eindrucksvolle Auftreten mit der angemessenen Haltung, Gestik und Stimmführung eine entscheidende Rolle. Diese hexis besteht nun in hohem Maße aus körperlichen und antrainierbaren Eigenschaften. Auch Cicero hat dies in De oratore (3,222) anerkannt: "est enim actio quasi sermo corporis." Quintilian legt ebenfalls in der Institutio oratoria auf die körperlichen Aspekte des Auftretens des Redners größten Wert.

Die agonale Mentalität und das Arete-Ideal durchziehen gleichermaßen das physische Training wie die geistig-rhetorische Formung im Laufe der Erziehung der jungen Bürger in der griechischen Polis (Kap. 1, 15-43). Am augenfälligsten wird dieser Zusammenhang in der Ausgestaltung der Ephebie seit dem 4. Jahrhundert. Platon definiert (Sophistes 231e) den Sophisten als einen Athleten in Wortkämpfen. Bereits die frühesten rhetorischen Handbücher und Äußerungen über die Rhetorik, aber auch zahlreiche Stellen aus Reden des 5. und 4. Jahrhunderts verwenden eindrucksvolle Analogien, Metaphern oder Bilder aus der Welt der Gymnastik und Athletik. Interessanterweise werden dabei unter den Sportarten Ringen, Boxen und Wagenrennen bevorzugt. Ich erinnere nur exemplarisch an die Titel zweier rhetorischer Traktate des Sophisten Protagoras, die berühmten Kataballontes logoi (Die niederringenden oder zu Boden werfenden Reden, DK 80 B 1) und seinen weniger bekannten Traktat Peri pales (Über das Ringen, DK 80 A 1 und B 8). Die Progymnasmata, weit verbreitete Einführungslehrbücher in die rhetorische Disziplin erinnerten später bereits in ihrem Titel an die alte Verbindung zwischen Rhetorik und Gymnastik.

Im sportlichen Wettkampf wie im rhetorischen Agon erweisen sich die findungsreiche und flexible metis (Hawhee umschreibt im Kap. 2, 44-64, ihre Bedeutung mit "craftiness", "wily cunning", "intelligent ability") und das unmittelbare Erkennen und Ausnutzen des kairos, der günstigen Gelegenheit (Kap. 3, 65-85, mit der manirierten Überschrift "kairotic bodies"), als siegbringende Schlüsselqualitäten. Sie sind dem Sportler wie dem Rhetor nur zu einem gewissen Grad bereits angeboren. Training und systematische Ausbildung sowie praktische Erfahrung in Agonen und gefährlichen Situationen fördern diese Qualitäten sehr. Den Kairos zu erkennen heißt z. B. im Sport das richtige Timing finden oder den entscheidenden Moment für einen Griff oder Schlag blitzschnell ausnutzen. Dies findet im rhetorischen Agon seine Entsprechung z. B. darin, sofort situativ die Stimmung unter der Jury zu verspüren, Fehler oder eine unverhoffte Schwäche des Gegners aufzuspießen oder siegbringend eine Pointe zu platzieren.

Unter Phusiopoiesis (Kap. 4, 86-108, die Transkription Physiopoiesis wäre vorzuziehen) versteht Hawhee die systematische "creation of a person's nature" (93). Durch sportliches oder rhetorisches Training können erworbene Eigenschaften und Verhaltensweisen sozusagen zur zweiten Natur einer Person werden. Die einzelnen Trainingsmethoden, die den "body-mind complex" (87) systematisch in Form bringen sollen, werden bereits in der griechischen Klassik diskutiert, praktisch erprobt und auch in Traktaten beschrieben. Etwa gleichzeitig mit dem folgenreichen Auftreten der frühen Sophisten Gorgias und Protagoras erscheint z. B. ein hippokratischer Traktat Peri diaites, in dem Regeln für eine systematische Lebensführung und das Training gegeben werden. Die Physiopoiesis gelingt im Idealfall durch das dynamische Zusammenwirken von Schüler und Trainer im Sport bzw. Schüler und Lehrer (Sophist) in der Rhetorik.

Im 5. und 4. Jahrhundert bildet das Gymnasion (die Palaistra) den zentralen Ort des körperlichen Trainings und der rhetorisch-bürgerlichen Erziehung der jungen Politen (Kap. 5 und 6, 109-161). Hier ergab sich ein "specific syncretism between athletics and rhetoric, a particular crossover in pedagogical practises and learning styles, a crossover that contributed to the development of rhetoric as a bodily art" (111). Die rhetorisch-philosophischen Vorträge und andere dialogische Unterrichtsformen fanden häufig innerhalb der Gymnasienanlagen statt. [1] Es bestand daher eine enge räumliche Nähe zwischen dem körperlichen Training und der rhetorischen Ausbildung. Darüber hinaus entlehnten die frühen Rhetoren und Sophisten für ihre Zwecke wichtige pädagogische Konzepte und Methoden aus dem gymnastischen Training und adaptierten sie. Es entstand "a style of training grounded in imitation and based on what I'm calling the three Rs of sophistic pedagogy - rhythm, repetition, and response" (135). Die griechische Klassik war von der späteren einseitigen Intellektualisierung der grammatisch-rhetorischen Ausbildung noch weit entfernt.

Athletik und Rhetorik als "bodily arts of honor production" (162) trafen bei den großen panhellenischen Agonen augenfällig zusammen (Kap. 7, 162-187). Anregung zu weiteren Überlegungen scheint mir eine von Hawhee (171 und 187) zitierte Bemerkung des Demosthenes (Epitaphios, or. 60, 14) zu bieten, dass der Athlet bei einem Agon das Publikum bereits durch die glanzvolle Demonstration seiner körperlichen Überlegenheit gewinnen könne, während der Redner eine anspruchsvollere Aufgabe zu erfüllen habe, weil er für seinen Erfolg im Agon die wohlwollende Konzentration und aktive gedankliche Partizipation seiner Zuhörer benötige. Die Untersuchung Hawhees ist allen Lesern zu empfehlen, die sich für die Wechselbezüge zwischen der antiken Athletik und Rhetorik interessieren. Der Wert der Monografie liegt mehr in dieser interessanten Perspektive als in neuen Erkenntnissen für Spezialisten beider Bereiche.


Anmerkung:

[1] Siehe ergänzend zu der bei Hawhee genannten Literatur: Daniel Kah / Peter Scholz (Hg.): Das hellenistische Gymnasion (= Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel; Bd. 8), Berlin 2004. Hawhee würdigt ausführlich die Darlegungen Vitruvs in De architectura zur idealen baulichen Anlage eines Gymnasiums. Allerdings schrieb Vitruv keineswegs "from the vantage point of late antiquity" (116), sondern sein Traktat stammt aus dem Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. In das Literaturverzeichnis sind fast ausschließlich englischsprachige Titel aufgenommen worden. Dies verzerrt jedoch den Forschungsstand zur Rhetorik und Sophistik des 5. und 4. Jahrhunderts.

Johannes Engels