Rezension über:

Julia Sobotta: Das Schulwesen der Pflege Coburg im 15. und 16. Jahrhundert. Bildungeschichtliche Auswirkungen der Reformation (= Schriftenreihe der Historischen Gesellschaft Coburg e.V.; Bd. 19), Coburg: Historische Gesellschaft Coburg 2005, VI + 345 S., ISBN 978-3-9810350-1-8
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Rezension von:
Christine Absmeier
Stuttgart
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Christine Absmeier: Rezension von: Julia Sobotta: Das Schulwesen der Pflege Coburg im 15. und 16. Jahrhundert. Bildungeschichtliche Auswirkungen der Reformation, Coburg: Historische Gesellschaft Coburg 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/10906.html


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Julia Sobotta: Das Schulwesen der Pflege Coburg im 15. und 16. Jahrhundert

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Dass Schul- und Bildungsgeschichte sich ungebrochener Beliebtheit in der Forschung erfreut, beweist auch die 2005 in Coburg erschienene Studie Julia Sobottas, die das Schulwesen der Pflege Coburg im 15. und 16. Jahrhundert aus vergleichender und landesgeschichtlicher Perspektive untersucht. Anhand von Visitationsprotokollen geht sie der Frage nach, ob und in welchem Ausmaß die Reformation und ihre obrigkeitliche Durchsetzung Einfluss auf die Entwicklung des städtischen und dörflichen Schulwesens in einem zum "Mutterland der Reformation" gehörigen Territorium hatten.

Nach dem Abkürzungsverzeichnis und einer Einführung stellt die Autorin ihre Hauptquellen vor, die Visitationsakten der Pflege Coburg, die in verschiedenen Archiven der Region überliefert sind. Sie beleuchtet sowohl deren Quellenwert hinsichtlich der Fragestellung als auch die Visitationspraxis allgemein im ernestinischen Thüringen und speziell in ihrem Untersuchungsgebiet Coburg. Ihr Ziel ist es, der "Schulwirklichkeit" (11) auf die Spur zu kommen, also den tatsächlichen Verhältnissen vor Ort, die sich von den offiziellen Vorgaben des Landesherrn teilweise erheblich unterscheiden konnten. Humanistische und reformatorische Bildungskonzepte beispielsweise Luthers und Melanchthons werden im vierten Kapitel vorgestellt, um das Feld abzustecken, in dem Schule und Bildung sich idealerweise hätten bewegen sollen. Trotz aller Genauigkeit in der Darstellung und bei Hinzuziehung sämtlicher aktueller Handbücher und relevanter Quellenschriften wirkt dieses an sich nützliche Kapitel etwas isoliert, weil im Folgenden eine wirkliche Kontrastierung der offiziellen Vorgaben mit den Befunden der Untersuchung über die realen Zustände auf dem Land ausbleibt.

Um ein möglichst repräsentatives Ergebnis für ihre "Schullandschaft" (11) zu erzielen, beschränkt sich die Autorin nicht nur darauf, die Entwicklungslinien einzelner, repräsentativer Schulen nachzuzeichnen, sondern evaluiert im fünften Kapitel kleinere und größere Schulen im Untersuchungsgebiet, die unter geistlicher wie auch weltlicher Leitung schon vor der Einführung der Reformation existierten. Dabei wird der Verfall bzw. das Aussterben klösterlicher Einrichtungen genauso deutlich wie ein verstärktes Engagement städtischer Obrigkeiten. Vor allem mit Hilfe der Sekundärliteratur beschreibt Julia Sobotta Umfang und Ausstattung der Klosterschulen in Mönchroden, Sonnefeld, Rodach, Königsberg, Veilsdorf und Coburg im Spätmittelalter. Dabei wird deutlich, dass die Ziele dieser Klosterschulen eher bescheiden waren, dass Alphabethisierung je nach Klosterregel mehr oder weniger wichtig genommen wurde und dass der Zweck der Klosterschulen hauptsächlich die Unterweisung des eigenen Nachwuchses war. Als umfassender wird die Arbeit der städtischen Schulen vor 1520 charakterisiert. Ausführlich geht die Autorin auf das Schulwesen in Coburg ein, auf die soziale Stellung der Schulmeister innerhalb der Stadt und die schrittweise Übernahme der alten Propsteischule durch den Coburger Stadtrat. Auch die Coburger Judenschule findet Erwähnung, ein Beweis dafür, wie ernst Julia Sobotta die flächendeckende und komparatistische Untersuchung des Coburger Schulwesens nimmt. Den Coburger Schulen folgen nicht weniger als elf weitere Städte und Dörfer, deren schulische Verhältnisse dargelegt werden, so dass für diese Region ein solides Bild des Schulwesens vor der Reformation entsteht.

Das sechste Kapitel ist den Visitationen der Jahre 1535, 1545 und 1555 gewidmet. Eingehend werden wieder die einzelnen Orte und ihre Schulen beschrieben, und als Ergebnisse können die Vergrößerung bereits bestehender Schulen und ein Trend zur Konzentration der Amtspflichten des Schulmeisters auf die Lehrtätigkeit festgehalten werden. Dies erfolgte jedoch innerhalb der älteren Tradition, von fundamentalen Umwälzungen und einem breit angelegten obrigkeitlichen Zugriff fehlt jede Spur. Nur in drei Orten wurden bis 1555 neue Schulen gebaut, und bezüglich Unterrichtsstoff, Schulgeld und Bezahlung der Schulmeister gab es bedeutende regionale Unterschiede.

Das kurze siebte Kapitel beschäftigt sich mit den Visitationen von 1569, 1573 und 1574 und wartet mit der Beobachtung auf, dass erst vierzig Jahre nach Melanchthons vorbildhafter Schulordnung von 1528 eigene Ordnungen für die Schulen der Pflege Coburg erlassen wurden. Der vorgenommene Vergleich der Schulordnungen beschränkt sich auf die äußerliche Gestaltung des Unterrichts wie die Anzahl der Klassen und disziplinarische Fragen. Die in jener Zeit stattfindende Auseinandersetzung zwischen den Wittenberger theologischen Schulen der Philippisten und Lutheraner wird zwar erwähnt, aber lediglich festgehalten, dass sie die Geistlichen der untersuchten Orte betraf. Die Stellung der Schulmeister in diesem Streit wird übergangen. Trotz der Betonung des hohen Stellenwerts religiöser Unterweisung und Einübung in den Schulen bleibt die Frage offen, wodurch der Unterricht in der Pflege Coburg inhaltlich geprägt war, in religiöser wie auch in didaktischer Hinsicht. Über den möglichen Einfluss Melanchthons auf die Schulen im behandelten Gebiet erfährt man nichts, was angesichts der überragenden Bedeutung des "Praeceptor Germaniae" für das Schul- und Bildungswesen in ganz Nord- und Ostmitteleuropa durchaus von Interesse gewesen wäre.

Gemäß ihrer Fokussierung auf die "Schulwirklichkeit" beschreibt Julia Sobotta ausführlich die Bedeutung der drei deutschen Schulen, die in Coburg neben der lateinischen Ratsschule bestanden. Hier wird deutlich, dass der größte Teil der Bevölkerung das Lesen, Schreiben und Beten außerhalb der mehr im Zentrum obrigkeitlicher Aufsicht stehenden Lateinschulen lernte. Auch die Mädchenbildung wird berücksichtigt, was dieses Kapitel als besonders wertvoll auszeichnet. Von den Visitatoren skeptisch betrachtet, stellten die deutschen Schulen eine bedeutende Konkurrenz zur lateinischen Schule dar, wie die Autorin anhand der Visitationsberichte zwischen 1580 und 1584 sorgfältig herausarbeitet. Einer so deutlichen und durch die Quellen ausgezeichnet belegten Argumentation gegen die obrigkeitliche Durchdringung der Schulen hätte man einen deutlicheren Kommentar seitens der Autorin gewünscht.

Das neunte Kapitel stellt mit gewohnter Gründlichkeit die Visitationen von 1577, 1578, 1580, 1583 und 1584 dar und verzeichnet eine Gründungwelle von Schulen im ländlichen Bereich. In der sich daran anschließenden Zusammenfassung werden die Befunde der Pflege Coburg mit überregionalen Tendenzen der Schulentwicklung in Thüringen verglichen. Einen radikalen Bruch hatte die Reformation im untersuchten Gebiet nicht hervorgerufen, im abschließenden elften Kapitel wird eine "longue durée" in der Schulentwicklung sogar vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert konstatiert. Auswirkungen der Reformation, wenn man die Visitationen nicht selbst als solche betrachten will, zeigten sich, wenn überhaupt, erst gegen Ende des Untersuchungszeitraumes.

Angesichts der sorgfältigen und durch umfangreiche Quellen gestützten Untersuchung, die auch durch formale Souveränität glänzt, hätte man sich eine entschiedenere Stellungnahme der Autorin zu aktuellen Fragen der frühneuzeitlichen Schul- und Bildungsforschung gewünscht. Gerade zur Diskussion um die Rolle des Schulwesens innerhalb des "gesellschaftlichen Fundamentalvorgangs" der Konfessionalisierung hätte auf der Basis dieser Untersuchung ein wertvoller Beitrag entstehen können. Dennoch handelt es sich bei der Veröffentlichung Julia Sobottas um eine gut lesbare und fleißige Arbeit, die sicherlich nicht nur hinsichtlich des Umfanges die Erwartungen übertrifft, die an eine Magisterarbeit gestellt werden.

Christine Absmeier