Rezension über:

Ryoko Mori: Begeisterung und Ernüchterung in christlicher Vollkommenheit. Pietistische Selbst- und Weltwahrnehmungen im ausgehenden 17. Jahrhundert (= Hallesche Forschungen; Bd. 14), Tübingen: Niemeyer 2004, 320 S., 11 Karten, ISBN 978-3-931479-52-7, EUR 52,00
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Rezension von:
Miriam Rieger
Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt (FGE)
Redaktionelle Betreuung:
Michael Kaiser
Empfohlene Zitierweise:
Miriam Rieger: Rezension von: Ryoko Mori: Begeisterung und Ernüchterung in christlicher Vollkommenheit. Pietistische Selbst- und Weltwahrnehmungen im ausgehenden 17. Jahrhundert, Tübingen: Niemeyer 2004, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/9767.html


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Ryoko Mori: Begeisterung und Ernüchterung in christlicher Vollkommenheit

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Jacob Philipp Speners Reformschrift "Pia Desideria" von 1675 und das Jahr 1692, als August Hermann Francke seine Tätigkeit in Halle/Saale aufnimmt, gelten allgemein als die Eckdaten des Frühpietismus. In ihrer von Hartmut Lehmann betreuten Dissertation führt Ryoko Mori den Nachweis, dass es zwischen dem Spenerschen und dem Halleschen Pietismus eine weitere entscheidende Phase gab. Diese "zweite Welle des Pietismus" (Mori) begann mit den Leipziger Unruhen 1689/90, entstand in den Koventikeln, wurde maßgeblich von Laien getragen und steigerte sich in kurzer Zeit zu einer religiösen "Begeisterung". Um 1693 fand die Bewegung ein jähes Ende.

In dem vorliegenden Buch verfolgt Mori zwei Absichten: Zum einen unternimmt sie eine Rekonstruktion dieser "Konventikel-Bewegung". Damit erschließt sie der Pietismus-Forschung ein wichtiges, bisher wenig berücksichtigtes Kapitel. Darüber hinaus versucht sie eine Annäherung an die "Innenwelt der einfachen Pietisten": Was bewegte die Männer und Frauen, die in den Konventikeln zusammen kamen, was machte den Umgang mit den Ideen der pietistischen Bewegung für sie so attraktiv? Die Hinwendung der Pietismus-Forschung zur Historischen Anthropologie wird spätestens seit dem letzten Pietismus-Kongress viel diskutiert.[1] Mit der Frage nach dem "pietistischen Selbst" liefert Moris Studie einen der ersten Beiträge dieses "anthropological turn". Daher ist die vorliegende Arbeit über ihren Gegenstand hinaus auch unter methodischen Gesichtspunkten lesenswert, denn sie zeigt, wie ergiebig diese Öffnung sein kann.

Die Untersuchung geht chronologisch vor. Kapitel 1 führt den Leser an den doppelten "Ausgangspunkt der zweiten Welle des Pietismus". Mori bestimmt zwei Wurzeln der Konventikel-Bewegung. Bereits ab 1670 hielt Spener in seiner Frankfurter Gemeinde "Collegia Pietatis" ab. Hier konnten Laien unter der Anleitung ihres Predigers außerhalb des Gottesdienstes zusammenkommen, um in ausgewählten Erbauungsschriften zu lesen. Ein "eigenständiges religiöses Leben der Laien" habe Spener jedoch nicht fördern wollen, meint Mori, denn 1682 erteilte er den Laien in den Versammlungen Redeverbot (14). Dennoch lag hier der Keim für die spätere sozial-religiöse Bewegung. Der entscheidende Anstoß geschah in Leipzig. Hier boten - im Rahmen der Theologenausbildung - ab 1686 junge Magister, darunter auch August Hermann Francke, Bibelübungen an. Die Ausstrahlungskraft der Veranstaltungen war immens und führte zu Gründungen von Privatkollegien. Als im Mai 1690 ein Konventikelverbot erging, verließen die führenden Köpfe, darunter Francke, die Stadt. Vertreibung und Verfolgung kennzeichneten in den folgenden Monaten das obrigkeitliche Vorgehen.

Wie sich unter diesen Bedingungen die "zweite Welle des Pietismus" überregional ausgebreitet hat und welche gemeinsamen theologischen Vorstellungen sich dabei herausbildeten, zeigt Mori in Kapitel 2. Als Multiplikatoren des Konventikelwesens traten vor allem Studenten in Erscheinung, die an den Unruhen um Francke in Leipzig und später in Erfurt beteiligt waren. Die Ereignisse zwangen sie zur Mobilität, oft bot sich die Möglichkeit, als Hauslehrer bei sympathisierenden Familien zu arbeiten. Untereinander hielten die sich nun formierenden Gruppen mit Briefen und Besuchen engen Kontakt. Mori zeigt, wie aus Speners reglementierten Erbauungsstunden in kurzer Zeit eine maßgeblich von Laien getragene soziale Bewegung wurde. Indem sie systematisch Briefe, Reiseberichte und Tagebucheinträge auswertet, gelingt es ihr, den Aufbau dieses gut organisierten Netzwerks Schritt für Schritt geographisch zu rekonstruieren: Es umspannt ein Gebiet, das von Coburg im Süden bis nach Lübeck im Norden reichte und in Ausläufern bis nach Hinterpommern führte. Von großem Wert für den Leser sind die von Mori erstellten Karten, mit deren Hilfe sich die Wanderbewegungen nachvollziehen lassen.

Parallel zu der überregionalen Netzwerkbildung entwickelte sich ein "Gewebe pietistischer Vorstellungen" (56-92). Selbstzeugnisse der beteiligten Männer und Frauen geben Auskunft über die in den Konventikel verhandelten Themen: Verbesserte Lebensführung und Abendmahlspraxis, spirituelle "Wiedergeburt" und das Beharren auf einer möglichen christlichen Vollkommenheit der Bekehrten - das entspricht, wenig überraschend, den zentralen pietistischen Forderungen. Die Rezeption der Schriften namhafter Theologen in den von Laien dominierten Konventikeln zeige jedoch, dass eigenständige Umdeutungen stattfanden. Der Grund für den Erfolg pietistischer Ideen lag, so Mori, nicht zuletzt in ihrer Ambivalenz -so konnte "Perfektionismus" als moralischer Rigorismus verstanden werden, zugleich aber auch den Bekehrten darin bestärken, sich keinen Autoritäten und Ordnungen mehr zu unterwerfen. Das "Gewebe der pietistischen Vorstellungen" der "einfachen Leute" entstand, wie Mori zeigt, in einem Aneignungsprozess: Die Gelehrten formulierten Gedanken, die Laien saugten auf, was ihnen passte, und deuteten es auf ihre Lebenssituation um. Die Konventikel wurden damit zu Resonanzräumen, in denen die Brisanz scheinbar harmloser pietistischer Ideen hervortrat - möglicherweise gegen die Intention der Theologen.

Denn harmlos waren die frommen Zirkel wahrlich nicht. In Kapitel 3 zeigt Mori in Anknüpfung an die Arbeiten von De Boor und Witt, wie sich die gemeinsame Erbauung zu Enthusiasmus steigerte und sich schließlich in religiösen Kollektivekstasen entlud. [2] Diese "Welle der Begeisterung" begann im März 1691, als eine junge Mystikerin, Rosamunde von Asseburg, Aufnahme im Lüneburger Konventikel fand. Rasch traten auch an anderen Orten Männer und Frauen auf, die Visionen und Auditionen hatten. Bis Pfingsten 1693 kann Mori über 40 Fälle dieser "extraordinären Ereignisse" zusammentragen, die in Protokollen und Briefen gut überliefert sind. Als die ersten inspirierten Bußrufe an Vertreter der Obrigkeit gingen, reagierte diese ihrerseits und ging entschlossen gegen die Ekstatiker vor. Das spiegelte sich in einer Radikalisierung der Visionen wider: "Göttliche Auserwählung - Höllenstrafen über die Ungläubigen - Zorn Gottes über die Obrigkeit - Verwüstung der Städte" lautete, so Mori, die Themenfolge (151).

Ein in der Forschung bisher wenig beachteter Erbauungszirkel in Halle steht im Mittelpunkt von Kapitel 4: Das Haus Ringhammer, wo Theologiestudenten einen Freitisch erhielten, wurde im Herbst 1692 Treffpunkt verschiedener Ekstatiker. Als Blutzeichen wahrgenommen wurden, geriet die ganze Versammlung in Verzückung. In mehreren Berichten von Augenzeugen sind diese Vorgänge dokumentiert. Indem sie versuchten, das Geschehen zu deuten, schaukelten sich die Teilnehmer der Veranstaltung in einen rauschartigen Zustand (199). Der Vorfall ist für Mori Höhe- und Wendepunkt der Konventikel-Bewegung: Vor dem Hintergrund der Machtkämpfe in Halle kam es zu einer Untersuchung. In der Folge wurde im November 1692 ein Rezess verabschiedet. Darin stellte sich der Kurfürst zwar hinter Franckes Reformprojekt, die Privatversammlungen jedoch wurden de facto unterbunden. Damit war der Grundstein für den Halleschen Pietismus gesetzt. Es begann nun der Aufbau der "patriarchalischen Institution" (Mori) für Sozial- und Religionserziehung. Nüchterne Ethik statt "begeisterte" Gotteserfahrung lautete jetzt die Forderung an die Laienbewegung. Alten Gefährten, die diese Wendung nicht mit vollzogen, blieb der Weg in die Inspirationsbewegung oder die innere Emigration. Exemplarisch führt Mori das in Kapitel 5 an dem Werdegang des ehemaligen Leipziger Studenten Julius Pfeiffer vor.

Ryoko Mori hat eine dichte, quellennahe und im höchsten Maße lesenswerte Studie vorgelegt. Indem sie den "einfachen" Laien-Pietisten in den Mittelpunkt ihres Interesses stellt, gelingt ihr ein neuer Blick auf die Pietismusgeschichte: Überzeugend warnt Mori davor, den Einfluss der Hochtheologie auf die Laienbewegung zu überschätzen.


Anmerkungen:

[1] Der II. Internationale Kongress für Pietismusforschung in den Franckeschen Stiftungen Halle im Sommer 2005 stand unter dem Motto "Die neue Kreatur - Pietismus und Anthropologie".

[2] Friedrich de Boor: Anna Maria Schuchardt als Endzeit-Prophetin in Erfurt 1691/2, in: PuN 21 (1995), 148-183; Ulrike Witt: Bekehrung, Bildung und Biographie. Frauen im Umkreis der Halleschen Pietismus, Tübingen 1996.

Miriam Rieger