Rezension über:

Johann Andreas Gottfried Charlier: Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformirten Gemeine zu Frechen / Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformierten Gemeine zu Kölln am Rhein von 1545 bis 19. May 1805. Mit einer Auswahl von Briefen und Aufzeichnungen herausgegeben von Ferdinand Magen (= Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte; Bd. 167), Bonn: Habelt 2005, VIII + 295 S., ISBN 978-3-7749-3323-1, EUR 26,00
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Rezension von:
Andreas Becker
Historisches Seminar, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Becker: Rezension von: Johann Andreas Gottfried Charlier: Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformirten Gemeine zu Frechen / Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformierten Gemeine zu Kölln am Rhein von 1545 bis 19. May 1805. Mit einer Auswahl von Briefen und Aufzeichnungen herausgegeben von Ferdinand Magen, Bonn: Habelt 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/9535.html


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Johann Andreas Gottfried Charlier: Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformirten Gemeine zu Frechen / Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformierten Gemeine zu Kölln am Rhein von 1545 bis 19. May 1805

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Bei den vorliegenden Chroniken, die im Auftrag des Kirchenkreises Köln-Süd ediert wurden, handelt es sich um eine historische Darstellung der reformierten Kirchengemeinden Frechen und Köln. Verfasst hat sie der reformierte Pfarrer Johann Andreas Gottfried Charlier (1742-1818), der mehr als ein halbes Jahrhundert hindurch die Frechener Gemeinde seelsorgerisch betreute. Charlier war zeitweilig auch als geistlicher Inspektor tätig. Historisch interessiert und bemüht, der Gemeinde ihre eigene Geschichte darzustellen, verfasste er Anfang des 19. Jahrhunderts die beiden Schriften, nachdem er sich bereits seit mehr als dreißig Jahren mit diesem Gegenstand beschäftigt hatte. Einen Anstoß erhielt er durch Johann Arnold von Recklinghausen, der gerade dabei war, eine Entstehungsgeschichte der reformierten Gemeinen, wie die Gemeinden genannt wurden, in den Herzogtümern Jülich und Berg zu verfassen. [1] Charlier ist ein historisch zuverlässig arbeitender Pfarrer: Er stellt Unstimmigkeiten, die er in den Quellen vorfand, auch als solche dar. Insofern erweist er sich nicht nur als Kenner der Materie, sondern auch als um Objektivität bemühter Kirchenhistoriker. Dafür spricht auch, dass er von sich selbst als Amtsperson ausschließlich in der dritten Person spricht (82).

Das Buch ist konventionell gegliedert: Zunächst erfolgt eine kurze Biographie von Johann Andreas Gottfried Charlier (1-8), danach werden die Manuskripte in ihrer Entstehung, mit den ihnen zu Grunde liegenden und von Charlier benutzten Quellen sowie in einer knappen, aber hinreichenden Überlieferungsgeschichte vorgestellt (8-11). Es schließt sich eine klar verfasste, bündige Darstellung der Bearbeitungsgrundsätze an (15-18). Darin wird unter anderem auch auf das auf den ersten Blick komplizierte, bei näherer Betrachtung jedoch durchaus sinnige System der Anmerkungen eingegangen, das im Wesentlichen aus einem textkritischen Apparat und einem für Sacherläuterungen besteht.

Der Leser erwirbt im Grunde drei Quelleneditionen. Zunächst die "Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformirten Gemeine zu Frechen" (21-158), dann "Briefe und Aufzeichnungen Charliers aus dem Archiv der Evangelischen Kirchengeschichte Frechen" (159-208) und endlich die "Geschichte und Nachrichten der Evangelisch-Reformierten Gemeine zu Kölln am Rhein von 1545 bis 19. May 1805" (209-260), gefolgt von einem Anhang (261-295). Charlier beschrieb darin zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Geschichte der beiden Kirchengemeinden Köln und Frechen während der Frühen Neuzeit. Sehr anschaulich schildert Charlier seine eigene Amtsführung und die seiner Vorgänger (beispielsweise 40, 66, 97), wenngleich viele Einträge hauptsächlich An- und Fortzug von Pfarrern und Schullehrern sowie Bau- und Reparaturmaßnahmen betreffen. Für manche geschilderten Details, etwa die gewaltsame Auflösung eines reformierten Gottesdienstes 1649 in Frechen, bei der Bibeln aus dem Kirchenfenster geworfen wurden, findet sich kein schriftlicher Nachweis, so dass man versucht ist, die Berücksichtigung mündlicher Traditionen anzunehmen (40). Auch das Verhältnis zwischen Pfarrer und Adelsgeschlechtern wie den Palant wird immer wieder berührt. Die Rolle, die einzelne Adelsfamilien bei der Einführung der Reformation gespielt haben, wird von Charlier nur angedeutet (45). Hier zeigt sich abermals, dass einzelne Aspekte des Kirchenwesens der Frühen Neuzeit wenig beleuchtet sind.

Breiten Raum nimmt auch die Schilderung konfessioneller Spannungen ein, die bis hin zu Plünderungen des Pfarrhauses und von Gemeindehäusern führten (62-73). Die dabei erfolgte Mobilisierung von Gymnasiasten und Studenten zu solchen Massenaufläufen nebst -schlägereien tritt dabei deutlich hervor als Möglichkeit der konfessionellen Sozialisierung künftiger Eliten. Auch zeigte sich in der Folge solcher Unruhen, dass die brandenburgisch-preußische Regierung ihren Anspruch als Schutzmacht der niederrheinischen Protestanten in Jülich-Berg und Kurköln noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht ohne weiteres durchsetzen konnte (72 f.). In Streitfällen, die womöglich zukünftig noch Sprengstoff bieten mochten, fügt Charlier die komplette Abschrift der betreffenden Dokumente an (49 ff., 245-249). Vereinzelt unternimmt er auch den Versuch nachzuweisen, dass im Normaljahr 1624 eine reformierte Gemeinde an bestimmten Orten existierte (214).

Die Beschreibung der reformierten Kölner Gemeinde hat im Wesentlichen drei Hauptthemen. Der Darstellung der erzbischöflichen Maßnahmen nach dem Truchsessischen Krieg (1583-1588) (236-242) und der folgenden Zeit folgt eine anhand von Dokumenten ausführlich beschriebene Geschichte des so genannten Toleranzstreites von 1787/89: Die Beschreibung des Augenzeugen Charliers lässt den Schrecken erahnen, welcher durch die protestantischen Gemeinden lief, als die organisierte Kölner Bürgerschaft mit Gewaltmaßnahmen drohte, sollte ein evangelisches Gotteshaus errichtet werden (245-253). Ebenfalls ausführlich, ohne jedoch hochmütig zu werden, folgt die Beschreibung der "ersten [protestantischen] öfentlichen [!] Gottes Verehrung in der ehemaligen Antoniter Kirche" (257), mit der das Buch auch abschließt (254-257).

Besonderes Lob verdient der kumulierte Orts-, Personen- und Sachindex am Ende des Bandes. Er verfügt über eine Vielzahl von Suchbegriffen und weist auch gesondert auf weitere Lemmata hin, etwa bei Orten wie Heinsberg auf "Jülich, Provinzialsynode" (286). Durch den Index ist es möglich, rasch bestimmte, in den edierten Texten behandelte Themen zu finden. So können etwa die Erfahrungen eines reformierten Predigers 1812 nachgelesen werden, als die Präfektur des Roerdepartements den Heidelberger Katechismus einziehen ließ (108-112). [2] Gerade die Erfahrung der napoleonischen "Kehrtwende" (Gustav Adolf Benrath) tritt deutlich zu Tage. Der Leser erfährt, wie neue Gesetze aufgenommen wurden und wie sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche auf Gemeindeebene darstellte. Schade ist allerdings, dass Charlier bei seiner Niederschrift darauf verzichtet hat, auf die Dekade zwischen 1792 und 1802 näher einzugehen. Im Dokumententeil, der Quellen aus dem Frechener Gemeindearchiv abbildet, finden sich interessante Schriftstücke wie zum Beispiel ein Spendenaufruf Charliers von 1787, in dem er um Gelder für eine Glocke bittet, deren Verwendungsrecht die Gemeinde bereits seit über 100 Jahren besitze, aber noch nicht habe ausüben können (167 f.).

Der prägnante Schreibstil Charliers ermöglicht eine fließende Lektüre, die durch kenntnisreiche Kommentare des Herausgebers ergänzt wurden. Das Buch erfasst einen Zeitraum von etwa 250 Jahren, in deren letzte Jahrzehnte Charliers persönliche Erfahrungen als Prediger in Frechen einfließen. Kulturgeschichtlich aufschlussreich sind die Ausführungen der Gebäudeentwicklungen, so des Pfarrhauses (122-123) oder des Schulhauses (124-125). Wünschenswert wäre eine noch deutlichere Herausarbeitung der Niederschrift Charliers im Zusammenhang mit anderen Pfarrern jener Zeit gewesen, die ebenfalls als Autoren aktiv wurden und ihre Werke zu Lebzeiten auch veröffentlichten.

Der vorliegende Band liefert eine Fülle von Details und Hinweisen aus dem kirchlichen Leben aus Sicht eines Amtsträgers, ohne das Ganze aus dem Auge zu verlieren. Abschließend kann man sagen, dass Ferdinand Magen eine methodisch klare und einwandfreie Edition der Charlierschen Schriften vorgelegt und damit eine faszinierende Quelle eines wenig erforschten Themas der rheinischen Geschichte der Forschung erschlossen hat.


Anmerkungen:

[1] Seine Geschichte erschien ab 1818, vgl. Johann Arnold von Recklinghausen: Reformations-Geschichte der Länder Jülich, Berg, Cleve, Meurs, Mark, Westfalen, und der Städte Aachen, Cöln und Dortmund, Teil 1-2 Elberfeld 1818, Teil 3, hg. von C. H. E. von Oven, Solingen 1837, ND Osnabrück 1977.

[2] Bezeichnenderweise liefert die fast vollständige Übersicht bei Karl-Jochen Gruch: Deutschsprachige Drucke des Heidelberger Katechismus 1563-1800, Titz-Rödingen 1996, keinen einzigen Drucknachweis des Heidelberger Katechismus unter französischer Herrschaft.

Andreas Becker