Rezension über:

Jörg Oberste: Der "Kreuzzug" gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter, Darmstadt: Primus Verlag 2003, 222 S., ISBN 978-3-89678-464-3, EUR 24,90
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Rezension von:
Amalie Fößel
Facheinheit Geschichte, Universität Bayreuth
Redaktionelle Betreuung:
Jürgen Dendorfer
Empfohlene Zitierweise:
Amalie Fößel: Rezension von: Jörg Oberste: Der "Kreuzzug" gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter, Darmstadt: Primus Verlag 2003, in: sehepunkte 6 (2006), Nr. 5 [15.05.2006], URL: http://www.sehepunkte.de
/2006/05/2145.html


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Jörg Oberste: Der "Kreuzzug" gegen die Albigenser

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Der von Papst Innocenz III. im Kampf gegen die südfranzösischen Katharer initiierte so genannte "Albigenserkreuzzug" (1209-1229) gehört zu den folgenreichen Kriegen des europäischen Hochmittelalters. Als er zu Ende ging, hatten sich die Herrschaftsverhältnisse in Südfrankreich geändert. Vor allem das französische Königtum hatte seinen Macht- und Einflussbereich weit in den Süden ausdehnen können. Viele Bücher sind darüber bereits geschrieben worden. Das begründet sich nicht nur aus den weit reichenden politischen Konsequenzen, sondern auch aus einer besonders guten Quellenlage heraus, steht für die Ereignisse dieser Jahre doch eine breite Quellenbasis zur Verfügung. Dazu gehört unter anderem die Historia Albigensis des Zisterziensers Peter de Vaux-de-Cernay sowie die gereimte okzitanische Chanson de la croisade albigeoise des Wilhelm von Tudela.

Der durch seine Studien zur Religiosität städtischer Eliten in Toulouse im 12. und 13. Jahrhundert ausgewiesene Autor legt hiermit ein neues Buch zum Krieg gegen die Katharer vor. Geschrieben ist es für ein breites deutsches Lesepublikum. Neben den ereignisgeschichtlichen Fakten werden besonders ausführlich die Quellen und vor allem die beiden genannten historiografischen Werke zitiert, vielfach in wörtlicher Übersetzung.

Die Monografie gliedert sich in acht Kapitel. Ausgehend vom Land - Okzitanien - (9-27) und den Leuten, insbesondere den Katharern, ihrer "Religion und Geschichte", ihrer gesellschaftlichen Umwelt (28-42), skizziert Oberste im dritten Abschnitt mit wenigen knappen Sätzen den "langen Weg in den Krieg" (43-54), der bekanntlich ausgelöst wurde durch den Mord am päpstlichen Legaten Peter von Castelnau im Januar 1208. Denn nun ließ Papst Innocenz III. den Kreuzzug predigen und rief zum bewaffneten Kampf auf. Der mächtige Graf Raimund VI. von Toulouse wird für den Mord verantwortlich gemacht, muss sich einer demütigenden öffentlichen Bußzeremonie unterziehen und wird schließlich selbst zum Kreuzfahrer (55-60). Step by step zeichnet Oberste die Chronologie des Kreuzzuges nach: Am Beginn stand der Fall und das Gemetzel von Béziers und die Eroberung von Carcassonne (65-78). Es folgte der langjährige Kampf um Toulouse unter dem Oberbefehl Simons von Montfort, der die Situation veränderte, denn nun formierte sich ein breiter okzitanischer Widerstand. Der Graf von Toulouse wechselte die Fronten, stellte sich auf die Seite seiner katharerfreundlichen Vasallen, der Grafen von Foix und Comminges, und übernahm die militärische Führung (82-113). Die Schlacht von Muret im September 1213 gewannen die Kreuzfahrer. Auf der Gegenseite starb einer der prominenten Kämpfer, König Peter II. von Aragón, der Schwager des Grafen von Toulouse (114-126). Das vierte Laterankonzil (1215) entzog Raimund VI. die Herrschaftsgewalt in seinen Ländern und sprach Simon von Montfort den Titel des Grafen von Toulouse zu (126-130). Diesem Höhepunkt an Macht folgte der Fall. Das Land solidarisierte sich mit den Raimundinern und Montfort geriet zunehmend in Bedrängnis, fand schließlich im Juli 1218 vor den Mauern von Toulouse den Tod (131-147). Damit begann eine neue Phase des Krieges mit längeren Pausen zwischen den Schlachten und diplomatischen Initiativen. "Außerdem trat der Krieg in die nächste Generation" (148). Nun kämpften die Söhne der vormaligen Akteure. An die Spitze der Kreuzfahrer trat der französische Thronfolger und seit 1223 König Ludwig VIII. (152-157). Der Friede von Paris 1229 war der "bittere Frieden" (173-195): Der Herrschaftsbereich der Raimundiner wurde zu Gunsten der französischen Krone deutlich verkleinert. Und die Katharer? Gegen sie setzte Papst Gregor IX. Inquisitoren ein, die effektiv arbeiteten (184-195). Als Rückzugsort blieb den Katharern die Burg auf dem Montségur, bis auch diese im März 1244 erobert wurde. Mit dem Tod Raimunds VII. 1249 aber ging die Herrschaft in Toulouse auf die Kapetinger über (196-203).

Neben dem in seinen markantesten Etappen abgesteckten Ereignisverlauf rückt Oberste vor allem die Protagonisten ins Zentrum seiner Ausführungen, indem er deren Motivationen und Handlungsweisen aufzeigt und erklärt. Das Buch basiert auf dem neuesten Forschungsstand und präsentiert sich narrativ und anschaulich geschrieben, weil in die Argumentation immer wieder Quellenbelege als wörtliche Zitate eingebaut und diskutiert werden. Der Anmerkungsapparat bleibt reduziert auf die wichtigsten Nachweise, das Literaturverzeichnis enthält eine knappe Auswahl der Literatur, ein Namens- und Ortsregister ist beigegeben.

Amalie Fößel