Rezension über:

Stephanie Kurczyk: Cicero und die Inszenierung der eigenen Vergangenheit. Autobiographisches Schreiben in der Späten Römischen Republik (= Europäische Geschichtsdarstellungen; Bd. 8), Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, 389 S., ISBN 978-3-412-29805-0, EUR 49,90
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Rezension von:
Tanja Itgenshorst
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Redaktionelle Betreuung:
Tassilo Schmitt
Empfohlene Zitierweise:
Tanja Itgenshorst: Rezension von: Stephanie Kurczyk: Cicero und die Inszenierung der eigenen Vergangenheit. Autobiographisches Schreiben in der Späten Römischen Republik, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/11078.html


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Stephanie Kurczyk: Cicero und die Inszenierung der eigenen Vergangenheit

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Der spätrepublikanische Redner und Politiker Marcus Tullius Cicero hatte ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Kein anderer uns aus der klassischen Antike bekannter Mensch hat sich so ausführlich über die eigene Person und die eigenen Verdienste geäußert. Dabei ist die Interpretation der unzähligen Selbstbezüge in den erhaltenen Werken immer wieder umstritten gewesen. War Cicero als Person gekennzeichnet durch ein, wie Theodor Mommsen formulierte, "übergeschnapptes Selbstbewußtsein" (14), oder standen die Selbstbezüge jeweils in einem Argumentationszusammenhang und dienten der zu vertretenden Sache, wie dies etwa Helmut Rahn ausführte (134 f.)? Dieser Frage widmet sich jetzt eine in Düsseldorf entstandene altphilologische Dissertation. Ausgehend von den Urteilen Rahns und Mommsens fragt Stephanie Kurczyk nach den spezifischen Funktionen der autobiografischen Passagen in Ciceros Werken, dabei berücksichtigt sie neben den Reden auch die autobiografischen Werke und die rhetorischen sowie philosophischen Schriften.

Kurczyks Ergebnis ist, um dies gleich vorwegzunehmen, in Bezug auf die Urteile Mommsens und Rahns ein entschiedenes "sowohl als auch". Das Reden über die eigene Person sei hier weder ausschließlich Ausdruck von übermächtigem Egoismus, noch diene es ausschließlich der jeweiligen Sache: "Bei Cicero dient die Form der Rede nicht nur der Autobiographie, sondern häufig auch umgekehrt die Autobiographie der Argumentation der Rede" (353, vgl. 293).

Im Eingangskapitel ("Überlegungen zu Definition und Charakterisierung autobiographischen Schreibens in der Gegenwart und in der Antike", 19-54) gibt Kurczyk einen nützlichen Überblick über die Autobiografie als literarische Gattung. Hier geht sie zum Teil über ihre engere Fragestellung hinaus und entwirft einen methodisch durchdachten Deutungsrahmen für die weitere Untersuchung.

Im Anschluss werden dann, nach einem kurzen Überleitungskapitel zu Ciceros autobiografischem Schreiben (55-74), zunächst die "autobiographischen Epen" untersucht (75-120). Dieses Kapitel besteht im Wesentlichen in einem (erneuten) Versuch der Rekonstruktion von Entstehungskontexten und Inhalten der beiden Schriften De consulatu suo und De temporibus suis. Hier zeigt sich der philologische Sachverstand der Verfasserin. Sie kommt darüber hinaus aber nicht zu einem neuen Ansatz, was aufgrund der äußerst prekären Überlieferungslage wohl auch nicht zu erwarten war.

Das vierte, umfangreichste Kapitel beschäftigt sich mit "Autobiographischen Passagen in den Reden" (121-294). Es ist chronologisch untergliedert, entsprechend der sich ändernden persönlichen Situation des Politikers Cicero: in die "Aufstiegszeit", das Konsulatsjahr 63 v. Chr., die Zeit zwischen Konsulat und Exil und schließlich die Zeit nach der Rückkehr aus dem Exil bis zu den Philippischen Reden. Charakter und Funktionen der autobiografischen Passagen in den Reden änderten sich im Laufe dieser knapp vierzig Jahre erheblich: Nachdem Cicero in den Aufstiegsjahren bemüht gewesen war, seine auctoritas aufzubauen, hatten die autobiografischen Passagen seit 63 die vorrangige Funktion, das konsularische Ethos Ciceros "als Führungspersönlichkeit, als Verteidiger des Staatswohls und als Bindeglied zwischen Senat und Volk zu stützen und zu untermauern" (193). Die Reden seit dem Konsulat sind geprägt von der Verteidigung der Politik Ciceros als Konsul, dabei stellte der Redner die Rettung des Staates als seine persönliche, durch Konsens bestätigte Leistung dar (194). Die Reden nach der Rückkehr aus dem Exil dienten dann der "Umdeutung des Exils in ein heroisch, zum Wohl der Gemeinschaft erbrachtes Opfer, wobei Heldenrolle und Opferrolle je nach argumentativem Erfordernis beansprucht werden" (268).

Im letzten Kapitel werden Selbstbezüge in den philosophischen und rhetorischen Schriften untersucht (295-351). Kurczyk konzentriert sich hier auf den Brutus und zieht weitere Schriften nur exemplarisch heran. Cicero verteidigte nun in den Selbstbezügen seine eigene Beschäftigung mit Rhetorik und griechischer, vor allem stoischer Philosophie, was sich im Kontext seiner persönlichen Situation verstehen lässt: Dem erzwungenen Rückzug aus dem politischen Leben wurde ein Tugendbegriff gegenübergestellt, der als von äußerer Anerkennung unabhängig erschien und die Verteidigung von Ciceros auctoritas in einer persönlich schwierigen Situation ermöglichte (332 f.). Im Anschluss an eine "Conclusio" (353-361) findet sich ein Quellen- und Literaturverzeichnis (363-389). Das Buch hat weder einen Stellenindex noch ein Personen- oder Sachregister, was seine Benutzbarkeit erheblich behindert.

Die Beobachtungen zu Ciceros autobiografischem Schreiben werden von Kurczyk insgesamt ausführlich dargelegt und im Detail dokumentiert. Die Verfasserin hat nicht nur neuere literaturwissenschaftliche Ansätze, sondern auch die Ergebnisse der philologischen und historischen Ciceroforschung in großem Umfang berücksichtigt. Viele der von ihr dargelegten Erkenntnisse sind dabei aber nicht neu und werden als solche auch gar nicht ausgegeben. So erscheint Kurczyks Untersuchung im Wesentlichen als eine sorgfältig erstellte Synthese vorhandener Forschungen zu diesem Thema.

Die Studie wirft jedoch eine Reihe von Fragen auf, deren Beantwortung die Funktionen der Selbstbezüge in Ciceros Werk noch deutlicher herausstellen könnte:

Kurczyk konstatiert am Ende ihrer Untersuchung, die autobiografischen Passagen in Ciceros Werken gäben lediglich Auskunft darüber, was Cicero über seine eigene Person erinnert wissen wollte, nicht darüber, wie er selbst seine Vergangenheit eigentlich erinnerte (359). Dies entspricht einer generellen neueren Erkenntnis der Autobiografieforschung, dass Autobiografien Ausdruck der Selbstdarstellung, nicht der Selbstwahrnehmung seien (31 f.). Konsequenterweise lenkt die Autobiografieforschung den Blick daher auch auf die Adressaten der autobiografischen Werke (27 f.). Eben diese Adressaten bleiben in der Untersuchung dann aber weitgehend unberücksichtigt. Kurcyk spricht zwar von "Öffentlichkeit" (vgl. etwa 354 ff. [1]), führt im Detail aber nicht aus, welche spezifischen (möglicherweise sich auch wandelnden) Erwartungen Cicero sowohl mit seinen Reden als auch mit seinen weiteren Schriften bei den verschiedenen Publica antizipiert haben könnte. [2]

Sicher hätte auch die Berücksichtigung des Briefcorpus hier noch weiteren Gewinn gebracht. Kurczyk zieht einmal exemplarisch Passagen aus Briefen Ciceros heran und stellt eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Aussagen von Reden und Briefen fest (268 f.). Dieses Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung könnte umfassender beleuchtet werden, zumal wir im Falle Ciceros das große Glück haben, Quellenmaterial für beide Bereiche in extenso zu besitzen.

Darüber hinaus zeigen sich bei näherer Betrachtung in den autobiografischen Passagen Widersprüche, die nach Ansicht der Rezensentin nicht homogenisiert werden können. Die Selbstdarstellung Ciceros in den autobiografischen Epen steht in deutlichem Gegensatz zu den entsprechenden Aussagen der Reden sowie der philosophischen und rhetorischen Schriften. Wo er sonst beständig die Übereinstimmung seines Denkens und Handelns mit den Wertvorstellungen der Gemeinschaft betonte, stellte Cicero sich bei der Abfassung von De consulatu suo in eine literarische Tradition der hellenistischen Epen, die das Herrscherideal des Monarchen als Soter zum Ausdruck brachten (101). Die Wirkung dieser Selbstdarstellung war derjenigen in den Reden offensichtlich geradezu entgegengesetzt. So können auch nicht Götter und Senat als vergleichbare Gremien gesehen werden, die jeweils als höhere Instanz Ciceros Handeln rechtfertigen sollten (vgl. 103). Cicero hat hier bewusst - und nur in formaler Hinsicht durch die literarische Gattungstradition des Epos abgesichert - mit republikanischen Traditionen gebrochen und offensichtlich heftig Anstoß erregt. Wenn man auch hier die Frage nach dem Verhältnis von Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung stellte und die jeweils imaginierten Adressaten deutlicher akzentuierte, könnte sich herausstellen, dass die Selbstdarstellung Ciceros nicht so sehr von Homogenität, sondern in viel stärkerem Maße von Widersprüchlichkeit geprägt war und so auch die zerrissenen Verhältnisse der späten Republik widerspiegelte.


Anmerkungen:

[1] Vgl. zu den Implikationen des Begriffes "Öffentlichkeit" in diesem spezifischen Kontext Armin Eich: Politische Literatur in der römischen Gesellschaft. Studien zum Verhältnis von politischer und literarischer Öffentlichkeit in der späten Republik und frühen Kaiserzeit, Köln 2000.

[2] Vgl. für Cicero jetzt exemplarisch Frank Bücher: Verargumentierte Geschichte. Exempla Romana im politischen Diskurs der späten römischen Republik, Stuttgart 2006, 228-257.

Tanja Itgenshorst