Rezension über:

Ingeborg Huber (Hg.): Lysias: Reden. Band I. Griechisch und deutsch (= Edition Antike), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004, 256 S., ISBN 978-3-534-18118-6, EUR 29,90
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Rezension von:
Thomas Paulsen
Institut für Klassische Philologie, Goethe-Universität, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Thomas Paulsen: Rezension von: Ingeborg Huber (Hg.): Lysias: Reden. Band I. Griechisch und deutsch, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/7014.html


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Ingeborg Huber (Hg.): Lysias: Reden. Band I

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Mit ihrer zweisprachigen Lysias-Ausgabe (deren zweiter Band mittlerweile auch veröffentlicht ist), erschienen in der verdienstvollen neuen Reihe "Edition Antike" bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, füllt Ingeborg Huber eine lange bestehende Lücke, da die Gerichtsreden dieses bedeutenden Autors mit Ausnahme der Auswahlübersetzung von Ursula Treu (Leipzig 1983) seit mehr als hundert Jahren in keiner deutschsprachigen Ausgabe mehr verfügbar waren. Der erste Band enthält die Reden 1-15 des lysianischen Corpus, die Textbasis bildet die Ausgabe von Umberto Albini (Florenz 1955), an etwa 60 Stellen folgt Huber dem Text der Oxford-Ausgabe von Carl Hude (1912).

Eine mit 17 Seiten knapp geratene, aber sehr informative Einleitung behandelt die Biografie des Lysias, die politische Situation und üblichen Prozessverläufe in Athen gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr., bietet Anmerkungen zu Geldwert und Kaufkraft, den typischen Aufbau einer antiken Gerichtsrede und schließlich eine kurze Inhaltsangabe der in diesem Band enthaltenen Reden mit kurzen Anmerkungen zur Echtheitsfrage im Falle der umstrittenen Reden 2, 6, 8 und 15 - hierzu nur zwei kritische Bemerkungen: Auf Seite IX gibt Huber als Geburtsdatum des Lysias die frühen Fünfzigerjahre des 5. Jahrhunderts v. Chr. an; durchaus in der Diskussion ist nach wie vor der Ansatz auf die Mitte der Vierzigerjahre. Auf Seite XV wird unzutreffend der Archon Basileus als ranghöchster Staatsbeamter bezeichnet; dies war vielmehr der Archon Eponymos, nach dem das jeweilige Jahr in Athen benannt war.

Hubers Übersetzung der Reden, die der Rezensent in einem Lysias-Proseminar den Teilnehmern zur Diskussion gestellt hat, ist ausgezeichnet: In moderner, lebendiger Sprache, die gleichwohl um Textnähe bemüht ist, entsteht ein anschauliches Bild der jeweiligen Inhalte und Redesituationen. Exemplarisch hat der Rezensent die Übersetzung der berühmten 12. Rede, die Lysias in eigener Sache hielt, genau überprüft und sehr wenig zu kritisieren gefunden:

§ 10: Huber übersetzt: "Nachdem er einen Eid geleistet hatte, in dem er [...] Verderben auf sich [...] herabwünschte, falls er mich nach Erhalt des Talents nicht retten werde [...]". Korrekt ist: "Nachdem er einen Eid geleistet hatte [...], mich nach dem Erhalt des Talents zu retten [...]".

§ 20: Huber übersetzt: "Für diese Dinge waren wir ihm gut genug, während wir doch als Eingewanderte anders waren als sie, die Bürger". Korrekt ist: "Solcher Behandlung hielten sie uns für würdig, die wir doch als Eingewanderte anders (d.h. besser) handelten als sie selbst als Bürger".

§ 21: Huber übersetzt: "Denn sie haben viele der Bürger ins Exil getrieben". Korrekt ist: "Denn sie haben viele der Bürger zu den Feinden ins Exil getrieben" - was wichtig ist als Gegenbegriff zum noblen Verhalten des Lysias und seiner Familie im vorigen Paragrafen, die athenische Bürger von den Feinden loskauften.

§ 26: Huber übersetzt: "Du hast [...] widersprochen und wolltest uns retten" - das schwächt den Sinn unnötig ab. Im Text steht: "Du hast [...] widersprochen, um uns zu retten".

§ 48: Huber übersetzt: "Als Eratosthenes [...] in seiner Macht gesichert war [...]". Korrekt ist: "Als Eratosthenes [...] sein Amt angetreten hatte [...]".

§ 58: Huber übersetzt: "Mit derselben Gesinnung ließ er Leuten [...] durch euch [...] Übles zufügen". Korrekt ist: "Mit derselben Gesinnung ließ er Leuten [...] euretwegen [...] Übles zufügen".

Gerade diese geringe Zahl an Monita in einer Rede von 17 Seiten zeigt die durchweg hohe Qualität der Huber'schen Übersetzung. Irritierend, ja geradezu irreführend ist dagegen die Ankündigung auf dem Titelblatt, die eine Kommentierung der Reden verheißt. Von einem Kommentar kann angesichts von insgesamt 107 Anmerkungen, die insgesamt knappe sieben Seiten im Verhältnis zu ca. 120 Seiten Übersetzung einnehmen, wirklich nicht die Rede sein.

Ungeachtet dieses Mangels handelt es sich bei Hubers Werk jedoch um eine sehr erfreuliche, dazu noch in ausgesprochen schöner Aufmachung präsentierte Neuerscheinung, die der Rezeption eines in den letzten Jahrzehnten eher vernachlässigten Autors neue Impulse geben kann.

Thomas Paulsen