Rezension über:

Dirk Alvermann / Birgit Dahlenburg (Hgg.): Greifswalder Köpfe. Gelehrtenporträts und Lebensbilder des 16. bis 18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität, Rostock: Hinstorff 2006, 211 S., ISBN 978-3-356-01139-5, EUR 19,90
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Rezension von:
Dirk Schleinert
Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Magdeburg
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Dirk Schleinert: Rezension von: Dirk Alvermann / Birgit Dahlenburg (Hgg.): Greifswalder Köpfe. Gelehrtenporträts und Lebensbilder des 16. bis 18. Jahrhunderts aus der pommerschen Landesuniversität, Rostock: Hinstorff 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/10815.html


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Dirk Alvermann / Birgit Dahlenburg (Hgg.): Greifswalder Köpfe

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Die Greifswalder Universität feiert in diesem Jahr das 550. Jubiläum ihrer Gründung am 17. Oktober 1456. Dies ist Grund genug für eine ganze Palette von Veranstaltungen aller Art, aber auch von Publikationen zur Universitätsgeschichte. Das vorliegende Buch gehört dazu.

Gemeinsam haben die Universitätskustodin Birgit Dahlenburg und der Leiter des Universitätsarchivs Dirk Alvermann die im Besitz der Universität befindlichen Porträts von Professoren des 15. (!) bis 18. Jahrhunderts bearbeitet und publiziert. Herausgekommen ist eine Präsentation von 89 Bildern mit den dazugehörigen Kurzbiographien in alphabetischer Reihung. Elf davon gelten als Kriegsverlust und konnten deshalb nur mit Schwarzweiß-Aufnahmen aus der Vorkriegszeit abgebildet werden. Alle anderen Repros sind farbig. Jedes Porträt nimmt eine Doppelseite ein. Links befindet sich das Repro mit einem Autographen, den Angaben zum Bild einschließlich Inventarnummer und einer Wiedergabe der Bildbeschriftung. Die rechte Seite beinhaltet eine Kurzbiographie, die aber vom Umfang her ganz unterschiedlich ausfallen. Dies ist wohl in erster Linie dem jeweiligen Forschungsstand und der Bedeutung des Abgebildeten geschuldet. Der im Titel angegebene Zeitraum, aus dem die vorgestellten Personen stammen, ist nicht ganz präzise, denn mit dem Universitätsgründer Heinrich Rubenow (gestorben 1462) und dem Rostocker Professor Telemann Johannes (gestorben um 1450) sind auch zwei Personen darunter, deren Lebensschwerpunkt eindeutig im Gründungsjahrhundert lag. Ansonsten reicht der zeitliche Schwerpunkt vom späten 16. bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Für die Jahrzehnte davor und danach gibt es nur einige wenige "Ausreißer".

Der Edition vorangestellt sind drei Aufsätze der beiden Herausgeber und von Barbara Peters, ebenfalls Mitarbeiterin des Universitätsarchivs. Birgit Dahlenburg betrachtet in ihrem Aufsatz "Universitäre Ahnengalerien. Die Greifswalder Bildungselite im Porträt" die Greifswalder Porträtsammlung aus kunstgeschichtlicher Sicht und vergleicht sie mit den Sammlungen anderer Hochschulen. Barbara Peters schreibt "Zur Geschichte der Greifswalder Sammlung von Professorenporträts" bis zum 18. Jahrhundert und beschäftigt sich auch mit den möglichen Vorlagen einiger Porträts. Dirk Alvermann versucht unter dem Titel "Die frühneuzeitliche 'Familienuniversität' im Spiegel der Greifswalder Professorenporträts" anhand einiger Beispiele "typische" Gelehrtenkarrieren der frühen Neuzeit herauszuarbeiten und damit eine Art Kollektivbiographie für den Lehrkörper der Universität im behandelten Zeitraum zu erstellen. Es fällt zum Beispiel auf, dass einige Familiennamen mehrfach auftauchen und es sich dabei nicht um Zufälle, sondern um regelrechte "Professorendynastien" handelt. Zudem gibt es zahlreiche weitere familiäre Querverbindungen zwischen einzelnen Familien, so dass die Greifswalder Universität der frühen Neuzeit ein Stück weit auch als "Vorsorgungsanstalt" für und in der Hand einiger weniger Familien erscheint. Alvermann bezeichnet die frühneuzeitliche Universität Greifswald deshalb treffend auch als "Familienuniversität". Mit den Professorenbiographien ist zugleich ein wichtiges Kapitel der bisher stark vernachlässigten Universitätsgeschichte des 16. bis 18. Jahrhunderts geschrieben worden. Dabei fällt die Einbindung der Universität in den frühmodernen Staat ins Auge. Zahlreiche Gelehrte waren zugleich Hofräte, Superintendenten, Prinzenerzieher, Richter usw. Der Charakter einer protestantischen Landesuniversität kommt so auch durch die Lebensläufe ihrer Professoren zum Ausdruck. Hierin liegt neben der alles in allem ganz gut gelungenen Reproduktion der Bilder - manche, wie gleich das erste, sind ohne erkennbaren Grund angeschnitten - der wesentliche Beitrag des Bandes zur Universitätsgeschichte.

Einige wenige formale Ergänzungen hätten die Benutzbarkeit dieses auch als Nachschlagewerk zu betrachtenden Buches noch weiter erhöht. Ein Inhaltsverzeichnis ist für einen Band dieses Umfangs eigentlich unverzichtbar. Auch ein Register und ein Verzeichnis der für die Erstellung der Biographien benutzten Quellen und Literatur wären hilfreich gewesen. Alvermann macht in seinem Aufsatz einige grundsätzliche Bemerkungen hierzu, aber für den wissenschaftlich arbeitenden Leser wäre es schon wichtig zu wissen, auf welcher Quellengrundlage die einzelnen Texte entstanden sind. Und natürlich hätte er sich auch einen eindeutigen Hinweis auf die Autorenschaft gewünscht, die ebenfalls fehlt. Im Vorwort wird eine Projektkraft erwähnt, die im Vorfeld der Edition wesentliche Recherchearbeiten durchgeführt hat. Ist dies die Autorin, oder sind es die beiden Herausgeber oder alle zusammen? Etwas unklar bleibt auch die genaue Abgrenzung der ausgewählten Porträts zu den übrigen der im Universitätsbesitz befindlichen. Sind es formal zwei unterschiedliche Sammlungsbestände, oder ist hier nur aus pragmatischen Gründen wegen einer für mehrere Jahrzehnte um 1800 bestehenden Lücke eine Trennung vorgenommen worden? Ein paar kurze Anmerkungen dazu sowie zu den editorischen Grundsätzen hätten dem Leser Klarheit verschaffen können.

Die technische Verarbeitung des Buches scheint leider nicht die allerbeste zu sein. Schon nach wenigen Benutzungen löste sich die verwendete Klebebindung an einigen Stellen. Eine - sicher teurere, aber haltbarere - Fadenheftung wäre hier von Vorteil gewesen. Und dafür hätte man sicher auch einen etwas höheren Preis in Kauf genommen. Trotz dieser wenigen kritischen Anmerkungen bleibt es aber das Verdienst der Herausgeber und des Verlages, mit der vorliegenden Publikation ein wichtiges Stück der Greifswalder Universitätsgeschichte in sehr anschaulicher Weise aufgearbeitet zu haben.

Dirk Schleinert