Rezension über:

John Y. Wong: Deadly Dreams. Opium, Imperialism and the Arrow War (1856-1860) in China (= Cambridge Studies in Chinese History, Literature and Institutions), Cambridge: Cambridge University Press 2002, XXX + 542 S., 60 tables, 19 fig., ISBN 978-0-521-52619-7, GBP 35,00
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Rezension von:
Cord Eberspächer
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Cord Eberspächer: Rezension von: John Y. Wong: Deadly Dreams. Opium, Imperialism and the Arrow War (1856-1860) in China, Cambridge: Cambridge University Press 2002, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/7982.html


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John Y. Wong: Deadly Dreams

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Die Opiumkriege waren ein deutlicher und folgenreicher Einschnitt in den Beziehungen zwischen China und dem Westen. Sie markieren in der chinesischen Geschichtsschreibung den Beginn der neuzeitlichen Geschichte. Dabei war der erste Opiumkrieg (1839-42) zwar ein wichtiger erster Schritt, erst der Zweite Opiumkrieg etablierte aber das Vertragssystem, das die Präsenz der westlichen Mächte bis in den Zweiten Weltkrieg hinein bestimmen sollte. Anlass für diesen Krieg, der eigentlich zwei aufeinander folgende Auseinandersetzungen bezeichnet, war die Durchsuchung der Lorcha "Arrow" durch die chinesischen Behörden. Da die "Arrow" in Hongkong registriert war und unter britischer Flagge fuhr, sahen die britischen Vertreter hierin eine Provokation und leiteten den Beginn der Feindseligkeiten ein.

Dass auch bei einem so prominenten Ereignis wie dem Zweiten Opiumkrieg durchaus noch Forschungsbedarf offen bleibt, demonstriert John Y. Wong in seinem Band "Deadly Dreams" eindrucksvoll. Wong konzentriert sich in seiner Untersuchung darauf, den Ablauf der Ereignisse, die Entstehung des "Arrow-Krieges" und seine diplomatischen und ökonomischen Hintergründe zu analysieren. Der Autor seziert einzelne Bereiche wie die Entstehung bzw. Inszenierung des Krieges und die Debatte über die Chinapolitik in England und legt Motivationen und Hintergründe der Protagonisten offen. Methodisch hat das Werk Bezüge zu Clifford Geertz' dichter Beschreibung.

Im Kern der Untersuchung geht es Wong um die Frage der Einordnung des Zweiten Opiumkriegs und der Funktionsweise des britischen Imperialismus gegenüber China. Die Untersuchung ist in vier Komplexe gegliedert: Die Personen, die Rhetorik, der Mechanismus und die Ökonomie des Zweiten Opiumkriegs. Ausgangspunkt ist der Anlass für den Beginn des Krieges. Dieser Anlass war letztendlich das Niederholen der englischen Flagge auf der Lorcha "Arrow". Wong verwendet auf dieses Ereignis akribische Aufmerksamkeit und zeigt überzeugend, wie der englische Konsul Harry Parkes den Kriegsanlass praktisch aus dem Nichts inszenierte.

Im folgenden Abschnitt wendet sich Wong den Protagonisten der ersten Phase des Krieges zu. Er analysiert die Persönlichkeiten und die Handlungen von Parkes und dem Bevollmächtigten für Hongkong, Sir John Bowring, auf englischer Seite, und ihres Gegenspielers, Generalgouverneur Ye Mingchen. Wong macht deutlich, dass neben dem Pflichtbewusstsein der britischen Seite, die Interessen Britannias gegenüber dem Reich der Mitte zu vertreten, auch sehr persönliche Motive wie gekränkter Stolz und Ehrgeiz eine Rolle spielten. Dabei ist bemerkenswert, wie groß der Einfluss dieser "men-on-the-spot" auf den anfänglichen Gang der Ereignisse gewesen ist.

Auf die Betrachtung der Protagonisten vor Ort folgt die Analyse des englischen Diskurses, der Rhetorik des Imperialismus. Wong geht den Debatten nach, die in Presse und Parlament geführt wurden. Die Ansichten über das Verhalten der Chinesen und die Berechtigung der britischen Reaktion waren keineswegs eindeutig. Ob der Anlass für den Krieg überhaupt stichhaltig gewesen und ob die Art und Weise, britischen Handel gerade mit Opium zu sichern, zu rechtfertigen sei, stieß gerade bei liberalen Parlamentariern auf Zweifel. Deutlich wird aus den Berichten der Presse und den Auseinandersetzungen im House of Lords und House of Commons aber der Stellenwert des Tees für den britischen Staatshaushalt, des Opiums für den indischen und schließlich des Chinahandels insgesamt für den britischen Welthandel. Wong bezieht in seine Betrachtung auch die Aktivitäten der verschiedenen Interessengruppen ein, die versuchten, die Chinapolitik der Regierung Palmerston in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Den Mechanismus des Imperialismus leuchtet Wong weiter aus. Dabei wird deutlich, dass die britische Regierung den Krieg bereits diplomatisch vorbereitet hatte, bevor der Zwischenfall mit der "Arrow" überhaupt in London bekannt wurde. Dieses Kapitel steht in engem Zusammenhang mit dem folgenden Abschnitt über die Ökonomie des Imperialismus, in dem Wong die wirtschaftlichen Verhältnisse auf britischer Seite darlegt. Die Analyse des Handels zwischen Indien, China und Großbritannien bildet einen interessanten Hintergrund zu den Motiven von Regierung, Parlamentariern und Lobbyisten. Je größer der Fokus wird, desto kleiner erscheint schließlich der anfangs so wichtig erscheinende Zwischenfall mit der Lorcha "Arrow". Wong kann abschließend herausstellen, dass zu dem Zeitpunkt, als Parkes und Bowring den Zwischenfall zum Casus Belli ausbauten, die Weichen in London bereits längst auf eine militärische Konfontation mit China gestellt waren.

"Deadly Dreams" ist eine konsequente Fortsetzung früherer Forschungen des Autors über Generalgouverneur Ye und das Schicksal der Akten seines Yamens aus der Zeit des Opiumkriegs. Wong hat an dem Thema viele Jahre gearbeitet und in dieser Zeit umfassend recherchiert. Er nutzt sowohl britische wie chinesische Quellen und hat zusätzlich in Frankreich und den USA geforscht. Obwohl zum Thema bereits eine beachtliche Menge an Literatur sowohl von britischer wie chinesischer Seite vorhanden ist, gelingt es Wong, mit dem vorliegenden Werk neue Aspekte aufzuzeigen. Dazu trägt nicht zuletzt bei, dass sich die Untersuchung in vieler Hinsicht in den gerade in jüngster Zeit so viel diskutierten Ansatz der transnationalen Geschichte einordnen lässt - ohne dass der Autor explizit darauf Bezug nimmt. Der fruchtbare Ansatz wie die dichte, quellengesättigte Darstellung machen den Band zu einer anregenden Lektüre. Interessant ist die Studie weniger als Darstellung des Zweiten Opiumkriegs, sondern eher als Analyse der Funktionsweise des Imperialismus in den vielfachen Wechselbeziehungen zwischen China und dem Westen.

Cord Eberspächer