Rezension über:

Katharina Luchner: Philiatroi. Studien zum Thema der Krankheit in der griechischen Literatur der Kaiserzeit (= Hypomnemata. Untersuchungen zur Antike und zu ihrem Nachleben; Bd. 156), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, 462 S., ISBN 978-3-525-25255-0, EUR 76,00
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Rezension von:
Karl-Heinz Leven
Institut für Geschichte der Medizin, Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg/Brsg.
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Karl-Heinz Leven: Rezension von: Katharina Luchner: Philiatroi. Studien zum Thema der Krankheit in der griechischen Literatur der Kaiserzeit, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/6951.html


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Katharina Luchner: Philiatroi

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Neuere Gesamtdarstellungen haben die (vergleichsweise beschränkte) Rolle der gelehrten Heilkunde im Spektrum des antiken Gesundheits- und Heilermarktes deutlich werden lassen. [1] Die antike Medizin war, in ihrer Entwicklung über die Jahrhunderte der griechisch-römischen Antike, gekennzeichnet durch ein komplexes Zusammenspiel von Naturkunde, Philosophie, Religion und praktischer Heilkunde. Die hier anzuzeigende Arbeit von Katharina Luchner betritt das Forschungsgebiet auf einem neuen Weg. Eine Studie, deren Gegenstand "Medizinisches" ist, könnte auf den ersten Blick beliebig wirken. In der Arbeit von Luchner ist das Thema allerdings überzeugend entwickelt. Die Beobachtung, dass "'Medizinisches', alle mit dem menschlichen Körper, seiner Erfassung, Gesunderhaltung und Therapie durch Fachleute wie Laien verbundenen Beobachtungen bzw. Maßnahmen" (9), in der griechischen Literatur der römischen Kaiserzeit häufig begegnet, ist in der Forschung seit Längerem bekannt. Luchners Arbeit liefert eine exemplarische Analyse einschlägiger Texte und versteht es, übergreifende Linien zu ziehen. Von Beginn an erkennt sie, dass eine Trennung in fachwissenschaftlich medizinische und volkstümlich medizinische Aussagen, die man im Hinblick auf die jeweils betrachteten Autoren vornehmen könnte, für das Verständnis des medizinischen Diskurses dieser Epoche wenig hilfreich ist. Vielmehr gehörte medizinisches Wissen zur enkyklios paideia, d. h. medizinisches Wissen war Gebildeten - und in einer Schwundstufe auch Ungebildeten - präsent, wie umgekehrt medizinische Autoren mit ausgiebiger Kenntnis der (griechischen) Literatur aufwarteten: Galen zitierte Thukydides nicht nur als Ausweis seiner Bildung, sondern als Gewährsmann für medizinische Sachverhalte, so das Auftreten der "Pest", wenngleich er auch zwischen dem "Laien" (idiotes) Thukydides und sich selbst als "Fachmann" (technites) einen wichtigen Unterschied sah. Bislang ist die Widerspiegelung der Medizin in den Texten der Zweiten Sophistik vornehmlich mit Bezug auf einzelne Autoren untersucht worden; Luchner nennt dies ein "im weitesten Sinn medizinhistorisches Erkenntnisinteresse" (10), dem ihr eigenes Vorgehen als "nicht primär medizinhistorischer Zugang" gegenüberstehe, indem die Produktivität medizinischen Wissens in einem literarischen Kontext erforscht wird. Dieser kulturgeschichtliche Anspruch wird von Luchner überzeugend und umfassend eingelöst; allerdings möchte der Rezensent ihre Arbeit als eine im besten Sinne medizinhistorische Arbeit verstanden wissen (zumal die von Luchner kritisierten Autoren - genau wie sie selbst - allesamt Altertumswissenschaftler sind).

Luchner hat ihr gewaltiges Forschungsfeld in zweierlei Weise klug begrenzt: Sie beschränkt sich auf die pagane Literatur der frühen und hohen Kaiserzeit (1. / 2. Jahrhundert n. Chr.) und hier auf griechische Texte. Solcherart bleibt die Auseinandersetzung der spätantiken christlichen Literatur mit der Medizin ausgespart [2], weiterhin werden die sog. "Buntschriftsteller" und Sammelautoren wegen der Problematik der Sekundärzitate ausgeblendet, schließlich ebenso die gesamte lateinische Literatur. Die Konzentration auf die griechische Tradition lässt sich, ergänzend zu den von Luchner erwähnten arbeitsökonomischen Gründen im Rahmen einer Dissertation, auch insofern rechtfertigen, als die Sprache und Denkweise der Medizin in der gesamten Antike, auch der römischen Kaiserzeit, mit geringen Ausnahmen Griechisch war.

Der Titel "Philiatroi" nimmt treffsicher eine in den untersuchten Quellen eher selten vorkommende Begrifflichkeit auf: das Wortfeld philiatrein und philiatros bedeutet "ein Freund der Medizin sein", auch "sich als Amateur-Doktor betätigen". Unter diesem Motto wird das komplexe Wechselspiel der Autoren und literarischen Gattungen hinsichtlich des Umgangs mit medizinischen Inhalten ausgelotet. In fünf Hauptkapiteln geschieht dies an jeweils als paradigmatisch verstandenen Texten verschiedener Gattungen. Ein erstes Kapitel bietet einen Abriss der antiken Medizingeschichte und eine Standortbestimmung der Medizin Galens. [3] Zentral ist hierbei die Parallele der epideiktischen Methode der Zweiten Sophistik zu derjenigen Galens, der sich öffentlicher anatomischer Vorführungen, insbesondere vor Laien, zu verschiedenen Zwecken bediente. Auch die tägliche Krankenvisite Galens bei seinen zumeist hoch gestellten Patienten hatte, wie seine Schrift De praecognitione ad Epigenem zeigt, den Charakter eines öffentlichen Auftritts, einschließlich der Anwesenheit missgünstiger Kollegen. Um die "Siege" Galens in dieser Arena wahrzunehmen, bedurfte es zeitgenössischer Kompetenz - eben der gebildeten Philiatroi, die im Stande waren, ärztliche Expertise zu würdigen. Galen hatte sich sein Publikum gleichsam selbst geschaffen, vor dem er dann die Erfolge errang.

Neben der Anatomie war es insbesondere die Diätetik, die für Galen eine weit über den engeren fachmedizinischen Diskurs hinausreichende Bedeutung hatte. So erschien ihm die Podagra als eine zeittypische Luxuskrankheit, die zugleich den vermeintlichen (Sitten-)Verfall seiner römischen Umwelt widerspiegelte. Im Sinne eines Weges von außen nach innen behandelt Luchner in einem zweiten Kapitel die Medizin im Spiegel populärer Philosophie, wobei sie sich auf Sextus Empiricus, Dion von Prusa und Maximus von Tyros beschränkt. Gegenstand des dritten Hauptkapitels ist eine individuelle Außenansicht: Die Darstellung Alexanders des Großen, zugleich philiatros und Opfer zahlreicher Krankheiten und Verletzungen, in der kaiserzeitlichen Literatur (Plutarch, Arrian). Das vierte Kapitel parallelisiert die "Innenansichten" des Aelius Aristeides und des Marc Aurel, das Wechselspiel von autobiografischer Krankheitsschilderung und philosophischer bzw. religiöser Reflexion, bei Aristeides gesteigert bis ins Extrem im Hinblick auf seine Beziehung zu Asklepios. Ein abschließendes Hauptkapitel widmet sich der Tragödienparodie Lukians, insbesondere seiner "Podagra". Hier wird deutlich, dass zwischen der grotesken, den kranken Körper in den Mittelpunkt rückenden Darstellungsweise Lukians und der gleichzeitigen epideiktischen Praxis der Medizin des 2. Jahrhunderts ein innerer Zusammenhang bestand.

Die Ergebnisse von Luchners Studie sind in vielerlei, von ihr selbst skizzierten Richtungen ausbau- und anschlussfähig. Eine weitere hier zu erwähnende betrifft die byzantinische Literatur: das Motiv des philiatros begegnet häufig in der Literatur der Komnenenzeit, geradezu personalisiert in Kaiser Manuel II. Komnenos (1143-1180), wie er von den byzantinischen Autoren, ihrerseits geschult an klassischen Vorbildern, zu denen auch die Autoren der Zweiten Sophistik gehörten, dargestellt wurde. Darüber hinaus wirkte auch die Medizin insgesamt, in der von Luchner für das 2. Jahrhundert herausgearbeiteten Weise, in der byzantinischen Literatur.

Luchners Buch, der Natur der Sache nach eher eine Bündelung von (fünf) Einzelstudien als eine zusammenhängende Gesamtdarstellung, ist didaktisch geschickt gegliedert. Unter- und Hauptkapitel sind mit Zusammenfassungen versehen, kleiner gedruckte Abschnitte im Haupttext enthalten kurze Hinführungen zu den untersuchten Texten, die vom Eingeweihten übersprungen werden können (wovon der Rezensent jedoch abraten möchte).

Alle griechischen Wörter und griechischen Zitate sind von einer Übersetzung oder Umschrift begleitet. Die Literatur (bis 2003 berücksichtigt), mehr als 700 Titel, ist kenntnisreich und differenziert in Text und umfangreichen Anmerkungsapparat, lesefreundlich am Fuß der Seite, eingearbeitet. Ein Stellenregister und ein Register der Personen, Sachen und Orte erhöhen den Nutzwert. Das Druckbild ist geschmackvoll, die Zahl der Druckfehler gering - nur als solchen möchte man auch die Angabe der Lebenszeit Galens, "129-199 n. Chr." (29), auffassen.

Luchner versteht es überzeugend, paradigmatisch ausgewählte Textgruppen unter dem sinnstiftenden Motto der Philiatroi auszuwerten. Ihr gelehrtes Buch ist ein origineller Baustein zum Verständnis der antiken Medizin in ihrem kulturellen Kontext.


Anmerkungen:

[1] V. Nutton: Ancient medicine, London 2004; K.-H. Leven (Hg.): Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005; s. hierzu die Rezension von Florian Steger, in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 4 [15.04.2005], URL: http://www.sehepunkte.de/2005/04/7957.html .

[2] M. Dörnemann: Krankheit und Heilung in der Theologie der frühen Kirchenväter (= Studien und Texte zu Antike und Christentum; 20), Tübingen 2003; Ch. Schulze: Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter. Christliche Ärzte und ihr Wirken (= Studien und Texte zu Antike und Christentum; 27), Tübingen 2005.

[3] Vgl. jetzt H. Schlange-Schöningen: Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte; 65), Berlin 2003.

Karl-Heinz Leven