Rezension über:

Josef Braml: Amerika, Gott und die Welt. George W. Bushs Außenpolitik auf christlich-rechter Basis (= Debatte; 3), Berlin: Matthes & Seitz 2005, 159 S., ISBN 978-3-88221-854-1, EUR 14,90
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Manfred Brocker: Protest - Anpassung - Etablierung. Die Christliche Rechte im politischen System der USA, Frankfurt/M.: Campus 2004, 388 S., ISBN 978-3-593-37600-4, EUR 39,90
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Kenneth J. Heineman: God is a Conservative. Religion, Politics, and Morality in Contemporary America. With a New Preface, New York: New York University Press 2005, xxv + 343 S., ISBN 978-0-8147-3555-8, USD 24,00
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Rezension von:
Christian Bala
Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Empfohlene Zitierweise:
Christian Bala: Die Christliche Rechte im politischen System der USA (Rezension), in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 9 [15.09.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/09/10427.html


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Die Christliche Rechte im politischen System der USA

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Weihnachten 2005 war für George W. Bush kein friedliches Fest, dazu gab es im Vorfeld zu viel Ärger. Dabei hatte es der Präsident doch nur gut gemeint, als er, wie es Brauch ist, Grußkarten an seine Freunde verschickte. Doch wieder einmal provozierte er damit heftige Reaktionen, allerdings nicht von seinen üblichen liberal-säkularen Gegnern, sondern von seinen vermeintlichen Verbündeten, den Christlichen Rechten. Bush hatte, statt den eigentlichen Festtag - Weihnachten, also die Geburt von Jesus Christus - zu benennen, politisch korrekt eine fröhliche "holiday season" gewünscht. Sofort waren die Barrikaden besetzt: Die New Christian Right beschuldigte die Liberalen, einen "war on Christmas" (Heritage Foundation) zu führen, der das Fest seiner ursprünglichen Bedeutung beraube. Und der Präsident habe in dieser Auseinandersetzung vor den "worst elements in our culture" kapituliert, so William A. Donohue (Catholic League for Religious and Civil Rights). [1]

Auch wenn dieses Beispiel sehr skurril wirkt, zeigt es doch das Ausmaß des "Kulturkrieges" der konkurrierenden politischen Eliten. Einem Konfliktakteur, der Christlichen Rechten, wurde seit dem Amtsantritt von George W. Bush in der Öffentlichkeit besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet, ohne dass dabei viel Substanzielles gesagt wurde. Gerade deshalb sind gründliche und analytische Studien unerlässlich.

In drei Neuerscheinungen widmen sich Wissenschaftler diesem Phänomen, wobei die Veröffentlichung des Historikers Kenneth J. Heineman von der Ohio State University bereits seit 1998 auf dem Markt ist. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Thema erst mit George W. Bush auf breiteres Interesse stieß, steht die Entwicklung der Christlichen Rechten in den Vereinigten Staaten schon länger auf der Agenda.

Heineman beschreibt in "God Is a Conservative" den Aufstieg eines religiös geprägten Konservatismus anhand der Präsidentschaftswahlen zwischen 1968 und 1996. Somit lag es für den Autor und den Verlag nahe, das Buch anlässlich des Duells "Bush vs. Kerry" mit einem aktuellen Vorwort als Paperback neu herauszugeben, ohne es aber einer weiteren inhaltlichen Revision zu unterziehen.

Heineman betont bereits in seinem ursprünglichen Vorwort, dass er keine wissenschaftliche Arbeit verfassen wollte, sondern lediglich einen "broad social commentary" (xxi). Der Autor möchte seine politischen Beobachtungen einer breiteren Öffentlichkeit mitteilen. Deshalb verzichtet er bewusst auf einen analytischen Rahmen und orientiert seine Darstellung ausschließlich an den Wahlzyklen: "Most folks, however, mark the passage of political time in four-year intervalls - in other words, presidential elections." (xxi) Dies bietet dem nicht-spezialisierten Leser sicherlich einen leichten Zugang zur Thematik, macht es aber schwer, einen roten Faden zu finden. Heineman springt in seinen Kapiteln von Thema zu Thema. Dies führt dazu, dass die Darstellung bisweilen recht deskriptiv wirkt.

Dennoch kommt er zu einigen interessanten Einsichten, zum Beispiel dass der eigentliche Kandidat der Religiösen 1976 der Demokrat Jimmy Carter war. Doch wirklich neu ist das alles nicht. Der Autor schildert die Konflikte zwischen den unterschiedlichen Lagern und den langsamen Aufstieg der Christlichen Rechten durchaus spannend, allerdings keineswegs unparteiisch.

Kenneth J. Heineman betont, er sei "happy to admit up front that I do not accept the tenets of modern liberalism" (xxii). Doch auch der gegenwärtige Konservatismus sei nicht frei von Fehlern. Der Autor selbst positioniert sich deshalb als "New Deal conservative": "I believe government has a responsibility to protect deserving, hardworking citizens." (xxii) In Heineman tritt dem Leser also nicht ein Historiker gegenüber, der die Entwicklung des religiösen Konservatismus essayistisch beleuchtet, sondern ein ausgewiesener Sozialkonservativer, der seinen eigenen Standpunkt mittels eines Streifzugs durch die Geschichte begründet. Somit ist "God Is a Conservative" für Forscher durchaus als Quelle von Interesse, eine informative Sekundärliteratur ist das Buch nicht.

Im Gegensatz dazu ist die Habilitationsschrift von Manfred Brocker, der Politikwissenschaft an der Universität Köln lehrt, die erste fundierte Studie in deutscher Sprache über die Christliche Rechte. Brocker geht es darum, die Vermittlung von Interessen- und Wertkonflikten und die Entwicklung einer sozialen Bewegung zu erklären.

Der erste Teil - "Genesis" - stellt die Entstehung der (Neuen) Christlichen Rechten in einen historischen und politisch-kulturellen Kontext. Zwar fängt er, um im biblischen Bild zu bleiben, bei Adam und Eva an, ohne sich aber in der ermüdenden Schilderung von Stammbäumen zu ergehen. Präzise leuchtet er die Wurzeln des heutigen christlichen Konservatismus im 19. Jahrhunderts aus, um sich dann seiner Politisierung in den 1960er- und 1970er-Jahren, als Reaktion auf die soziokulturelle Liberalisierung der USA, zuzuwenden. Dabei räumt Brocker mit der Begriffsverwirrung auf, welche die Debatte ergriffen hat und in deren Namen Evangelikale und Fundamentalisten als Synonyme verstanden werden: Unter dem Dach des christlichen Konservatismus, dem Evangelikalismus im weiten Sinne, der sich von den Hauptkirchen, den Mainline-Protestanten und Katholiken abgrenze, würden sich sowohl Fundamentalisten als auch die weniger dogmatischen und nicht-millenaristischen Evangelikalen im engeren Sinne finden. Zwischen beiden Gruppen seien Unterschiede in theologischen und politischen Positionen festzustellen.

Nach der Phase der Entstehung beleuchtet Brocker in "Exodus" den organisatorischen Aufbruch in den 1980er-Jahren. Diese "erste Generation" wurde, so der Autor, angeführt von der "Moral Majority", die eine Kooperation zwischen der Neuen Rechten und den christlichen Konservativen darstelle. Brocker weist nach, dass es sich, trotz der Stimmgewaltigkeit der Bewegung, bei ihrer Wählermobilisierung noch um kein Massenphänomen handelte: Erfolgreicher sei das Lobbying im Kongress gewesen, das durch eine Analyse der Gesetzgebung empirisch nachvollziehbar wird. Dabei sei aber zu berücksichtigen, dass die Reagan-Ära für die Neue Christliche Rechte eher enttäuschend verlaufen sei, weil sie in Kernfragen vor allem Niederlagen habe einstecken müssen.

In der Gesamtschau wertet Brocker diese erste Phase der politischen Betätigung der Christlichen Rechten als gescheitert, unter anderem weil es ihr nicht gelungen sei, die fundamentalistische Basis zu mobilisieren, sich ihre "Kreuzzugsrhetorik" angesichts der politischen Realitäten abgenutzt habe und sie schließlich in der Republikanischen Partei neutralisiert wurde. Mit Pat Robertsons Präsidentschaftskandidatur 1988 habe die Christliche Rechte aber in zentralen Fragen - Abtreibung, Schulgebet und öffentliche Moral - durchaus die Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Dies markiert den Übergang zu "Numeri", der Konsolidierung der Bewegung. In dieser zweiten Phase sei die Christliche Rechte zu einer politischen Bewegung geworden, deren Struktur von Brocker eingehend und detailliert beschrieben und analysiert wird. Er zeigt, dass sich die konservativen Christen durch eine Kombination von Strategien und Aktionsformen innerhalb des politischen System der Vereinigten Staaten etablieren konnten. Die Christliche Rechte habe als eine soziale Bewegung begonnen und sich zu einem Geflecht von Interessenorganisationen entwickeln können, das durch Institutionalisierung, Professionalisierung und verbandliche Strategien gekennzeichnet sei. Die anfangs radikale Rhetorik eines "Kreuzzuges" sei in den 1990er-Jahren zu politischen Forderungen transformiert und durch Verweise auf die in der Verfassung verankerte Religions- und Meinungsfreiheit legitimiert worden. Anders als in den 1980er-Jahren wurde die Christliche Rechte ein fester Bestandteil der Republikaner und erzielte bei der Mobilisierung ihrer Basis erhebliche Erfolge.

Manfred Brocker zeigt in seiner Studie überzeugend, dass die soziale Protestbewegung der Christlichen Rechten eine organisatorische und inhaltliche Anpassung an das politische System der USA vorgenommen hat und sich auf Grund dessen etablieren konnte. Auch innerhalb des Parteiensystems konnten die konservativen Christen Fuß fassen: Die Republikaner wurden zur Partei dieser Bewegung, was gemäßigte Konservative, wie zuletzt Christine Todd Whitman [2], bedauern. Dies sei, so Brocker, aber kein Dominanz-Verhältnis, denn zugleich schränke die Zusammenarbeit mit den anderen Flügeln den Handlungsspielraum der Christlichen Rechten ein, der Kompromissdruck wachse. Durch die Kooptierung der sozialen Bewegung, so Brocker, veränderte sich die Partei und das Parteiensystem, was zu einer ideologischen Polarisierung und einer Rekonfiguration des Wählerverhaltens führte. Ähnlich wie die Demokraten in den 1960er-Jahren waren die Republikaner in den 1980er-Jahren auf der Suche nach neuen Wählerstimmen: Die Christliche Rechte schien eine Lösung zu sein. Mit dem Rechtstrend gingen aber auch Stimmenverluste in der politischen Mitte einher. Dies führte zugleich zu einer Mäßigung der konservativen Christen: "Weil sie ihr Schicksal derart eng mit einer der beiden Parteien verbunden hatten, musste ihnen an einer Verbesserung der Wahlchancen dieser Partei gelegen sein. Denn nur dann würden sie weiterhin Einfluss auf die politischen Entscheidungsprozesse nehmen können." (318) Dem Eindruck, dass die Christliche Rechte die Republikaner und George W. Bush, der als Methodist ein Mainline-Protestant ist, dominiert, mag sich Brocker aus gutem Grund nicht anschließen: "Die zentripedalen Kräfte des amerikanischen Parteiensystems wirken auf lange Sicht mäßigend auf beide Parteien ein. Sie zwingen auch Parteifraktionen, die aus sozialen Bewegungen hervorgegangen sind, zu einer Modernisierung ihrer issue agenda. Der Druck auf die G.O.P. [Grand Old Party] - diese Prognose lässt sich nach dem Gesagten wagen - wird weiter nachlassen und das politisch-ideologische Profil der Partei in Zukunft weiter moderiert werden [...]." (318)

Zu einer etwas anderen Einschätzung kommt Josef Braml, Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Er betont in seinem Buch "Amerika, Gott und die Welt", das ursprünglich eine politikberatende SWP-Studie war, dass die religiöse Rechte "erhebliches und bleibendes politisches Gewicht" habe (123). Dabei hat der Autor vor allem die aktuellen Entwicklungen in der Außenpolitik im Blick, die bei Brocker keinen breiten Raum einnehmen, die er aber an anderer Stelle analysiert hat. [3]

Während die Veröffentlichungen von Heineman und Brocker einen breiteren Themenbereich abstecken, konzentriert sich Josef Braml vor allem auf die Veränderungen in der außen- und sicherheitspolitischen Agenda seit dem 11. September 2001. Im ersten Kapitel schildert der Autor knapp die Entstehung des Netzwerkes der Christlichen Rechten. Im zweiten Kapitel werden ihre politischen Inhalte analysiert. Dabei gelingt es Braml anhand von Interviews mit Vertretern der New Christian Right, dem Leser einen tiefen Einblick in ihre außenpolitische Gedankenwelt zu geben. Breiten Raum nimmt die Darstellung der Unterstützung Israels durch die religiösen Konservativen ein. Diese Verbundenheit ist nicht neu, doch zeigt Josef Braml, dass sie unter den Bedingungen des "war on terror" eine neue Relevanz bekommt. Dabei liegen die Christlichen Rechten aber oftmals mit der Regierung und vor allem den realpolitisch ausgerichteten Politikern, Colin Powell und Condoleezza Rice, über Kreuz: Die von Bush eingeforderte "Road Map" wird von den Religiösen massiv bekämpft. Doch auch in anderen außenpolitischen Bereichen sei, so Braml, die versuchte und bisweilen erfolgreiche Einflussnahme der Christlichen Rechten zu beobachten, so beispielsweise in der AIDS-Bekämpfung und der Entwicklungshilfe.

Im letzten Kapitel widmet sich der Autor schließlich den möglichen Auswirkungen auf die transatlantischen Beziehungen. Er argumentiert, dass es auf Grund der veränderten Rahmenbedingungen und der Bedeutung der Christlichen Rechten für die Republikaner zu einer Trendwende im außenpolitischen Handeln kommen könne. Braml formuliert hier deutlich im Konjunktiv: Käme es zu einem Erstarken der Christlichen Rechten, würde dies eine Entfremdung in den transatlantischen Beziehungen nach sich ziehen. Er rät den Entscheidungsträgern, die bisherigen Verhärtungen durch vermehrten Dialog aufzuweichen und so die gemeinsamen Normen und Werte zu festigen.

Die Christliche Rechte bleibt ein aktuelles Thema, dies zeigen nicht zuletzt die Äußerungen des Predigers Jerry Falwell, der den Krieg im Libanon als "Auftakt und Vorbote der Schlacht von Armageddon und damit für die glorreiche Rückkehr Christi" sieht. [4] Die Bush-Administration wird sich derartigen Interpretationen sicher nicht anschließen, doch haben die Analysen von Braml und Brocker gezeigt, dass sich die konservativen Politiker den Forderungen der Christlichen Rechten nicht vollends verschließen können. Während Braml auf Grund einer aktuellen Lageanalyse eher besorgt ist und den Einfluss der Religiösen als hoch bewertet, stellt Brockers Studie "Protest - Anpassung - Etablierung" einen grundlegenden und vor allem unaufgeregten Beitrag zur Geschichte und politischen Bedeutung der Christlichen Rechten in den USA dar.


Anmerkungen:

[1] Alan Cooperman: "Holiday" Cards Ring Hollow for Some on Bushes' List, in: The Washington Post (07.12.2005), A01 http://www.washinhtonpost.com, 12.12.2005.

[2] Christine Todd Whitman: It's My Party Too. The Battle for the Heart of the GOP and the Future of America, New York 2005.

[3] Manfred Brocker: Zivilreligion - missionarisches Sendungsbewusstsein - christlicher Fundamentalismus? Religiöse Motivlagen in der (Außen-)Politik von George W. Bush, in: Zeitschrift für Politik 50 (2003), H. 2, 119-143.

[4] Zitiert nach: Andrian Kreye: Das jüngste Gerücht, in: Süddeutsche Zeitung (27.07.2006), 11.

Christian Bala