Rezension über:

Alfons Zettler: Geschichte des Herzogtums Schwaben, Stuttgart: W. Kohlhammer 2003, 272 S., 14 Abb., 6 Karten, 5 Stammtafeln, ISBN 978-3-17-015945-7, EUR 25,00
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Rezension von:
Jürgen Dendorfer
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Jürgen Dendorfer: Rezension von: Alfons Zettler: Geschichte des Herzogtums Schwaben, Stuttgart: W. Kohlhammer 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/5953.html


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Alfons Zettler: Geschichte des Herzogtums Schwaben

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Die Geschichte der früh- und hochmittelalterlichen Herzogtümer dürfte heute schwieriger als je zuvor zu schreiben sein. Neben intensiven Forschungsdebatten zur frühmittelalterlichen Ethnogenese, zu den Anfängen der Herzogsgewalt und zu den Kontinuitäten und Brüchen zwischen so genannten älteren und jüngeren, meist auf karolingischer Regna-Struktur beruhenden "Stammes"-Herzogtümern, stehen prägende ältere "Meistererzählungen", mit denen bestätigend oder verwerfend eine Auseinandersetzung notwendig ist. Daneben sind sicher geglaubte Annahmen der Verfassungsgeschichte in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr brüchig geworden. Die schmale, vor allem urkundlich geprägte Quellenbasis erlaubt es ferner oft nicht, neuere Ansätze der Forschungen zur mittelalterlichen Reichsgeschichte, die sich gestützt auf historiografische Quellen Konflikten, Ritualen und der symbolischen Kommunikation zuwenden, auf dieser Ebene nachzuvollziehen. Die Geschichte eines Herzogtums könnte also zum Prüfstein für das Aktualisierungspotenzial einer Verfassungsgeschichte klassischer Prägung werden und wäre als solche für die Selbstvergewisserung einer modernen Mediävistik zwischen verfassungsgeschichtlichen Traditionsbeständen und "anthropologischer Wende" dringendes Desiderat.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Akzentsetzungen der für ein breiteres Publikum geschriebenen Geschichte des Herzogtums Schwabens von Alfons Zettler zu betrachten. In der Tradition der älteren württembergischen Geschichtsschreibung eines Christoph Friedrich Stälin oder Karl Weller stehend, profitiert sie von dem durch die maßgeblichen Studien Helmut Maurers, Hansmartin Schwarzmaiers und insbesondere Thomas Zotz erreichten Forschungsstand, wie er im ersten Band des Handbuchs der baden-württembergischen Geschichte erst 2002 resümiert wurde. Zettler, der die Geschichte des Herzogtums Schwaben "zusammenhängend diachronisch" (13) darstellt, gelingt es dabei durchaus, neue Schwerpunkte zu setzen.

Etwas eigenwillig ist allerdings seine zeitliche Eingrenzung des Themas. Mit der "Spaltung des Herzogtums im Investiturstreit" endend (177-183), streift der Verfasser die Geschichte des staufischen Herzogtums Schwaben nur noch als Ausblick. Damit enttäuscht er sicher die Lesererwartungen interessierter Laien wie des Fachpublikums und vergibt zudem die Möglichkeit, gerade den fundamentalen Strukturwandel der Herzogsherrschaft im 12. Jahrhundert zu beschreiben. Dagegen traktiert der Autor die Vorgeschichte des um 900 entstehenden Dukats von der "aufgeschobenen" alemannischen Ethnogenese (34) bis zu den duces des 7. und 8. Jahrhunderts ausführlich (15-59). Am dichtesten schildert er die Ausbildung eines eigenen karolingischen Teilregnums im 9. und die Geschichte des ducatus im 10. Jahrhundert (61-154). Die geraffte Darstellung des 11. Jahrhunderts bietet dagegen wenig Neues (155-183). Ausblicke auf das stauferzeitliche Schwaben (184-194) sowie ein Epilog zu spätmittelalterlichen Bezugnahmen auf das Herzogtum Schwaben (195-204) schließen den Band ab.

Zettlers "Geschichte des Herzogtums Schwaben" ist also vor allem eine Geschichte des schwäbischen Dukats im späten 9., im 10. und im beginnenden 11. Jahrhundert. Erzählend, der Abfolge der Herzöge nachgehend, gelingen ihm dabei gerade für die Ottonenzeit nicht nur landes-, sondern auch reichsgeschichtlich beachtenswerte, neue Beobachtungen. Ausgehend von dem um 900 entstehenden Herzogtum fragt der Verfasser am Beginn nach Kontinuitäten zu früheren alemannischen Herrschaftsbildungen. Erst um 500 kam es danach durch die zunehmende Integration ins Frankenreich zu einer Ethnogenese der Alemannen (40 f.). Noch im 7. Jahrhundert seien die duces Alamannorum als Heerführer alemannischer Aufgebote unter den Franken nicht mit den späteren Herzögen vergleichbar. Erst Herzog Gotfrid (gestorben 709) trete stärker als "Herzog" hervor; sein Herrschaftszentrum Cannstatt verweise zudem auf eine verstärkte Einbeziehung des inneralemannischen Bereichs. Den Tag von Cannstatt (746), gemeinhin als Ende des ersten Herzogtums betrachtet, deutet der Verfasser als einen Hinweis auf ein nun greifbares "alemannisches Bewusstsein und Zusammengehörigkeitsgefühl" der "führenden Kräfte" (59), das für die weitere Geschichte des Herzogtums essenziell war. Diese "alemannische Identität" (59) der politischen Elite bilde das Bindeglied zwischen den Herzogsherrschaften des 8. Jahrhunderts und dem Dukat um 900.

In den karolingischen Teilungen des 9. Jahrhunderts ergab sich dann zuerst 829, vor allem aber unter Karl III., die spezifische Verbindung von Alemannien, Rätien und Teilen Burgunds in einem karolingischen Regnum. Diese bildete die "entscheidende Fermentationsphase" (70) des Herzogtums Schwaben. Auf dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Großen dieses Regnums gründete der Dukat des 10. Jahrhunderts. Er entstand, nachdem es den einstigen Gegnern, Pfalzgraf Erchganger und dem rätischen Markgrafen Burchard, mit dem Sieg in der Schlacht bei Wahlwies 915 gelungen war, den Einfluss des Königtums in Schwaben zu beschränken. Nach der Hinrichtung Erchangers 917 setzte sich Burchard I. als Herzog durch. Seine Herzogsherrschaft prägte, in der Tradition des karolingischen Regnums, der Ausgriff auf Burgund und Italien. Schon sein Vater, Burchard der Ältere, starb 911 - von der bisherigen Forschung nicht erkannt - bei der Durchsetzung von Erbansprüchen in der Markgrafschaft Verona (80,113). Sein Sohn Herzog Burchard I. führte diese auf das Regnum Italiae ausgerichtete Politik fort. Die Herkunft seiner Gemahlin Reginlind, die Zettler durch Interpretation St. Galler und Reichenauer Nekrologüberlieferung überzeugend als Unrouchingerin identifiziert, verlieh diesen Ambitionen besondere Legitimität. Der erste unangefochtene Herzog des 10. Jahrhunderts starb dann 926 vor Novara beim Versuch, die italienischen Königspläne seines Schwiegersohns König Rudolf von Burgund durchzusetzen. Nach dem Tod seines Nachfolgers, des in den Quellen nur wenig profiliert als Parteigänger Ottos I. hervortretenden Herzogs Hermann I. (gestorben 949), verlieh der König das Herzogtum an seinen Sohn Liudolf. Auch hierfür seien die italienischen Bezüge des schwäbischen Herzogtums ausschlaggebend gewesen. Liudolf habe Schwaben gleichsam nur als Übergangslösung bis zum Erwerb des Königreichs Italien verliehen bekommen (138-146). Ihm folgte der Sohn oder möglicherweise auch nur Neffe (121) Burchards I., Burchard II. (gestorben 973). Seine Witwe Hadwig regierte neben den offiziellen Schwabenherzögen durchaus eigenständig auf dem Hohentwiel, im Traditionskern des Herzogtums um den Bodensee. Ob unter Hadwig wirklich die "Erledigung der ersten schwäbischen Herzogsdynastie" (150) stattfand, ist angesichts der dünnen Quellenlage zu angeblichen Nachfahren Burchards II. aber wohl nicht sicher zu entscheiden (150 f.). Mit dem konradinischen Herzögen begann eine neuer Abschnitt in der Geschichte des schwäbischen Herzogtums: Sie stützten sich als eigentlich Landfremde auf andere Herrschaftsschwerpunkte im Elsass und am Oberrhein und hatten im inneren Schwabens keine Basis. Die Herzöge des 11. Jahrhunderts bleiben dann in der Darstellung eher blass, was sicher auch durch die Quellenlage bedingt ist.

Besonders für das 10. Jahrhundert aber gelingt dem Verfasser eine quellennahe und anschauliche, kritische und auf durchaus neuen Beobachtungen beruhende Darstellung der Geschichte des Herzogtums Schwaben. Dass dabei nur gelegentlich der Blick auf strukturelle Zusammenhänge und verfassungsgeschichtliche Probleme fällt, ist den eingangs erwähnten Problemen des Forschungsstandes zu den Herzogtümern geschuldet. Eine von Zettler selbst geforderte, vergleichende Geschichte der früh- und hochmittelalterlichen Herzogtümer bleibt so weiterhin Desiderat.

Jürgen Dendorfer