Rezension über:

Stefan-Ludwig Hoffmann: Geselligkeit und Demokratie. Vereine und zivile Gesellschaft im transnationalen Vergleich 1750-1914 (= Synthesen. Probleme europäischer Geschichte; Bd. 1), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, 144 S., ISBN 978-3-525-36800-8, EUR 19,90
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Rezension von:
Andreas Schulz
Historisches Seminar, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Nikolaus Buschmann
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Schulz: Rezension von: Stefan-Ludwig Hoffmann: Geselligkeit und Demokratie. Vereine und zivile Gesellschaft im transnationalen Vergleich 1750-1914, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/7833.html


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Stefan-Ludwig Hoffmann: Geselligkeit und Demokratie

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"Geselligkeit und Demokratie" bildet den Auftaktband einer "Synthesen" genannten Reihe "problemorientierter Einführungen in zentrale Probleme der europäischen Geschichte". Wie viele andere neue Verlagsprojekte der jüngsten Zeit wendet sich "Synthesen" vor allem an Studierende der Geschichtswissenschaften. Hoffmanns schmales Büchlein liefert eine exzellente Überblicksdarstellung der Entstehung, Struktur und Bedeutung der Vereins- und Geselligkeitskultur in Europa von der Aufklärung bis an die Schwelle des Ersten Weltkriegs. Grundthema ist der bereits von Tocqueville analysierte, von Hoffmann als Leitfaden der Interpretation aufgenommene Zusammenhang von Demokratie und (Vereins-)Geselligkeit. Mit kritischer Sympathie für die Demokratietheorie des französischen Adligen wird die universale Verbreitung und erstaunliche Vielfalt einer sozialen Praxis untersucht, die Hoffmann als Schule der Demokratie bezeichnet.

In der Einleitung und einem knappen Forschungsteil wird die Debatte über die historischen Grundlagen von Demokratie und Zivilgesellschaft zum Anlass genommen, die aktuelle Bedeutung des Themas vor Augen zu führen. In ihr schwingt oft der gegenwartskritische Appell mit, sich klassischer republikanischer Tugenden bürgerschaftlichen Engagements zu besinnen. In seinem historischen Längsschnitt betrachtet Hoffmann gesellschaftliche Institutionen des 18. und 19. Jahrhunderts, die ganz ohne Zweifel sehr eng an die Ordnungsvorstellungen und kulturelle Hegemonie des Bürgertums geknüpft waren. Insofern handelt seine Geschichte der Entfaltung und des moralischen Niedergangs ("Bedeutungsverlust") der Geselligkeitskultur auch vom Scheitern bürgerlicher Sozialutopien.

Hoffmann rekonstruiert in vier chronologisch und systematisch gegliederten Kapiteln die "wildwüchsige Ausweitung des Assoziationswesens in alle Schichten der Gesellschaft hinein" (92). Im strukturellen Vergleich tritt die bis tief in die Provinz der europäischen Gesellschaften ausstrahlende Geselligkeit der "Praktiker der Bürgergesellschaft" als klassenübergreifende Kulturform deutlich hervor. Trotz der Vielfalt der Organisationsformen und der durch den Staat gesetzten rechtlichen Beschränkungen lassen sich eindeutig zentrale Elemente einer gemeinsamen europäisch-atlantischen Geselligkeitskultur definieren - diese Synthese ist allein schon die Lektüre des Bandes wert. Dank einer stupenden Kenntnis des internationalen Forschungsstands werden gängige Lehrmeinungen über ein vermeintliches West-Ost-Kulturgefälle bürgerlicher Kultur relativiert. Offenbar konnten sich die geselligen Praktiken selbst unter dem autoritären Regiment der russischen Zaren oder in den kleinstädtisch-bäuerlichen Milieus Ostmitteleuropas ungehemmt entfalten.

Hoffmann stellt den Erkenntnisstand über die sociabilité auch dort, wo er lediglich Bekanntes bestätigt, auf eine breite empirische Vergleichsbasis. Er beschreibt drei Basisprozesse geselliger Kulturpraxis, die sich in drei großen Wellen - Aufklärung, 1830/40er-Jahre, 1860/1870er-Jahre - Bahn brachen: die sukzessive Verbreitung der Vereinskultur im transnationalen Raum Europas, Nordamerikas und mit Verzögerung in den Kolonialgesellschaften; die soziale Demokratisierung der anfangs bürgerlich-elitär geprägten Vereinskultur; die zunehmende Politisierung und Partikularisierung der Vereinszwecke. Massenkultur und Totalitarismus führten schließlich, so der Ausblick, zum Bedeutungsverlust und zur Krise der "geselligen Gesellschaften" im 20. Jahrhundert. Erst in jüngster Zeit erleben die Kulturpraktiken des geselligen Jahrhunderts eine Renaissance in den von Robert D. Putnam und anderen angestoßenen Debatten über Kommunitarismus und Zivilgesellschaft.

Zwischen den großen Linien, die Hoffmann zieht, bleibt genügend Raum für Diskussionsstoff. Zum Beispiel gibt die Bewertung des politisch-moralischen Führungsanspruchs der Praktiker der Bürgergesellschaft Anlass zur Kritik. Das Begriffsarsenal der Gemeinwohlrhetorik und ihre sozialharmonische Vorstellungswelt sollte stärker im Kontext konkreter Problemstellungen und Konflikte in den lokalen Bürgergesellschaften gelesen werden. Die Tugendpropaganda der Vereinseliten diente weit mehr der ideologischen Absicherung bürgerlicher Machtpositionen, als es zuweilen den Anschein hat. Gerade die von Hoffmann präsentierte Auswahl geselliger Veranstaltungen (Freimaurerlogen, Lesekabinette, Patriotische und Gemeinnützige Vereine) wurde von der lokalen Honoratiorenschaft frequentiert, die sich als Stellvertreter des Gemeinwohls gerierten. Die große Masse der Kultur-, Bildungs- und Sportvereine dagegen, die hier insgesamt gegenüber den selbst ernannten Tugendeliten etwas zu kurz kommen, widmeten sich konkreten Zwecken. Ihre Aktivitäten zielten auf praktische Reformen und soziale Problemlösungen, weniger auf moralische Verbesserungen. Das Veränderungs- und Reformpotenzial dieser Zweckvereine und die von ihnen geschaffene kulturelle Infrastruktur stehen leider etwas im Schatten des von Hoffmann kontinuierlich verfolgten allgemeinen Fortschritts- und Tugenddiskurses.

Um 1900 häuften sich die Klagen über den Verfall des Gemeinsinns, was Hoffmann mit der fortschreitenden Partikularisierung gesellschaftlicher Interessen erklärt. In den multiethnischen Territorien der ostmitteleuropäischen Monarchien hätte zudem die Nationsbildung den auf Einheit und Interessenausgleich gründenden Geselligkeitspraktiken allgemein entgegengewirkt. Diese Prozesse brachten reale Einbußen kultureller Hegemonie und politischer Herrschaft des Bürgertums mit sich. Der von Hoffmann konstatierte Bedeutungsverlust der Geselligkeitspraxis reflektiert gewissermaßen dieses bürgerliche Krisengefühl. Ob vergleichbare Entwicklungen in den von Adel und Bürokratie beherrschten Monarchien Osteuropas festzustellen sind, ist fraglich. Zu gering blieb dort der gesellschaftliche Einfluss der Tugendeliten, zu lose geknüpft das soziale Netzwerk geselliger Institutionen. Generell erhebt sich an dieser Stelle die Frage, worauf sich der transnationale Kulturtransfer erstreckte. Wie intensiv war der Ideenaustausch, wie dicht war die Verflechtung geselliger Vereine wirklich? Von Ausnahmen wie den großen Logen oder den Griechenvereinen abgesehen, blieb der Wirkungsradius der Praktiker der Bürgergesellschaft nämlich lokal begrenzt. Als sozialkulturelle Phänomene begegnen uns Vereinigungswut und Geselligkeit im gesamten europäisch-atlantischen Raum, "nach Westen bis San Francisco, nach Osten bis Wladiwostok" (57). Dennoch sind ihre Aktivitäten kaum verbunden und nur in geringem Maße das Ergebnis transnationaler Verflechtungen. Als Organisationsform und Instrument kollektiven Handelns ist der Verein universal verbreitet, den spezifischen Zwecken und seiner sozialen Basis nach jedoch lokal verankert. Insofern findet der Ideen- und Kulturtransfer primär in der analytischen Betrachtung transnational vergleichender Forschung statt. Hoffmanns höchst eindrucksvolle Synthese liefert gleichwohl den Beleg für die gemeinsamen Grundlagen transatlantischer Geselligkeitskultur und ihrer Bedeutung für die Entstehung der Demokratie in Europa.

Andreas Schulz