Rezension über:

Beate Braun-Niehr: Das Brandenburger Evangelistar (= Schriften des Domstifts Brandenburg; Bd. 2), Regensburg: Schnell & Steiner 2005, 104 S., 40 Tafeln, ISBN 978-3-7954-1698-0, EUR 19,90
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Rezension von:
Harald Wolter-von dem Knesebeck
Kunsthochschule Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Ulrich Fürst
Empfohlene Zitierweise:
Harald Wolter-von dem Knesebeck: Rezension von: Beate Braun-Niehr: Das Brandenburger Evangelistar, Regensburg: Schnell & Steiner 2005, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/8120.html


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Beate Braun-Niehr: Das Brandenburger Evangelistar

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Seit 1200 breitete sich im sächsisch-thüringischen Bereich der von gebrochen harten Linienführungen geprägte so genannte Zackenstil aus, um schließlich zum beherrschenden Stilphänomen der Malerei des 13. Jahrhunderts im deutschsprachigen Bereich zu avancieren. Zu ihm gab es in der Buchmalerei in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts eine besonders eindrucksvolle Alternative, zu deren Hauptzeugnissen das Brandenburger Evangelistar (Brandenburg, Domstiftsarchiv, ohne Signatur) gehört. Eingebettet in eine variationsreiche Ornamentik sind es hier nicht selten mächtige Figuren, die stärker von der feinen Gewandmodellierung geprägt sind als von gebrochenen Konturlinien. Diese Qualität ist wohl auch der Grund, wieso diese Malereiform schließlich vom Zackenstil verdrängt wurde. In einer Handschrift wie dem Brandenburger Evangelistar hing die Wirkung der Miniaturen wesentlich von der Feinheit der "Peinture" ab. Die im linearen Medium der Musterbücher verbreiteten Vorlagen des Zackenstils waren hingegen auch bei weniger herausragender malerischer Qualität noch hinreichend eindrucksvoll. [1]

Beate Braun-Niehr legt mit ihrem Buch schon die zweite Monografie zum Brandenburger Evangelistar vor. Sie wendet sich wiederum an ein Laien- wie ein Fachpublikum. Hierbei ist ihr Band in jeder Hinsicht ein Fortschritt gegenüber dem beim Erscheinen überaus verdienstvollen Buch von Gülden, Opfermann und Rothe [2], und dies auch wegen der ausgezeichneten Farbfotografien von Hans-Uwe Salge. Beate Braun-Niehr ist insbesondere mit ihrer Arbeit zum Erfurter Missale in Rom als Kennerin der nord- und mitteldeutschen Buchmalerei des Hochmittelalters sowie als Spezialistin für liturgische Handschriften ausgewiesen. [3] Daher kann sie im vorliegenden Band in idealer Weise kunsthistorische, kirchengeschichtliche, kodikologische und liturgiegeschichtliche Abschnitte zu einer gelungenen Gesamtdarstellung verbinden.

Das Brandenburger Evangelistar war immer schon im Besitz des Brandenburger Doms und scheint bereits für ihn entstanden zu sein. Dies legen der Lesungsbestand, der auf ein Prämonstratenserkloster in der Erzdiözese Magdeburg verweist, nahe sowie die Auswahl der Miniaturen (Hervorhebung des Augustinus, Taf. 39, 43, als Regelgeber der Prämonstratenser, und von Petrus und Paulus in der Traditio legis, Taf. 35, 47 f., als den Dompatronen). In ihrer kirchenhistorischen Einführung betont Braun-Niehr daher die Bedeutung, die einer möglichst eindrucksvollen Messfeier auf die noch heidnische Bevölkerung rund um das damals mit Prämonstratensern besetzte Domkapitel von Brandenburg um 1200 eingeräumt wurde. In den Kontext der Aufwertung dieser Messfeier, in den auch das 1197 päpstlich eingeräumte Recht des Brandenburger Propstes gehörte, in Pontifikalgewändern die Messe zu zelebrieren, ordnet sie auch das Evangelistar ein. Die Entwicklung dieses Typus eines liturgischen Buches, das die Lesungen des Diakons aus den Evangelien für die Messe enthält, und sein Lesungsbestand selbst sowie dessen Anordnung werden einleitend vorgestellt. Auch der im Zweiten Weltkrieg verlorene Goldschmiedeeinband wird kurz angesprochen, von dem zumindest die zentrale Kreuzigung noch zum ursprünglichen Bestand gehörte.

Viel ausführlicher und tief gehender als bei Gülden, Opfermann und Rothe sowie mit vielen interessanten neuen Einzelergebnissen werden die abwechslungsreichen Miniaturen und Initialen behandelt, die in ihrem Bezug auf das Kirchenjahr als Festbilder charakterisiert werden. Bei der Einzelbehandlung folgt jeweils auf eine einfühlsame Beschreibung eine Konfrontation mit der Bildtradition. Beides verbindet sich etwa beim Besuch der Heiligen Drei König vor Herodes (22 ff., Taf. 8) in eindrucksvoller Weise. Hier kann die Autorin darlegen, wie mit wenigen feinen Nuancierungen gegenüber der Tradition, etwa derselben Szene im Evangeliar Heinrichs des Löwen, der Dialogcharakter der Szene herausgearbeitet wird.

Für die Frage nach der Traditionsbindung ergibt sich, dass wie bei anderen herausragenden Handschriften dieser Zeit eine breite Palette von Vorlagen vorhanden bzw. bekannt war. Nicht nur die eigene Tradition bis hin zu ottonischen Miniaturen, insbesondere aber das direkte Vor- und Umfeld in Nord- und Mitteldeutschland kurz vor bzw. um 1200, war präsent. Darüber hinaus waren auch westliche, vermutlich englische sowie ebenfalls byzantinische Vorlagen bekannt. Bei Letzteren wird zwischen länger schon im Westen verbreiteten Elementen und aktuellen unterschieden. Gerade vor diesem Hintergrund scheint es mir erwägenswert, ob das schmale "Tuch oder eine Windel" (19, Taf. 4), das Maria in der Geburtsszene geziert vor sich hält, nicht auf die so genannte "Mappa" zurückgeht, ein taschentuchförmiges byzantinisches Zeremonialtuch, das Maria vielfach mit sich führt.

Auch die Initialen, insbesondere die figürlichen, werden in die Betrachtung mit einbezogen. So führt Braun-Niehrs Hinweis auf den Zusammenhang der großen Initialzierseite zur Weihnachtsmatutin (Taf. 5, 20 f.) mit der Wurzel Jesse auf einen gerade damals in Sachsen besonders fruchtbaren Themenbereich. Ob die große Initiale "M" zur Osterperikope (Taf. 25, 38) aber wirklich die beiden Emmausjünger integriert, wäre zu problematisieren. Beide sind mit Beinlingen und der Rechte zudem mit knielangem Gewand nicht wie Apostel gekleidet.

Der sinnvollerweise direkt an die Behandlung der Miniaturen anschließende, 40 Tafeln umfassende Abbildungsteil ist in vorbildlicher Weise in Doppelseiten des aufgeschlagenen Evangelistars organisiert. Zwar werden bei dieser Vorgehensweise auch auf den ersten Blick unspektakuläre Textseiten in Farbe abgebildet. Hiermit wird aber dem Faktum Rechnung getragen, dass immer erst der Gesamtzusammenhang einer Miniatur im aufgeschlagenen Buch eine wirklich adäquate Interpretation zulässt. So kann Braun-Niehr auch die Farbstimmungen solcher Doppelseiten für ihre Interpretation heranziehen (Taf. 22-23, 34). Dort wo aus Kostengründen von diesem Prinzip abgewichen wurde, d. h. bei den Seiten mit kleineren Bildfeldern im hinteren Teil der Handschrift, wird dies mit einem weißen Falzsteg im Bund verdeutlicht.

Das abschließende Kapitel verbindet allgemeine Erwägungen sowie stilistische, paläografische und kodikologische Beobachtungen fazitartig zu einer Bewertung der Entstehungsumstände der aufwändigen Handschrift. Sie dürfte höchstwahrscheinlich in Magdeburg entstanden sein, dem Sitz des für Brandenburg zuständigen Erzbischofs und des Klosters Unser Lieben Frauen als Mutterkonvent der märkischen Prämonstratenser. Es ist allerdings mit der Beschäftigung von wandernden Buchmalern zu rechnen. Ein solcher westlicher Schulung könnte zahlreiche der figürlichen Initialen und einige Miniaturen gegen Codexende (92 f.) auch außerhalb Magdeburgs geschaffen haben, scheint er doch in weiteren Handschriften aus der Region nördlich des Harzes ebenfalls anzutreffen zu sein.

Sehr hilfreich ist schließlich der Anhang, in dem die Lesungsbestände und Miniaturen in ihrer Verteilung im Codex mit kleineren Korrekturen gegenüber der älteren Monografie listenartig erfasst werden. Ein Verzeichnis ausgewählter Literatur beschließt den Band. Es erinnert daran, dass - wohl aus verlegerischen Erwägungen - eine eigentliche Forschungsgeschichte zur Handschrift und ihrem Umfeld unterblieb.

Abgesehen von diesem kleinen Schönheitsfehler liegt in dem Band eine vorbildliche monografische Bearbeitung einer prachtvollen liturgischen Handschrift des Hochmittelalters vor. Sie löst die nicht einfache Aufgabe, interessierte Laien mit gewissen Vorkenntnissen ebenso wie die Fachleute zu erreichen. Bei Letzteren wird ab jetzt der erste Griff ins Buchregal diesem Buch gelten, wenn es um das Brandenburger Evangelistar geht.


Anmerkungen:

[1] Vgl. jetzt Harald Wolter-von dem Knesebeck: Felder der Ausdifferenzierung von Stilformen und Stilbegriff: Der Zackenstil und die Musterbuchfrage, in: Stilfragen zur Kunst des Mittelalters. Eine Einführung, hg. von Bruno Klein und Bruno Börner, Berlin 2005, 95-122.

[2] Josef Gülden / Edith Rothe / Bernhard Opfermann: Brandenburger Evangelistar, Leipzig 1961.

[3] Beate Braun-Niehr: Der Codex Vaticanus Rossianus 181. Studien zur Erfurter Buchmalerei um 1200, Berlin 1996.

Harald Wolter-von dem Knesebeck