Rezension über:

Ursula Reuter: Paul Singer (1844-1911). Eine politische Biographie (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien; Bd. 138), Düsseldorf: Droste 2004, 674 S., ISBN 978-3-7700-5257-8, EUR 74,00
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Rezension von:
Ralf Forsbach
Historisches Seminar, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Forsbach: Rezension von: Ursula Reuter: Paul Singer (1844-1911). Eine politische Biographie, Düsseldorf: Droste 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/4970.html


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Ursula Reuter: Paul Singer (1844-1911)

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Es gibt Personen der jüngeren deutschen Geschichte, die in ihrer Zeit eine herausragende Rolle gespielt haben, dann aber rasch in Vergessenheit geraten sind. Eine solche Person ist Paul Singer, der von 1890 bis 1909 neben August Bebel an der Spitze der Sozialdemokratischen Partei stand, heute aber nicht einmal mehr in einem weit verbreiteten Standardwerk wie der "Kleinen Geschichte der SPD" von Susanne Miller und Heinrich Potthoff Erwähnung findet. Dass Singer, dessen Sarg bei seiner Beerdigung am 5. Februar 1911 hunderttausende Menschen folgten, der Gegenwart so entrückt ist, sieht die in Worms geborene Historikerin Ursula Reuter in der NS-Zeit begründet: Damals seien "die Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung in großem Umfang vernichtet, Kontinuitätslinien abgebrochen und nicht zu letzt das stark ausgeprägte historische Gedächtnis der deutschen Sozialisten zu großen Teilen zerstört" worden (13).

Ursula Reuter hat sich nun der Aufgabe gestellt, diese Lücke wieder auszufüllen, und legt "eine politische Biographie" Singers vor, die durchaus das Format einer umfassenden, Politisches wie Privates behandelnden Lebensbeschreibung hat. Die Basis der grundsoliden Studie bilden Recherchen in 25 Archiven, die Auswertung ungezählter zeitgenössischer Schriften und ein souveräner Überblick über den Forschungsstand zur Geschichte der Arbeiterbewegung und der inneren Entwicklung des Kaiserreichs.

Paul Singer wurde 1844 in Berlin wahrscheinlich als achtes oder neuntes und wohl jüngstes Kind eines Kleinbankiers geboren. Vier Jahre später starb der Vater, sodass die Familie bald in bescheidenen Verhältnissen lebte. Doch obwohl Paul Singer 1858 noch aus finanziellen Gründen die Realschule verlassen musste, gelang es ihm wie seinen Geschwistern, ein gutes Auskommen zu finden und sich einem bürgerlichen Lebensstil mit Familiensinn anzunähern. Politisch orientierte er sich an den gescheiterten Revolutionären von 1848 und konnte zunächst mit Ferdinand Lassalles Forderung, sich der politischen Potenz der Arbeiterschaft zuzuwenden, "nichts anfangen" (31).

Dies änderte sich binnen weniger Jahre auch unter dem Einfluss August Bebels. Bebel erinnerte sich später: "Singer war damals noch Demokrat, aber mit starkem sozialen Empfinden, wie sich bald nachher zeigte" (38). Tatsächlich versuchte Singer, soziale und demokratische Positionen nicht als Gegensätze zu begreifen und fand 1869 in der gerade gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Gehör, die "möglichst viele Demokraten aus dem bürgerlichen Lager anzusprechen" suchte. Diesem vermeintlichen oder tatsächlichen Spagat entsprechen in Singers Biografie die Gründung einer Damenmäntelfabrik (1869) und die Übernahme der Kuratorenrolle des Männerasyls des Berliner Asylvereins für Obdachlose (1875). Ursula Reuter will nicht darüber spekulieren, ob Singer ohne das diskriminierende Sozialistengesetz (1878) jemals den Weg in die vordersten Reihen der Politik gesucht hätte. Festzuhalten aber ist, dass Singer während der zwölf Jahre der Verfolgung für die Sozialdemokratie verstärktes Engagement entwickelte, während sich andere zurückzogen. Dabei agierte er vor allem dort, wo es ihm am nützlichsten schien, nämlich auf kommunaler Ebene. Singer war, so fasst es Ursula Reuter zusammen, "für die Partei der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort" (594).

Singer war auf Grund seiner Unternehmertätigkeit finanziell und zeitlich relativ unabhängig und entwickelte Führungsqualitäten, die ihn zum Vertrauensmann der illegalen Parteileitung in Berlin prädestinierten. 1883 wurde er eines der fünf sozialdemokratischen Mitglieder der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Ein Jahr später ließ er sich in den Reichstag wählen. Beide Mandate behielt er bis zu seinem Tod 1911. Singer geriet nun zunehmend ins Visier der Verfechter des Sozialistengesetzes und der Antisemiten, zumal er im Reichstag die Tätigkeit von agents provocateurs offen legte und als jüdischer Fabrikant, der angeblich Hungerlöhne zahlte, die Näherinnen seiner Fabrik zur Inanspruchnahme des Koalitionsrecht ermunterte. Auf der Grundlage des Sozialistengesetzes wurde Singer 1886 aus Berlin ausgewiesen und übernahm im Dresdner Asyl das Schatzmeisteramt seiner Partei von dem verhafteten August Bebel. Ein Jahr später zog er sich aus der gemeinsam mit einem Bruder geleiteten Konfektionswarenfabrik zurück, nannte jedoch nicht die Hetzkampagne gegen ihn als Grund, sondern argumentierte mit moralischen Skrupeln: "Ich konnte nun einmal nicht über den Gedanken aus einer Sache für Die [sic] ich nichts mehr leiste, Gewinn zu ziehen, fortkommen." (162).

Für sein uneigennütziges Wirken fand der nun zum Berufspolitiker gewordene Singer nach dem Auslaufen des Sozialistengesetzes 1890 öffentliche Anerkennung. Neben Bebel wurde er zum Ko-Vorsitzenden der SPD, der sich den Revisionismusversuchen aktiv entgegenstellte, zugleich aber die Revisionisten in der Partei zu halten suchte. Dabei stand Singer links von Bebel, dem er im Zweifel unterlag. Als nur eines von mehreren Beispielen nennt Reuter Singers Ablehnung einer Teilnahme der SPD an den preußischen Landtagswahlen, die er möglicherweise verzögern, aber letztlich nicht verhindern konnte.

Die Biografie Reuters, eine bei Dieter Düding in Köln entstandene Dissertation, kann man auch als Einführung in die Politik des Kaiserreichs lesen. Souverän handelt sie Schlüsselthemen der Innen- und Außenpolitik aus manchmal ungewohnter Perspektive ab. So lernt man aufs Neue den vulgären Antisemitismus des Adolf Stöcker kennen, zugleich die unterschiedlichen Phasen der Zeit des Sozialistengesetzes, aber auch die "Hottentottenwahlen" oder die Daily-Telegraph-Affäre. Gerade in den großen Reichstagsdebatten zu diesen Themen zeigte sich Singer als Politiker, der demonstrierte, dass "die Sozialdemokraten, die dem Parlamentarismus durchaus ambivalent gegenüberstanden, am eindeutigsten bereit waren, für dessen Ausbau zukämpfen" (481). Denn Singer war es, der nach den Äußerungen Wilhelms II. im "Daily Telegraph" den Reichstag eindringlich beschwor: "Uns ist es bitter ernst mit diesem Kampf gegen das persönliche Regiment; dem Volke ist es ebenso ernst; das wissen wir. Ob es den bürgerlichen Fraktionen dieses Hauses auch damit ernst ist, das werden die Herren durch ihre Beschlüsse erst noch zu beweisen haben" (481).

Reuters Buch ist in der gewohnt gediegenen Ausstattung der "Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien" erschienen. Es enthält neben den üblichen Verzeichnissen einen zwanzigseitigen Anhang, in dem viele von Singers Zeitgenossen knapp biografisch skizziert werden, eine Auflistung der sozialdemokratischen Stadtverordneten Berlins (1884-1910) sowie ausgewählte Fotografien. Ein rundum gelungenes Werk.

Ralf Forsbach