Rezension über:

Henri-Louis Fernoux / Bernard Legras / Jean-Baptiste Yon: Cités et royaumes de l'Orient méditerranéen. 323-55 av. J.-C., Paris: Armand Colin 2003, 239 S., ISBN 978-2-200-26576-2, EUR 22,00
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Rezension von:
Christian Mileta
Institut für Klassische Altertumswissenschaften, Martin-Luther Universität, Halle-Wittenberg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Christian Mileta: Rezension von: Henri-Louis Fernoux / Bernard Legras / Jean-Baptiste Yon: Cités et royaumes de l'Orient méditerranéen. 323-55 av. J.-C., Paris: Armand Colin 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/6853.html


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Henri-Louis Fernoux / Bernard Legras / Jean-Baptiste Yon: Cités et royaumes de l'Orient méditerranéen

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Das zu besprechende Werk will laut Vorwort von Maurice Sartre (3), Studenten und Nachwuchswissenschaftler, doch auch Fachkollegen benachbarter Disziplinen mit dem aktuellen Forschungstand zur Geschichte des östlichen Mittelmeerraums in hellenistischer Zeit vertraut machen. Die drei Autoren des Buches sind ausgewiesene Fachleute für die hellenistische Geschichte Kleinasiens (Fernoux), Ägyptens (Legras) und des vorderen Orients (Yon). Darüber hinaus konnte mit Maurice Sartre ein international renommierter Forscher als Berater (conseiller éditorial) gewonnen werden.

In der Einleitung der drei Autoren (4-11) sowie im Werbetext auf der Rückseite des Buches wird der Zweck des Werkes dahingehend präzisiert, dass es sich um einen so genannten Guide pour les concours - Histoire ancienne, handele. Also um eines jener Bücher, mit deren Hilfe sich die französischen Universitätsabsolventen des Faches Alte Geschichte auf die Auswahlexamen für das höhere Lehramt - agrégation bzw. Certificat d'aptitude au professorat de l'enseignement du second degré (CAPES) - vorbereiten.

Aus diesem Grund orientiert sich das Werk, was die Themenstellung sowie den territorialen und chronologischen Rahmen angeht, auch vollständig an dem Prüfungsthema der Examensjahre 2004 und 2005: "L'Anatolie (à l'ouest de l'Halys, y compris les îles possédant des territoires sur le continent, la Syrie, l'Égypte (avec Chypre) de la mort d'Alexandre au règlement par Rome des affaires d'orient (55 avant notrè ère)". Diese aus verlegerischer Sicht durchaus richtige Entscheidung ist fachlich gesehen eher zu bedauern: Das Werk berücksichtigt tatsächlich nur die Gebiete des östlichen Mittelmeerraumes, die im Einzugsbereich der Küsten liegen. Also Kleinasien bis zum Halys, mithin ohne Armenien und Pontos, desgleichen die Inseln Lesbos, Chios, Samos, Kos und Rhodos; Syrien (im weiteren Sinne, also bis zum Euphrat) und Palästina sowie das ptolemäische Ägypten. Letzteres erstaunlicherweise ohne die Kyrenaika, doch mit Zypern und den kleinasiatischen Außenbesitzungen.

Das Werk informiert über die Forschungen zur politischen Geschichte und zur Herrschaftsorganisation sowie zur Wirtschaft und zu den sozialen Verhältnissen in den Poleis und Königreichen des untersuchten Raumes. Bei den Königreichen konzentriert es sich auf die westlichen Teile des Seleukidenreiches, auf das Attalidenreich und auf das Ptolemäerreich. Punktuell behandelt werden Bithynien und Kommagene sowie das Hasmonäer- und das Nabatäerreich. Das Königreich Pontos wird, wie bereits erwähnt, nicht eigens behandelt, was insofern inkonsequent ist, als ein eigenes Kapitel (Chap. 12) über die Mithridateskriege existiert.

Die chronologische Untergrenze des Buches, das Jahr 55 v. Chr., erscheint allzu willkürlich. Die Wahl dieses Jahres wird damit begründet, dass Ägypten nach der damals erfolgten Wiedereinsetzung des Ptolemaios XII. durch Gabinus nur noch ein "Protektorat" der Römer gewesen sei. Damit werden insbesondere die Herrschaft von Kleopatra VII. und ihre Bemühungen, das Ptolemäerreich mithilfe von Caesar und später von Antonius zu retten und territorial sogar auszubauen, völlig ausgeblendet. Man hätte sich gewünscht, dass die Autoren an der üblichen Chronologie der hellenistischen Geschichte festgehalten und das Jahr 30 v. Chr. als untere Grenze gewählt hätten.

Im Einzelnen werden die Quellenpublikationen und die Handbücher sowie die Überblicks- und Spezialliteratur (Monografien und Artikel) zum Thema des Buches in insgesamt 1468 Titeln vorgestellt. Diese werden - zumeist bei der Ersterwähnung - kurz annotiert. Werden sie später nochmals erwähnt, wird nur noch die betreffende Nummer genannt.

Nach der Bestimmung des geografischen, chronologischen und thematischen Rahmens (Introduction, 4-11) und der Behandlung der Quellen (Chap. 1: Les sources, 12-32) wird zunächst der Forschungsstand zur historischen Entwicklung von 321-188 v. Chr. referiert: Chap. 2: La mise en place des nouveaux États hellénistiques; Chap. 3: Un monde en guerre (281-188 av. J.-C.).

Es folgen sieben systematische Artikel zur Herrschaftsordnung, zur hellenistischen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte sowie zur Stellung der Juden zum Hellenismus: Chap. 4: Les royaumes: structures du pouvoir et d'administration; Chap. 5: Les cités dans les royaumes; Chap. 6: Exploiter le royaume : le problème de la terre; Chap. 7: Économies royales et économies urbaines; Chap. 8: Les sociétés hellénistiques: les avancées de l'hellénisme; Chap. 9: Les sociétés hellénistiques: les traditions indigiènes; Chap. 10: Judaïsme et hellénisme.

Den Abschluss bilden zwei Kapitel, die die politische Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes von 188-55 v. Chr. behandeln. Dabei werden insbesondere die immer stärkere Einmischung der Römer und die folgende Ausweitung der direkten Herrschaft Roms über weite Teile der östlichen Mittelmeerwelt herausgestellt: Chap. 11: La Méditerranée orientale et Rome (188-88 av. J.-C.); Chap. 12: La crise mithridatique et ses conséquences (88-55 av. J.-C.).

Alle zwölf Kapitel sind in zahlreiche, relativ kurze Abschnitte unterteilt. Die einzelnen Abschnitte enthalten in der Regel eine generelle Einschätzung des derzeitigen Forschungsstandes zum betreffenden Unterthema.

Das Buch informiert sehr zuverlässig über die relevante französische Literatur zum Thema. Dagegen werden englischsprachige, italienische und erst Recht deutsche Titel - vermutlich abhängig von den Interessen der drei Autoren - in unterschiedlich ausführlicher Weise berücksichtigt. Als Beispiel mag ein Verweis auf den Abschnitt über das attalische Erbe, den Aristonikosaufstand und die Einrichtung der Provinz Asia dienen (209-213), wo die deutschsprachigen Forschungen zu diesen Themenkomplexen nahezu komplett vernachlässigt werden. Völlig ausgeblendet werden Forschungen aus den osteuropäischen Ländern.

Hält man sich allerdings vor Augen, dass es sich bei dem eigentlich intendierten Publikum ja um Universitätsabsolventen bei der Vorbereitung auf die Auswahlexamen für das höhere Lehramt handelte, so wiegen diese Mängel wenig. Selbst wenn nicht jeder Titel aus der Literatur erwähnt wird, gewinnt man doch aus den annotierenden Bemerkungen zu den genannten Büchern und Artikeln sowie aus den generellen Einschätzungen einen guten Überblick über den Stand und die Tendenzen der aktuellen Forschung. Das Werk kann demnach - auch außerhalb Frankreichs und also auch an den deutschen Universitäten - sehr gut als Literaturführer für Lehrveranstaltungen über die Geschichte des östlichen Mittelmeerraumes in hellenistischer Zeit verwendet werden. Ferner kann es interessierten Fachkollegen als ein Arbeitsinstrument dienen, mit dessen Hilfe man sich schnell und unkompliziert in diese Thematik einarbeiten kann.

Christian Mileta