Rezension über:

Rainer Pöppinghege: Im Lager unbesiegt. Deutsche, englische und französische Kriegsgefangenen-Zeitungen im Ersten Weltkrieg, Essen: Klartext 2006, 349 S., ISBN 978-3-89861-467-2, EUR 32,00
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Rezension von:
Markus Pöhlmann
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Nils Freytag
Empfohlene Zitierweise:
Markus Pöhlmann: Rezension von: Rainer Pöppinghege: Im Lager unbesiegt. Deutsche, englische und französische Kriegsgefangenen-Zeitungen im Ersten Weltkrieg, Essen: Klartext 2006, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/9817.html


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Rainer Pöppinghege: Im Lager unbesiegt

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Kriegsgefangenschaft stellte im Ersten Weltkrieg ein Massenphänomen dar; allein auf deutscher Seite gerieten über eine Million Soldaten in Gefangenschaft. Dazu kam eine große Zahl von Zivilisten, die sich zum Zeitpunkt der Kriegserklärungen von 1914 (respektive 1917 für die USA) im Ausland aufgehalten hatten und dann als "Zivilinternierte" gefangen gesetzt wurden. In den zunächst unter improvisierten Bedingungen errichteten Lagern bildeten sich über die Jahre regelrechte Lagergesellschaften aus, deren wichtigstes Kommunikationsmedium Lagerzeitungen bzw. -zeitschriften darstellten. Rainer Pöppinghege hat in seiner Paderborner Habilitationsschrift diese Medien erstmals umfassend und international vergleichend ausgewertet.

Der Titel führt zunächst insofern etwas in die Irre, als es sich nicht primär um eine mediengeschichtliche Untersuchung von Lagerzeitungen handelt, sondern der Autor annähernd zwei Drittel des Buches darauf verwendet, Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg an sich darzustellen - zunächst die kriegsvölkerrechtlichen Rahmenbedingungen, dann die Organisation der Lager, die Behandlung durch die Nehmerstaaten, die kommunikativen Beziehungen innerhalb der Lagergesellschaft und mit der Heimat, die mentale Situation der Gefangenen sowie die Problematik der Rückkehr und der Wiedereingliederung in die jeweiligen Nachkriegsgesellschaften. Dabei dienen ihm gleichwohl die Lagerperiodika als eine maßgebliche und in der Breite bis dato noch nicht herangezogene Quelle.

Das Leben im Lager war bestimmt vom Unterhalt einer Infrastruktur, bei der den Gefangenen vielfach bestimmte Bereiche zur Selbstverwaltung übertragen wurden. Hier setzten sich militärische Hierarchien fort oder es etablierten sich, so im Fall der Zivilinterniertenlager, neue. Der Tagesablauf war streng geregelt und eintönig. Mit Ausnahme der Offiziere und der Zivilinternierten wurden die Insassen auch zur Zwangsarbeit herangezogen. Bei seiner Untersuchung der Lagerorganisation, des Alltags und der Behandlungspraxis durch die Nehmerstaaten stellt der Autor eine weitgehend ähnliche Situation für die Lager im Deutschen Reich, in Frankreich und Großbritannien fest (die Situation in den USA und in Russland fließt kursorisch in die Darstellung ein). Zwar habe die deutsche Militärverwaltung in der Behandlung der Gefangenen einen "relativ liberalen Kurs" (307) angelegt, der primär von der Furcht vor alliierter Gräuelpropaganda motiviert war; zwar seien die deutschen Gefangenen in Frankreich verhältnismäßig stärker zur Arbeit herangezogen worden. Aber letztlich seien die durch die Haager Landkriegsordnung definierten Behandlungsgrundsätze eingehalten worden. Wo dies nicht der Fall war, sei bald auf allen Seiten ein fein justiertes Arsenal von Repressalien entwickelt worden, mit dem tatsächliche Übergriffe der Gegenseite umgehend an den im eigenen Gewahrsam befindlichen Gefangenen geahndet wurden. Pöppingheges Einschätzung ist hier sicher zuzustimmen, und es könnte dabei auch noch stärker herausgearbeitet werden, dass die Behandlung von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg - eines Konfliktes, den wir heute vor allem unter den beiden Schlagworten "Totaler Krieg" und "Kampf der Kulturen" fassen - eine vielleicht zuwenig beachtete Erfolgsgeschichte des humanitären Völkerrechts war.

In dieser Situation von Abgeschlossenheit, latenter Entindividualisierung und Eintönigkeit des Alltags bildeten sich schon in den ersten Kriegsmonaten Lagerperiodika heraus, die zunächst teilweise geheim erschienen. Mit der Etablierung der Infrastrukturen und der spezifischen, militärisch geprägten Mikrokosmen entwickelte sich ein regelrechtes Pressewesen, das die Lagerbehörden oft sogar materiell förderten, da man sich dadurch die Kooperationsbereitschaft der Häftlinge erhoffte. Die Periodika mit so illustren Titeln wie "D.H." (Die Hunnen; Knockaloe/England), "Mainly aboubt Gefangs" (Dyrotz), "Tas de Blagues" (Hameln) oder "Die Insel-Woche" (Île Longue/Frankreich) unterschieden sich in der redaktionellen Ausrichtung, im Umfang und in der Lebenserwartung nach den Umständen vor Ort. Im Mittelpunkt der Beiträge standen Informationen über den Kriegsverlauf, literarische Texte ("Lagerlyrik"), Allgemeinbildung und Lagerinterna. Pöppinghege arbeitet bei der statistischen Untersuchung der Themen heraus, dass mit der Dauer des Krieges das Interesse an der Außenwelt merklich nachließ, sich die Periodika dagegen zunehmend auf die Binnenverhältnisse im Lager konzentrierten. Der eintönige Alltag brachte demnach vielfach eine ebensolche Themenpalette mit sich, wobei das Thema der individuellen Gefangennahme selbst bezeichnenderweise vollständig ausgeklammert blieb.

Die Funktionen der Zeitungen lagen zunächst in der Vermittlung von Alltagsinformation. Darüber hinaus sollten sie aber auch der Aufrechterhaltung der Stimmung der Lagerinsassen dienen, ein Zweck, der durchaus auch eine wehrgeistige Konnotation haben oder auf die nationale Selbstvergewisserung abzielen konnte. Überhaupt stand die Selbstlegitimation ihrer Gefangenschaft und die Frage nach Sinngebung einer oft mehrjährigen Lagerhaft hinter vielen Beiträgen der Autoren: "Im Felde bietet sich reifes Mannestum dem Schnitter Tod", klagte etwa ein französischer Gefangener in Königsbrück 1916, "Und wir? Wir müssen untätig zusehen dem grossen Opfer, das sich täglich, stündlich vollzieht [...]" (267). Hinter derartigen Einschätzungen stand dabei weniger der unbedingte Wunsch, wieder an die Front zu kommen, als vielmehr die ängstliche Frage, wie die Heimat die Rückkehrer aufnehmen würde, denen durch die Gefangenschaft die Möglichkeit heldischer Bewährung genommen worden war. Dem latenten Vorwurf, den Krieg in der relativen Sicherheit des Lagers ausgesessen zu haben, wurde in den Lagerzeitungen oft mit einer Selbststilisierung als Opfer begegnet. Pöppinghege führt hier Belege an, die deutlich machen, dass es den Blattmachern auch um eine perspektivische Aufgabe ging, nämlich der Nachwelt ein aus ihrer Sicht authentisches Bild der Lebensbedingungen zu vermitteln.

Bisweilen ermüdet etwas das angestrengte Bemühen um einen korrekten theoretischen Unterbau: Ja gut, für Goffmans "Totale Institutionen" bietet sich das Thema an; Luhmanns "Systematische Evolutionstheorie" wird dann danach bemüht (49); schließlich folgt noch eine Dosis von Maslows "Motivationstheorie" (144). Aber dieses Theorieangebot erscheint letztlich auf- und auch nur ansatzweise wirklich umgesetzt. Weniger wäre da manchmal mehr gewesen, zumal der Text an sich flüssig geschrieben ist und die Schlussfolgerungen zumeist auch überzeugen. Der Klage des Autors, Kriegsgefangenschaft sei ein Desiderat der Weltkriegsforschung kann zumindest teilweise abgeholfen werden, denn mittlerweile erschien eine Reihe von Veröffentlichungen, die leider keinen Eingang mehr in Pöppingheges Buch finden konnte. Zu nennen wären hier die für die Zukunft wohl maßgebliche Studie von Uta Hinz über Kriegsgefangene in Deutschland, Jochen Oltmers vergleichender Sammelband über die nationalen Situationen und Hans-Georg Hofers Monografie über "Nervenschwäche und Krieg", die für die Bewertung der Lager-Neurasthenie (nervöses Erschöpfungssyndrom) hilfreich gewesen wäre. [1] Die Forschung zum Thema bewegt sich also und man kann Rainer Pöppingheges Monografie als einen wichtigen Beitrag dazu empfehlen.


Anmerkung:

[1] Uta Hinz: Gefangen im Großen Krieg. Kriegsgefangenschaft in Deutschland 1914-1918, Essen 2006; Jochen Oltmer (Hg.): Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs, Paderborn 2006; Hans-Georg Hofer: Nervenschwäche und Krieg. Modernitätskritik und Krisenbewältigung in der österreichischen Psychiatrie (1880-1920), Wien 2004.

Markus Pöhlmann