Rezension über:

Thomas Heiler (Hg.): Das Türkensteuerregister der Fürstabtei Fulda von 1605 (= Veröffentlichungen des Fuldaer Geschichtsvereins; Bd. 64), Fulda: Verlag Parzeller 2004, 569 S., ISBN 978-3-7900-0362-8, EUR 17,50
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Rezension von:
Peter Rauscher
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien
Redaktionelle Betreuung:
Stephan Laux
Empfohlene Zitierweise:
Peter Rauscher: Rezension von: Thomas Heiler (Hg.): Das Türkensteuerregister der Fürstabtei Fulda von 1605, Fulda: Verlag Parzeller 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 7/8 [15.07.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/07/10440.html


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Thomas Heiler (Hg.): Das Türkensteuerregister der Fürstabtei Fulda von 1605

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Lange vor der Erfindung sozialer Sicherungssysteme und arbeits- und wirtschaftspolitischer Steuerungsversuche war die staatliche Obrigkeit vor allem im Kriegsfall an der Erfassung ihrer Untertanen interessiert. In Zeiten von Söldnerheeren bestand das Ziel dieser Maßnahmen noch nicht darin, die "Landeskinder" für die Streitkräfte zu rekrutieren. Vielmehr wurden die finanziellen Lasten der Kriegführung auf die Landesbewohner umgelegt.

Im Heiligen Römischen Reich war es vor allem die "Türkengefahr", die immer wieder Anlass zur Besteuerung der Bevölkerung bot. Mit den einkommenden Geldern wurden nicht nur Truppen besoldet und verproviantiert, sondern auch wichtige Festungen wie Wien ausgebaut. Vor allem in der Zeit zwischen der Niederlage Ungarns bei Mohács 1526 und dem Frieden von Zsitva Torok 1606 beschäftigte die Bedrohung durch das Osmanische Reich in steigendem Maß die Reichstage. Ihren Höhepunkt fanden die dort bewilligten Steuern, die so genannten "Türkenhilfen", von 1576 bis zum Ende des "Langen Türkenkriegs" Kaiser Rudolfs II. (1593-1606). In diesen drei Jahrzehnten leistete das Reich mit mehr als 18,5 Millionen Gulden zusammen mit den österreichischen Erblanden der Habsburger, den Ländern der böhmischen Krone und dem königlichen Ungarn einen hohen Beitrag zur Finanzierung der Kriegführung gegen die Osmanen. [1]

In diesem Kontext entstanden auch die vom Leiter des Fuldaer Stadtarchivs Thomas Heiler herausgegebenen und von Absolventen und Absolventinnen eines archivkundlichen Kurses an der Volkshochschule der Stadt Fulda bearbeiteten Steuerrechnungen der Fürstabtei Fulda aus dem Jahr 1605. Ziel dieser Edition ist es, "die bedeutendste bevölkerungsgeschichtliche Quelle der Fürstabtei Fulda in der Frühen Neuzeit" (13) der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sowie "künftigen ortsgeschichtlichen Bemühungen im Bereich des Territoriums der Fürstabtei Fulda sowie der fuldischen Landesgeschichtsschreibung ein verlässliches Hilfsmittel für heimatkundliche, aber auch bevölkerungs-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Fragestellungen an die Hand zu geben" (13 f.). Damit ist ein primär lokal- und regionalgeschichtlich interessierter Adressatenkreis genannt.

Die Rechnungen verzeichnen die Zahlungen der Fuldaer Untertanen zum Anteil der Fürstabtei an den Türkenhilfen im Umfang von 86 Römermonaten (Römermonat = ca. 65.000 Gulden), die der Regensburger Reichstag 1603 bewilligt hatte. [2] Sie bieten allerdings keinen vollständigen Überblick über die gesamten Fuldaer Zahlungen, sondern beschränken sich auf die im Jahr 1605 fällige Rate. Während die Rechnungen fast alle stiftischen Ämter beinhalten, fehlen leider überlieferungsbedingt die ritterschaftlichen Besitzungen.

Trotz dieser Einschränkung ist das edierte und durch ein Orts- und ein Namensregister erschlossene Material von einem beeindruckenden Umfang. Auf 389 Seiten sind nach Ämtern gegliedert die Namen der Untertanen und ihre Steuerleistungen zur Aufbringung der Reichstürkenhilfen verzeichnet. Damit reicht die Bedeutung dieses Materials weit über familien- und heimatgeschichtliche Fragestellungen hinaus und bietet unterschiedliche "Möglichkeiten der sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen wie der demographischen Auswertung" (23). Aufschluss kann über die Größe der Ortschaften, regionale und lokale Vermögensunterschiede, zu den Wohnorten und der Größe der jüdischen Bevölkerung oder zur Anzahl der Witwenhaushalte und ihrem Beitrag zur Steuer gewonnen werden. Neben biographischen Daten und einem auch für namenkundliche Untersuchungen umfangreichen Fundus bieten die Quellen beispielsweise auch Informationen zur Hexenverfolgung in der Fürstabtei.

Das weitgehende Fehlen quantitativ auswertbaren Quellenmaterials im "vorstatistischen Zeitalter" bereitet der demographischen Forschung erhebliche Probleme bei den Versuchen, die Größe der Bevölkerung und ihre Lebensbedingungen hinlänglich genau zu ermitteln. Vor einer Überinterpretation von Steuerverzeichnissen ist jedoch - wie auch dem Herausgeber bewusst ist - zu warnen. Angesichts erheblicher Vermögensunterschiede [3] erscheint es fraglich, welchen Erkenntniswert die in der Einleitung angestellten Berechnungen durchschnittlicher Steuerleistungen und, von diesen abgeleitet, durchschnittlicher Vermögen besitzen. Noch problematischer ist es, anhand der erzielten Ergebnisse wiederum auf die Anzahl der nicht in den Steuerlisten verzeichneten ritterschaftlichen Untertanen schließen zu wollen (vgl. 23).

Die technische Qualität einer Edition kann ohne Einblick in das Original kaum beurteilt werden. Die folgenden Anmerkungen sollten daher lediglich als Hinweis auf mögliche Missverständnisse verstanden werden: Bei dem Fuldaer Juden "Schuel, Jakob klöpffer" (120) dürfte es sich um den "Schulklopfer" ("Schames") der Gemeinde gehandelt haben. Wie im Fall des jüdischen Schulklopfers erscheint an manchen Stellen die tabellarische Darstellung etwas verwirrend. So ist etwa in der Quelle zu lesen, dass ein Mertten Hores auch für den Acker eines Caspar Greyß (Genitiv: Greyßen) Steuern bezahlte. In der Edition wird diese Summe aber unter dem Namen "Greyßen" verzeichnet (30 und 404, Nr. 87.591 und 87.592). Nicht ganz von mir in Übereinstimmung gebracht werden konnten die Zahlen der jüdischen Familien (von Hammelburg und Brückenau) mit der Übersicht in Tabelle 5 (28). [4]

Diese Anmerkungen schmälern freilich weder die Leistung des Fuldaer Autorenkollektivs noch den prinzipiellen Wert solcher Quellen. Da sie wissenschaftlich umso aussagekräftiger sind, je mehr von ihnen vorliegen, würde man sich wünschen, weitere ähnliche Verzeichnisse in edierter Form zur Verfügung zu haben. Es wäre schön, wenn das Fuldaer Beispiel (Volkshoch-)Schule machen würde.


Anmerkungen:

[1] Grundlegend: Winfried Schulze: Reich und Türkengefahr im späten 16. Jahrhundert. Studien zu den politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen einer äußeren Bedrohung, München 1978; ders.: Die Erträge der Reichssteuern zwischen 1576 und 1606, in: Jahrbuch für die Geschichte Mittel- und Ostdeutschlands 27 (1978), 169-185, hier 181. Zur Zeit vor 1576 vgl. Peter Schmid: Reichssteuern, Reichsfinanzen und Reichsgewalt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Heinz Angermeier / Reinhard Seyboth (Hg.): Säkulare Aspekte der Reformationszeit (= Schriften des Historischen Kollegs; Kolloquien 5), München / Wien 1983, 153-198, Diskussion, 199-216; Maximilian Lanzinner: Friedenssicherung und politische Einheit des Reiches unter Kaiser Maximilian II. (1564-1576) (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; 45), Göttingen 1993, 464-499; Peter Rauscher: Kaiser und Reich. Die Reichstürkenhilfen von Ferdinand I. bis zum Beginn des "Langen Türkenkriegs" (1548-1593), in: Friedrich Edelmayer / Maximilian Lanzinner / Peter Rauscher (Hg.): Finanzen und Herrschaft. Materielle Grundlagen fürstlicher Politik in den habsburgischen Ländern und im Heiligen Römischen Reich im 16. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; 38), Wien / München 2003, 45-83; ders.: Zwischen Ständen und Gläubigern. Die kaiserlichen Finanzen unter Ferdinand I. und Maximilian II. (1556-1576) (= Veröffentlichungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung; 41), Wien / München 2004, 77-103, 313-334.

[2] Schulze: Reich (wie Anm. 1), 362.

[3] Beispielsweise bezahlte Philipp Schuler aus Hammelburg Steuern in Höhe von 36 Gulden, während Lentz Guthmann aus Boppenhausen lediglich 2 Pfennig, also nur den 4320. Teil davon, abführte.

[4] Zum Beispiel ist der in Schondra (Amt Brückenau) verzeichnete "Dauidt judt zu Bruck(enau)" (261/Nr. 70.292) offenbar mit dem gleichnamigen Juden in der Brückenauer Vorstadt identisch (130/Nr. 54.109), er kann daher nicht zu den Brückenauer und den Schondraer Juden gezählt werden.

Peter Rauscher